
Der Nordwind und die Sonne
2 Min. Lesezeitab 4 Jahrentalerie.com/de/maerchen/der-nordwind-und-die-sonne
Der Nordwind und die Sonne streiten, wer von beiden stärker ist, und messen ihre Kraft an einem Wanderer: Je heftiger der Wind bläst, desto fester hält der Mann seinen Mantel. Die Sonne dagegen scheint erst sanft und dann mit ganzer Kraft, bis der Wanderer den Mantel ablegt und über den Arm wirft.
Eines Tages gerieten der Nordwind und die Sonne in Streit. Jeder von beiden war fest davon überzeugt, stärker zu sein als der andere, und keiner wollte nachgeben.
„Niemand ist so stark wie ich“, brauste der Nordwind. „Wenn ich blase, biegen sich die Bäume, und das Meer schlägt hohe Wellen.“
„Das mag sein“, sagte die Sonne ruhig. „Aber stärker als ich bist du deshalb noch lange nicht.“
So stritten sie hin und her, bis sie unten auf der Landstraße einen Wanderer entdeckten. Er trug einen dicken Mantel und ging gemächlich seines Weges.
„Lass es uns ausprobieren“, schlug die Sonne vor. „Wer von uns beiden dem Mann zuerst den Mantel abnimmt, der ist der Stärkere.“
Der Nordwind war sofort einverstanden, und er durfte es als Erster versuchen.
Er holte tief Luft und nahm all seine Kraft zusammen. Dann stürzte er sich heulend und wirbelnd auf den Wanderer und packte zu, als wollte er ihm den Mantel mit einem einzigen Ruck von den Schultern reißen.
Doch der Mann hielt den Mantel mit beiden Händen fest. Je heftiger der Wind blies, desto fester wickelte sich der Wanderer darin ein. Er schlug den Kragen hoch und zog den Kopf ein, und so sehr der Nordwind auch tobte und zerrte, der Mantel blieb, wo er war. Schließlich war der Wind außer Atem und musste aufgeben.
Nun war die Sonne an der Reihe. Zuerst schien sie ganz sanft auf den Wanderer herab. Bald wurde ihm warm. Er öffnete die Schließe an seinem Hals und ging weiter, den Mantel nur noch lose über den Schultern.

Dann ließ die Sonne ihre ganze Kraft strahlen. Die Luft flimmerte über der Straße, und der Mann war noch nicht weit gekommen, da war er froh, den Mantel ganz ablegen zu können. Er warf ihn sich über den Arm und wanderte so viel leichter weiter.
Nacherzählt von Talerie, Quelle: Aesop's Fables: a new translation (wird in einem neuen Fenster geöffnet)
Lizenz: GemeinfreiDiesen Text darfst du kopieren, bearbeiten und frei verwenden. Über einen Link zu Talerie freuen wir uns, nötig ist er nicht.CC0 1.0 (wird in einem neuen Fenster geöffnet)

