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Ein Fuchs springt senkrecht in die Höhe, die Vorderpfoten knapp unter drei dunklen Trauben am Holzspalier, dahinter eine Steinmauer und Rebenreihen.

Der Fuchs und die Trauben

Äsop

1 Min. Lesezeit ab 3 Jahren

Über einer Gartenmauer hängen schwere Trauben an einem hohen Spalier und glänzen in der Abendsonne. Einem hungrigen Fuchs läuft bei ihrem Anblick das Wasser im Mund zusammen, und schon nimmt er Anlauf.


An einem späten Nachmittag kam ein hungriger Fuchs an einer Gartenmauer vorbei. Über der Mauer rankte ein Weinstock an einem hohen Spalier aus Holz, und daran hingen schwere Trauben, die in der Abendsonne glänzten.

„Die sind reif“, sagte der Fuchs, und ihm lief das Wasser im Mund zusammen. Er ging ein paar Schritte zurück, nahm Anlauf und sprang. Die Trauben blieben, wo sie waren.

Er sprang ein zweites Mal, höher als zuvor, und streifte mit der Schnauze ein Blatt, mehr nicht. Beim dritten Mal sprang er, so hoch er nur konnte. Es fehlte nicht viel, aber es fehlte jedes Mal.

Niemand jagte ihn fort, und niemand sah ihm zu. Der Fuchs blieb stehen, schüttelte sich den Staub aus dem Fell und hob den Kopf. Dann ging er den Weg entlang davon, als wäre nichts gewesen. Hinter ihm hingen die Trauben noch genauso über der Mauer wie vorher, und am Horizont wurde der Himmel langsam orange.

Der Fuchs geht mit erhobenem Kopf den Weg entlang; hinter ihm hängt eine dunkle Traube am Spalier, am Horizont glüht der Himmel orange.

„Ich dachte, die Trauben wären reif“, sagte er laut vor sich hin. „Jetzt sehe ich, dass sie ganz sauer sind.“

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Nacherzählt von Talerie, Quelle: Aesop’s Fables: a new translation (wird in einem neuen Fenster geöffnet) Gemeinfrei

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Über diese Fabel

Die Fabel vom Fuchs und den Trauben wird Äsop zugeschrieben. Auf Griechisch steht sie als Prosastück in der Ausgabe von Émile Chambry (Nr. 32), lateinisch in Versen bei Phaedrus. Bei Chambry kommt ein hungriger Fuchs nicht an die Trauben heran und sagt sich im Weggehen: „Ὄμφακές εἰσιν“, in Chambrys Übersetzung „C’est du verjus“.

Als Vorlage diente uns die englische Fassung von V. S. Vernon Jones; dort ist diese Fabel die erste des ganzen Buches. Bei ihm springt der Fuchs, so hoch er kann, und nennt die Trauben danach „quite sour“; eine Lehre gibt es bei ihm nicht. Wir erzählen in fünf Absätzen, und die Lehre am Ende ist unsere.

Der griechische Text neben Vernon Jones

Griechisch (Chambry Nr. 32)Vernon Jones (1912)
Der Fuchshungrig„A hungry Fox“
Die Traubenhängen an „une treille“ (Chambry)an einem Weinstock am hohen Spalier
Der Versuchkein Sprung, nur: kommt nicht heranspringt, so hoch er kann; wie oft, steht nicht da
Das Weggehenspricht beim Gehen zu sich selbstgeht würdevoll und unbekümmert davon
Die letzten Worte„Ὄμφακές εἰσιν“, Chambry „C’est du verjus“für reif gehalten, nun „quite sour“
Lehremanche schieben ihr Scheitern auf die Umständekeine
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Jetzt sehe ich, dass sie ganz sauer sind.
V. S. Vernon Jones, 1912: I thought those Grapes were ripe, but I see now they are quite sour.

So erzählen wir die Fabel

Bei Vernon Jones ist die Fabel ein einziger Absatz. Wir lassen den Fuchs an einem späten Nachmittag an einer Gartenmauer vorbeikommen, über der Trauben an einem hölzernen Spalier in der Abendsonne glänzen. Bevor er springt, sagt er: „Die sind reif“. Er springt dreimal, beim dritten Mal so hoch er nur kann; Vernon Jones nennt keine Zahl. Dann schüttelt er sich den Staub aus dem Fell und geht davon, als wäre nichts gewesen. Erst ganz am Schluss erklärt er die Trauben für sauer.

Auch diesen Satz haben wir hinzugefügt: „Niemand jagte ihn fort, und niemand sah ihm zu.“ Dem Fuchs geschieht also nichts, keiner lacht ihn aus, und er kehrt auch nicht zu den Trauben zurück. Die Lehre unter dem Text stammt von uns: „Es ist leichter, etwas schlechtzumachen, als zuzugeben, dass man es nicht geschafft hat.“

Phaedrus, La Fontaine, Schmitz und andere Füchse

Bei Phaedrus springt der Fuchs mit aller Kraft („summis saliens viribus“) und sagt: „Nondum matura est; nolo acerbam sumere“. La Fontaines Fuchs ist ein Gascogner oder, wie andere sagen, ein Normanne. Er erklärt: „Ils sont trop verts“, und die letzte Zeile fragt, ob das nicht besser war, als zu klagen. Unter den Fabeltexten, die wir gelesen haben, nennen nur die englischen die Trauben sauer, außerdem eine deutsche Parodie. Hermann Harry Schmitz hat sie unter demselben Titel geschrieben, den auch unsere Fabel trägt; es ist die erste seiner „Drei Fabeln ohne Moral“. Sein Fuchs steigt auf einen Stuhl und kostet, und hier sind die Trauben wirklich sauer. Dem Raben sagt der Fuchs: „Zu sauer“; der Rabe pickt eine Beere, spuckt und fliegt beschämt davon.

In „Der Rabe und der Fuchs“ und „Der Fuchs und der Storch“, zwei Fabeln aus demselben Buch von Vernon Jones, tritt jeweils ein anderer Fuchs auf, und um Trauben geht es dort nicht.

Quellen

Historische Fassungen

Katalog

Am 14. Oktober 2026 mit diesen Quellen abgeglichen.

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