OriginalDas kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern
5 Min. Lesezeitab 7 Jahrentalerie.com/de/maerchen/das-kleine-maedchen-mit-den-schwefelhoelzern-original
Am Silvesterabend geht ein armes Mädchen barfuß durch den Schnee und reißt ein Schwefelholz nach dem anderen an der kalten Mauer an. Im Glanz der letzten Hölzer holt die tote Großmutter es zu sich, und in der Morgenstunde sitzt das erfrorene Kind mit einem Lächeln um den Mund im Winkel an der Mauer.
Es war entsetzlich kalt. Es schneite, und der Abend war beinahe schon dunkel, der letzte Abend des Jahres. In dieser Kälte und Finsternis ging ein kleines, armes Mädchen durch die Straßen, ohne Mütze und mit nackten Füßen. Als sie von zu Hause fortging, hatte sie zwar Pantoffeln angehabt, aber was nützten die schon? Es waren sehr große Pantoffeln, ihre Mutter hatte sie bis dahin getragen, so groß waren sie. Die Kleine verlor sie, als sie über die Straße huschte, weil zwei Wagen schrecklich schnell vorbeirollten. Den einen Pantoffel fand sie nicht wieder, den anderen schnappte sich ein Junge und lief damit davon.
So ging das kleine Mädchen nun auf bloßen Füßen, die rot und blau waren vor Kälte. In einer roten Schürze trug sie einen ganzen Vorrat an Schwefelhölzern, und ein Bündel davon hielt sie in der Hand. Den langen Tag über hatte ihr niemand etwas abgekauft, niemand ihr auch nur einen Pfennig geschenkt.
Zitternd vor Kälte und Hunger schlich sie dahin, ein Bild des Jammers, die arme Kleine.
Die Schneeflocken legten sich auf ihr langes blondes Haar, das ihr in schönen Locken in den Nacken fiel. Daran dachte sie freilich nicht. Aus allen Fenstern schien Licht, und es roch herrlich nach Gänsebraten, denn es war Silvesterabend. Daran dachte sie sehr wohl.
In einem Winkel zwischen zwei Häusern, von denen das eine ein wenig weiter vorsprang als das andere, setzte sie sich hin und kauerte sich zusammen. Die kleinen Füße hatte sie an sich gezogen, doch nun fror sie erst recht, und nach Hause zu gehen wagte sie nicht. Sie hatte ja keine Schwefelhölzer verkauft und brachte keinen Pfennig mit. Von ihrem Vater würde sie gewiss Schläge bekommen, und kalt war es zu Hause auch. Über sich hatten sie nur das Dach, durch das der Wind pfiff, obwohl die größten Ritzen mit Stroh und Lumpen zugestopft waren.
Ihre kleinen Hände waren vor Kälte fast erstarrt. Ach, ein einziges Schwefelholz könnte ihr so guttun, wenn sie nur eines aus dem Bündel ziehen, es an der Mauer anreißen und sich die Finger wärmen dürfte. Sie zog eines heraus. Ritsch! Wie es sprühte, wie es brannte! Als sie die Hände darüberhielt, brannte es warm und hell wie ein kleines Licht, ein wunderbares kleines Licht. Dem Mädchen war wirklich, als säße es vor einem großen eisernen Ofen mit blanken Messingfüßen und einem Aufsatz aus Messing. Wie das Feuer darin brannte, wie wohltuend es wärmte! Schon streckte die Kleine die Füße aus, um auch sie zu wärmen, da erlosch das Flämmchen. Der Ofen verschwand, und sie hielt nur noch den abgebrannten Rest des Schwefelholzes in der Hand.
Ein zweites riss sie an der Mauer an. Es leuchtete, und wo der Schein auf die Mauer fiel, wurde diese durchsichtig wie ein Schleier. Das Mädchen konnte in die Stube hineinsehen. Auf dem Tisch lag ein weißes Tischtuch, darauf stand glänzendes Porzellan, und herrlich dampfte die gebratene Gans, gefüllt mit Äpfeln und getrockneten Pflaumen. Und noch prächtiger war, was nun geschah: Die Gans hüpfte von der Schüssel herunter und watschelte über den Fußboden, Messer und Gabel in der Brust, geradewegs auf das arme Mädchen zu. Da erlosch das Schwefelholz, und nur die dicke, feuchtkalte Mauer blieb zurück.

Sie zündete noch eines an. Nun saß sie unter einem herrlichen Weihnachtsbaum. Er war noch größer und noch schöner geschmückt als der, den sie durch die Glastür bei dem reichen Kaufmann gesehen hatte. Tausende von Lichtern brannten auf den grünen Zweigen, und bunte Bilder, wie man sie in den Schaufenstern sah, blickten auf sie herab. Die Kleine streckte die Hände nach ihnen aus, da erlosch das Schwefelholz. Die Weihnachtslichter stiegen höher und höher, und nun sah sie, dass es Sterne am Himmel waren. Einer davon fiel herunter und zog einen langen feurigen Streifen hinter sich her.

„Jetzt stirbt jemand“, dachte das kleine Mädchen. Denn ihre alte Großmutter, die Einzige, die sie je lieb gehabt hatte und die nun tot war, hatte ihr erzählt: Wenn ein Stern herunterfällt, steigt eine Seele zu Gott empor.
Sie strich wieder ein Schwefelholz an der Mauer an. Es wurde hell um sie her, und in dem Schein stand die alte Großmutter, klar und leuchtend, ganz sanft und voller Liebe.
„Großmutter!“, rief die Kleine. „Oh, nimm mich mit! Ich weiß, du gehst fort, wenn das Schwefelholz erlischt. Du verschwindest wie der warme Ofen, wie der herrliche Gänsebraten und wie der große, prächtige Weihnachtsbaum!“
Und rasch riss sie das ganze Bündel Schwefelhölzer an, denn sie wollte die Großmutter ganz fest bei sich behalten. Die Hölzer leuchteten mit einem solchen Glanz, dass es heller wurde als am hellen Tag. Nie zuvor war die Großmutter so schön gewesen, so groß. Sie nahm das kleine Mädchen auf den Arm, und beide flogen in Glanz und Freude hoch über die Erde, unendlich hoch. Dort oben gab es weder Kälte noch Hunger noch Angst; sie waren bei Gott.

Aber im Winkel an der Mauer saß in der kalten Morgenstunde das arme Mädchen, mit roten Wangen und einem Lächeln um den Mund, erfroren am letzten Abend des alten Jahres. Die Sonne des neuen Jahres ging über der kleinen Toten auf. Starr saß das Kind da, mit den Schwefelhölzern, von denen ein Bündel abgebrannt war.
„Sie hat sich wärmen wollen“, sagte man. Niemand ahnte, welche Schönheit sie gesehen hatte und in welchem Glanz sie mit der Großmutter in die Freude des neuen Jahres eingegangen war.
Nacherzählt von Talerie, Quelle: Sämmtliche Märchen (wird in einem neuen Fenster geöffnet)Lizenz: GemeinfreiDiesen Text darfst du kopieren, bearbeiten und frei verwenden. Über einen Link zu Talerie freuen wir uns, nötig ist er nicht.CC0 1.0 (wird in einem neuen Fenster geöffnet)

