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Ein Mädchen kniet im sonnigen Wald und knüpft einem jungen Reh ein schmales goldenes Band um den Hals; im Moos neben ihr liegt ein grünes Binsenseil.

Brüderchen und Schwesterchen

Brüder Grimm

7 Min. Lesezeitab 6 Jahren

Brüderchen und Schwesterchen fliehen vor der Stiefmutter in den Wald, wo verwünschtes Wasser den Bruder in ein Rehchen verwandelt. Ein König macht das Mädchen zur Königin, doch die Stiefmutter nimmt ihr als Hexe das Leben; er erkennt sie wieder, sie wird wieder lebendig, die Hexe verbrennt und das Reh wird ein Mensch.


Brüderchen nahm sein Schwesterchen an der Hand. „Seit die Mutter tot ist, haben wir keinen guten Tag mehr gehabt. Die Stiefmutter schlägt uns jeden Tag und lässt uns nur die harten Brotkanten; dem Hündchen unter dem Tisch wirft sie manchmal einen guten Bissen zu. Komm, wir gehen in die weite Welt.“

Sie gingen den ganzen Tag, und am Abend kamen sie in einen großen Wald. Sie waren so müde, dass sie sich in einen hohlen Baum setzten und einschliefen.

Am Morgen schien die Sonne heiß in den Baum. „Ich habe Durst, Schwesterchen“, sagte Brüderchen. „Ich höre eine Quelle rauschen.“

Die Stiefmutter aber war eine Hexe. Sie war den Kindern heimlich nachgeschlichen und hatte jede Quelle im Wald verwünscht.

Als sie die erste Quelle fanden, wollte Brüderchen trinken. Da hörte Schwesterchen im Rauschen: „Wer aus mir trinkt, wird ein Tiger. Wer aus mir trinkt, wird ein Tiger.“

„Bitte, trink nicht“, rief das Mädchen, „sonst wirst du ein wildes Tier und zerreißt mich.“

Ein Mädchen kniet an der Quelle und hält ihren Bruder am Arm; der Junge beugt sich vor und führt die Hand zum Mund, beide sind barfuß, Sonnenlicht fällt ein.

Brüderchen trank nicht. „Ich warte bis zur nächsten Quelle.“

An der zweiten Quelle rauschte es wieder: „Wer aus mir trinkt, wird ein Wolf. Wer aus mir trinkt, wird ein Wolf.“

„Brüderchen, trink nicht, sonst wirst du ein Wolf und frisst mich.“

„Ich warte“, sagte Brüderchen, „aber an der nächsten muss ich trinken, was du auch sagst. Mein Durst ist zu groß.“

Und an der dritten Quelle rauschte es: „Wer aus mir trinkt, wird ein Reh. Wer aus mir trinkt, wird ein Reh.“

„Ach, trink nicht, sonst wirst du ein Reh und läufst mir fort!“ Aber Brüderchen kniete schon am Wasser, und mit den ersten Tropfen auf den Lippen lag es da als ein Reh.

Schwesterchen weinte, und das Rehchen weinte mit. „Sei still, liebes Rehchen“, sagte das Mädchen. „Ich verlasse dich niemals.“

Es band sein goldenes Strumpfband ab und legte es dem Rehchen um den Hals, flocht aus Binsen ein Seil und führte das Tier tiefer in den Wald.

Endlich fanden sie ein kleines leeres Haus, und dort blieben sie. Schwesterchen machte dem Rehchen ein Lager aus Laub und Moos und sammelte Beeren, Nüsse und zartes Gras.

In der Hütte breitet ein Mädchen Moos und Laub zu einem Lager aus; ein Reh mit goldener Schleife senkt den Kopf zu ihr, daneben steht ein Korb mit Beeren.

Hätte Brüderchen nur seine menschliche Gestalt gehabt, es wäre ein herrliches Leben gewesen.

Eines Tages hielt der König eine große Jagd in dem Wald. Hörner und Hundegebell schallten durch die Bäume, und das Rehchen wollte zu gern dabei sein.

„Lass mich hinaus zur Jagd, ich halte es nicht länger aus.“ Es bat so lange, bis das Schwesterchen nachgab.

„Aber komm mir am Abend wieder“, sagte das Schwesterchen. „Vor den wilden Jägern schließe ich meine Tür. Klopf und sprich: ‚Mein Schwesterlein, lass mich herein.‘ Sonst mache ich nicht auf.“

Das Rehchen sprang hinaus, und die Jäger setzten ihm nach, holten es aber nicht ein. Als es dunkel wurde, klopfte es am Häuschen: „Mein Schwesterlein, lass mich herein.“ Da ging die Tür auf.

Ein Reh ohne Geweih springt mit gestreckten Läufen durch den dämmrigen Wald, ein goldenes Band am Hals; weit hinter ihm folgen Jäger und zwei Hunde.

Am nächsten Morgen ließ das Mädchen es wieder hinaus. Den ganzen Tag jagten sie dem Reh mit dem goldenen Halsband nach, und am Abend verwundete ein Jäger es am Fuß, sodass es hinkte.

Der Jäger schlich ihm nach bis zum Häuschen und hörte, wie es rief: „Mein Schwesterlein, lass mich herein.“ Er sah die Tür aufgehen und wieder zufallen und erzählte dem König alles.

„Morgen wird noch einmal gejagt“, sagte der König.

Schwesterchen wusch die Wunde aus und legte Kräuter auf. Am Morgen aber spürte das Rehchen nichts mehr davon und wollte wieder hinaus.

„Nun werden sie dich töten, und ich bin allein im Wald“, weinte das Schwesterchen. „Ich lasse dich nicht fort.“

„Dann sterbe ich dir hier vor Kummer“, antwortete das Rehchen. „Wenn ich das Horn höre, hält mich nichts mehr.“

Da öffnete ihm das Schwesterchen schweren Herzens die Tür.

„Jagt ihm nach bis in die Nacht“, sagte der König zu seinen Jägern, „aber keiner tut ihm etwas zuleide.“ Am Abend ließ er sich das Waldhäuschen zeigen.

Er klopfte an und rief: „Mein Schwesterlein, lass mich herein.“ Da ging die Tür auf, und vor ihm stand ein Mädchen, so schön, wie er noch keines gesehen hatte.

Es erschrak, denn statt des Rehchens kam ein Mann mit goldener Krone herein. Aber der König sah es freundlich an. „Willst du meine liebe Frau sein und mit mir auf mein Schloss kommen?“

„Ach ja, aber das Rehchen muss mit. Das verlasse ich nicht.“

„Es soll bei dir bleiben, solange du lebst, und ihm soll an nichts fehlen.“

Auf dem Schloss wurde Hochzeit gefeiert, und lange lebten sie vergnügt zusammen; das Rehchen sprang im Schlossgarten umher.

Die Stiefmutter hatte geglaubt, beide Kinder seien längst umgekommen. Als sie hörte, wie gut es ihnen ging, ließen Neid und Missgunst ihr keine Ruhe.

Ihre eigene Tochter, die hässlich war wie die Nacht und nur ein Auge hatte, machte ihr Vorwürfe: „Königin zu werden, das Glück hätte mir zugestanden.“

„Sei nur still“, sagte die Alte. „Wenn es Zeit ist, bin ich schon zur Stelle.“

Als die Königin einen kleinen Sohn geboren hatte und der König auf der Jagd war, nahm die Hexe die Gestalt der Kammerzofe an. „Kommt, das Bad ist fertig“, sagte sie zu der Schwachen, „es wird Euch guttun.“

Sie und ihre Tochter trugen die Königin in die Badestube und schlossen die Tür hinter ihr ab. In der Hitze, die sie angefacht hatten, starb die junge Königin.

Dann legte die Alte ihre Tochter an die Stelle der Königin ins Bett und gab ihr deren Gestalt; nur das fehlende Auge konnte sie ihr nicht geben, und so musste die Tochter auf dieser Seite liegen.

Am Abend kam der König heim, hörte von seinem Söhnchen und wollte ans Bett seiner Frau treten.

„Lasst die Vorhänge zu“, rief die Alte, „die Königin darf noch nicht ins Licht sehen.“ So wusste der König nicht, dass eine falsche Königin im Bett lag.

Um Mitternacht saß die Kinderfrau allein neben der Wiege. Da ging die Tür auf, und die richtige Königin trat herein.

Sie nahm das Kind aus der Wiege, gab ihm zu trinken und deckte es zu. Auch das Rehchen vergaß sie nicht und strich ihm über den Rücken. Dann ging sie schweigend hinaus.

Im blauen Dämmerlicht hebt eine Frau im weißen Nachthemd ein Wickelkind aus der offenen Holzwiege; die alte Kinderfrau sieht vom Stuhl zu, eine Kerze brennt.

So kam die Königin viele Nächte und sprach nie ein Wort, und die Kinderfrau traute sich nicht, davon zu erzählen.

Nach einiger Zeit aber fing die Königin an zu sprechen:

Was macht mein Kind? Was macht mein Reh?Nun komm ich noch zweimal und dann nimmermehr.

Als sie verschwunden war, ging die Kinderfrau zum König und erzählte ihm alles.

„Ach Gott, was ist das!“, sagte der König. „Ich will selbst bei dem Kind wachen.“

Um Mitternacht erschien die Königin wieder und sprach:

Was macht mein Kind? Was macht mein Reh?Nun komm ich noch einmal und dann nimmermehr.

Der König durfte sie nicht anreden. Dann pflegte sie das Kind wie immer. Er wachte auch in der folgenden Nacht, und wieder sprach sie:

Was macht mein Kind? Was macht mein Reh?Nun komm ich noch diesmal und dann nimmermehr.

Da sprang der König auf und rief: „Du kannst niemand anders sein als meine liebe Frau.“

„Ja, ich bin deine liebe Frau“, antwortete sie und war in demselben Augenblick durch Gottes Gnade wieder lebendig, frisch und gesund.

Sie erzählte ihm, was die Hexe und ihre Tochter ihr angetan hatten, und der König ließ beide vor Gericht führen.

Die Tochter wurde in den Wald zu den wilden Tieren gebracht, und niemand sah sie wieder. Die Hexe aber wurde ins Feuer gelegt und verbrannte zu Asche.

In dem Augenblick, als nur noch Asche von ihr übrig war, bekam das Rehchen seine menschliche Gestalt zurück. Schwesterchen und Brüderchen lebten glücklich zusammen bis an ihr Ende.

Nacherzählt von Talerie, Quelle: Kinder- und Hausmärchen (wird in einem neuen Fenster geöffnet)

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