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Sieben schwarze Raben steigen im Abendhimmel über einem Bauernhof auf; unten steht ein Ziehbrunnen, und im Türrahmen hebt ein Mann die Hand.

Die sieben Raben

Brüder Grimm

5 Min. Lesezeit ab 6 Jahren

Sieben Brüder sollen am Brunnen Taufwasser für ihre kleine Schwester holen, und der Krug fällt hinein. Als keiner zurückkommt, verwünscht der Vater sie in Angst und Zorn zu Raben. Lange danach hört das Mädchen, es sei schuld am Unglück seiner sieben Brüder, von denen es nichts wusste.


Ein Mann hatte sieben Söhne, und so sehr er sich auch ein Töchterchen wünschte, es wollte keines kommen. Endlich aber wurde doch noch ein Kind geboren, und diesmal war es ein Mädchen.

Die Freude im Haus war groß. Doch das Kind war klein und schwach, so schwach, dass es noch in derselben Stunde getauft werden sollte.

„Lauf zum Brunnen und hol Taufwasser“, sagte der Vater zu einem der Jungen. „Aber schnell.“

Der Junge lief los, und die anderen sechs liefen mit. Jeder wollte der Erste am Brunnen sein, jeder griff nach dem Krug, und mitten im Gedränge glitt er ihnen aus den Händen und fiel hinunter ins Wasser.

Da standen die sieben am Brunnenrand und wussten nicht, was sie tun sollten. Nach Hause zu gehen traute sich keiner.

Der Vater wartete, und er wartete lange. „Gewiss haben sie es über einem Spiel vergessen“, sagte er.

Dann wurde ihm angst und bange, das Kind könnte ungetauft sterben, und im Zorn rief er: „Ich wollte, die Jungen würden alle zu Raben!“

Kaum war das Wort heraus, da hörte er über dem Dach ein Rauschen von Flügeln. Er blickte auf und sah sieben kohlschwarze Raben davonfliegen, hoch über die Bäume hinweg und fort.

Gesagt war gesagt. Die Eltern konnten den Fluch nicht mehr zurücknehmen.

So sehr sie um ihre Söhne trauerten, ein Trost blieb ihnen doch: Das Töchterchen kam bald zu Kräften und wurde mit jedem Tag schöner.

Von ihren Brüdern wusste das Mädchen lange Zeit nichts, denn Vater und Mutter hüteten sich, von ihnen zu sprechen. Eines Tages aber hörte sie, wie die Leute hinter ihrem Rücken redeten.

„Schön ist sie ja“, sagte eine Frau, „aber am Unglück ihrer sieben Brüder ist sie doch schuld.“

Da wurde das Mädchen ganz traurig. Sie lief zu Vater und Mutter und fragte: „Habe ich Brüder gehabt? Und wo sind sie geblieben?“

Nun konnten die Eltern das Geheimnis nicht länger für sich behalten und erzählten alles, wie es gewesen war. So habe es der Himmel gewollt, sagten sie, und das Mädchen selbst sei ganz ohne Schuld daran.

Das Mädchen aber ließ sich nicht trösten. Tag für Tag machte sie sich Vorwürfe, und eines stand für sie fest: Sie musste ihre Brüder erlösen.

Sie hatte keine Ruhe mehr. Eines Morgens, noch ehe es hell wurde, machte sie sich heimlich auf und ging in die weite Welt, um ihre Brüder zu finden und zu befreien, koste es, was es wolle.

Viel nahm sie nicht mit: ein Stück Brot für den Hunger, ein Krüglein Wasser für den Durst und ein Stühlchen für die Müdigkeit. Dazu einen kleinen Ring von Vater und Mutter, den trug sie als Andenken bei sich.

Sie ging und ging, immer weiter, bis ans Ende der Welt.

Dort kam sie zur Sonne. Die aber war heiß und schrecklich, und sie fraß die kleinen Kinder. So schnell sie konnte, lief das Mädchen wieder fort.

Sie lief zum Mond. Der war eiskalt und böse, und als er merkte, dass ein Kind bei ihm stand, sprach er: „Ich rieche, ich rieche Menschenfleisch.“

Da machte sie sich geschwind davon und kam zu den Sternen. Die waren ihr freundlich und gut, und jeder saß auf seinem eigenen kleinen Stuhl.

Der Morgenstern aber stand auf und gab ihr ein Hühnerknöchelchen.

„Ohne dieses Knöchelchen kannst du den Glasberg nicht aufschließen“, sagte er. „Und im Glasberg, da sind deine Brüder.“

Ein Mädchen kniet unter dem Sternenhimmel und greift nach dem Hühnerknöchelchen, das ihr der Morgenstern reicht; die Sterne sitzen als Kinder auf Stühlchen.

Das Mädchen wickelte das Knöchelchen sorgfältig in ein Tüchlein und ging weiter, so lange, bis der Glasberg vor ihr lag, glatt und blank wie Eis.

Das Tor war verschlossen. Sie wollte das Knöchelchen herausholen, doch als sie das Tüchlein aufschlug, war es leer. Das Geschenk der guten Sterne war ihr unterwegs verloren gegangen.

Ein barfüßiges Mädchen kniet vor einem schmiedeeisernen Tor in einer hohen gläsernen Wand und hält ein leeres Tuch offen, den Blick nach oben gerichtet.

Was sollte sie nun tun? Hinter dem Tor waren ihre Brüder, und einen Schlüssel hatte sie nicht mehr.

Da nahm sie allen Mut zusammen, griff zu einem Messer und schnitt sich einen ihrer kleinen Finger ab. Sie steckte ihn in das Schloss, und das schwere Tor sprang auf.

Drinnen kam ihr ein Zwerglein entgegen. „Mein Kind, was suchst du?“

„Ich suche meine Brüder, die sieben Raben“, antwortete sie.

„Die Herren Raben sind nicht zu Hause“, sagte der Zwerg. „Willst du warten, bis sie kommen, so tritt ein.“

Dann trug das Zwerglein das Essen der Raben herein, auf sieben Tellerchen und in sieben Becherchen.

Von jedem Tellerchen aß die Schwester ein Bröckchen, und aus jedem Becherchen trank sie ein Schlückchen. In das letzte Becherchen aber ließ sie leise den Ring fallen, den sie von zu Hause mitgebracht hatte.

In einer Kristallhöhle hält ein Mädchen einen Ring über einen Becher; auf dem langen Tisch stehen Teller, Becher und eine Öllampe, ein Zwerg sieht aus der Tür.

Auf einmal ging ein Rauschen und Sausen durch die Luft.

„Jetzt kommen die Herren Raben heimgeflogen“, sagte das Zwerglein. Da schlüpfte das Mädchen hinter die Tür und stand ganz still.

Da waren sie schon. Sie wollten essen und trinken und suchten ihre Tellerchen und Becherchen. Und einer nach dem anderen rief: „Wer hat von meinem Tellerchen gegessen? Wer hat aus meinem Becherchen getrunken? Das ist eines Menschen Mund gewesen.“

Als aber der siebte auf den Grund seines Bechers kam, rollte ihm der kleine Ring entgegen. Er sah ihn an und erkannte ihn: Das war der Ring von Vater und Mutter.

„Gott gebe, unser Schwesterchen wäre hier“, sagte er, „dann wären wir erlöst.“

Das Mädchen stand hinter der Tür und hörte den Wunsch. Da trat sie hervor.

In einer Kristallhalle umarmt ein barfüßiges Mädchen einen jungen Mann und hält eine Öllampe; weitere Männer stehen umher, schwarze Federn liegen am Boden.

Im selben Augenblick bekamen alle sieben Raben ihre menschliche Gestalt zurück. Sie herzten und küssten ihr Schwesterchen, und dann zogen sie alle acht fröhlich nach Hause.

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Nacherzählt von Talerie, Quelle: Kinder- und Hausmärchen (wird in einem neuen Fenster geöffnet) Gemeinfrei

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Über dieses Märchen

Das Märchen von den sieben Raben haben die Brüder Grimm gesammelt und 1812 in Berlin zum ersten Mal gedruckt, als Nr. 25 in Band 1 ihrer Sammlung und noch unter dem Titel „Die drei Raben“. Als Herkunft nennen sie die Maingegenden; Bolte und Polívka vermuten, dass es von einer Marie aus dem Wildschen Haus in Kassel stammt.

1819 bekam das Märchen einen anderen Anfang aus einer Wiener Erzählung, und aus drei Brüdern wurden sieben. Die Wanderung der Schwester zu Sonne, Mond und Sternen und bis zum Glasberg stand schon im Text von 1812. Unserer Nacherzählung liegt der Text von 1857 zugrunde, aus der 7. Auflage, der Ausgabe letzter Hand.

Aus drei Raben werden sieben: 1812 und 1857 im Vergleich

Grimm 1812Grimm 1857 (unsere Vorlage)
Die Brüderdrei Söhne einer Muttersieben Söhne eines Mannes
Wer fluchtdie Mutterder Vater, im Ärger
Der AnlassKartenspiel am Sonntag während der KircheTaufkrug fällt in den Brunnen, Söhne bleiben aus
Die Schwesterschon da, liebt die Brüder von Herzennach ihnen geboren, von Leuten beschuldigt
Der Ringein Rabe lässt ihn im Flug fallenvon den Eltern, „zum Andenken“
Vers der Rabenzwei Zeilendrei Zeilen, zuletzt „eines Menschen Mund“
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Wer hat von meinem Tellerchen gegessen? Wer hat aus meinem Becherchen getrunken? Das ist eines Menschen Mund gewesen.
Brüder Grimm, 1857: wer hat von meinem Tellerchen gegessen? / wer hat aus meinem Becherchen getrunken? / das ist eines Menschen Mund gewesen.

Wie unser Text erzählt

Wir halten uns an den Text von 1857 und lassen keine Szene weg. Der Krug für die Nottaufe fällt in den Brunnen, die Söhne trauen sich nicht nach Hause, und der Vater, der meint, sie hätten es über einem Spiel vergessen, verwünscht sie im Zorn. Lange Zeit weiß das Mädchen nichts von ihnen, bis es Leute hinter seinem Rücken reden hört. Die Eltern sagen ihm, so habe es der Himmel gewollt. Mit Brot, Wasser, einem Stühlchen und dem Ring der Eltern zieht es los, zur Sonne, zum Mond und zu den Sternen; der Morgenstern gibt ihm ein Hühnerknöchelchen, bei den Grimms ein „Hinkelbeinchen“. Nur der Schluss ist anders: Bei den Grimms „herzten und küßten“ die Geschwister einander, bei uns herzen und küssen die Brüder ihr Schwesterchen. In beiden Fassungen ziehen danach alle zusammen nach Hause, bei uns heißt es ausdrücklich: alle acht.

Beim Vorlesen solltest du wissen, dass die Sonne in diesem Märchen kleine Kinder frisst und dass das Mädchen sich einen kleinen Finger abschneidet, um damit das Tor des Glasbergs aufzuschließen. Bestraft wird niemand, es stirbt auch keiner, und am Ende kehren alle froh heim.

Verwandte Märchen und eine Verwechslung

Die Grimms selbst verweisen auf das Märchen von den sechs Schwänen (Nr. 49) und schreiben, die Raben seien den Schwänen dort „als eine schwarze, unglücklichere Gestalt entgegengesetzt“. Raben kommen nach ihren Worten auch im Märchen von den zwölf Brüdern (Nr. 9) vor. Außerdem nennen die Grimms Basiles Pentamerone, wo eine Schwester namens Cianna durch die Welt zieht, um ihre sieben Brüder zu erlösen, die dort Tauben sind. Bolte und Polívka führen Fassungen aus vielen Ländern Europas an und bemerken, dass sich das Wiedererkennen am Ring im Becher schon im jüngeren Hildebrandslied findet.

Mit den „Wilden Schwänen“, einer anderen Geschichte auf unserer Seite, gerät dieses Märchen leicht durcheinander, weil dort ebenfalls Brüder zu Vögeln werden und eine Schwester sie erlöst.

Quellen

Historische Fassungen

Am 4. November 2026 mit diesen Quellen abgeglichen.

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