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Nachts reitet ein hagerer Mann in schwarzem Mantel und Hut auf einem mageren Pferd und blickt sich ängstlich um. Über die Holzbrücke kommt ein Reiter ohne Kopf.Original

Die Legende von Sleepy Hollow

Washington Irving

60 Min. Lesezeit ab 8 Jahren

In Sleepy Hollow glaubt der dürre Schulmeister Ichabod Crane jede Geschichte vom kopflosen Reiter. Er kommt aus Connecticut und wirbt um die reiche Erbin Katrina Van Tassel, doch auch Brom Bones will sie. Nachts, so heißt es, jagt der Reiter durch das Tal.


Am Ostufer des Hudson schneiden sich weite Buchten ins Land. Dort, wo der Fluss so breit wird, dass die alten holländischen Seefahrer ihn die Tappan Zee nannten, liegt in einer dieser Buchten ein kleiner Marktflecken mit einem bescheidenen Hafen. Die Seefahrer von damals refften hier immer vorsichtig die Segel und baten den heiligen Nikolaus um seinen Schutz, bevor sie das breite Wasser überquerten.

Manche nennen den Ort Greensburg, die meisten aber, und mit mehr Recht, Tarry Town. Den Namen sollen ihm vor langer Zeit die Hausfrauen der Umgebung gegeben haben, denn ihre Männer blieben an Markttagen allzu gern in der Dorfschenke hängen, und das englische Wort tarry heißt so viel wie trödeln. Ob das stimmt, will ich nicht beschwören; ich erwähne es nur, damit alles seine Richtigkeit hat.

Nicht weit von diesem Ort, vielleicht zwei Meilen entfernt, liegt zwischen hohen Hügeln ein kleines Tal, eher eine Mulde im Land, und es ist einer der stillsten Orte der ganzen Welt. Ein Bach gleitet hindurch und murmelt gerade so leise, dass man darüber einschlummern könnte. Hin und wieder pfeift eine Wachtel oder klopft ein Specht, sonst stört kaum ein Laut die Ruhe.

Ich weiß noch, wie ich als halbwüchsiger Junge zum ersten Mal auf Eichhörnchenjagd ging, in einem Wäldchen aus hohen Walnussbäumen, das eine Seite dieses Tals beschattet. Es war Mittag, die Stunde, in der die ganze Natur besonders still ist, und ich erschrak über den Knall meiner eigenen Flinte. Er zerriss die sonntägliche Ruhe und hallte zornig von den Hängen wider.

Wenn ich mir je einen Ort wünschen sollte, an den ich mich vor der Welt zurückziehen und den Rest eines unruhigen Lebens still verträumen könnte, dann wüsste ich keinen besseren als dieses kleine Tal.

Weil es dort so schläfrig still ist und weil die Leute, Nachkommen der ersten holländischen Siedler, ein ganz eigener Schlag sind, heißt dieses abgelegene Tal schon lange Sleepy Hollow, die schläfrige Senke. Seine Burschen kennt man in der ganzen Gegend als die Sleepy Hollow Boys. Über dem Land scheint ein träumerischer Bann zu liegen, der selbst die Luft durchdringt.

Die einen sagen, ein Wunderdoktor aus Deutschland habe den Ort in den ersten Tagen der Siedlung verhext. Andere meinen, ein alter Indianerhäuptling, der Seher und Zauberer seines Stammes, habe hier seine Beschwörungen abgehalten, lange bevor Meister Hendrick Hudson das Land entdeckte. Sicher ist nur, dass bis heute irgendeine Zauberkraft die guten Leute in ihrem Bann hält, sodass sie wie in einem ständigen Wachtraum umhergehen.

Sie glauben an allerlei Wunderdinge, fallen in Verzückung, haben Visionen, sehen oft seltsame Erscheinungen und hören Musik und Stimmen in der Luft. Die ganze Gegend ist voller Ortssagen, Spukplätze und Geschichten, die man sich in der Dämmerung erzählt. Sternschnuppen fallen und Lichter flammen über diesem Tal häufiger auf als irgendwo sonst im Land, und die bösen Träume scheinen sich mit Vorliebe gerade hier herumzutreiben.

Der mächtigste Geist aber, der in dieser verzauberten Gegend umgeht und gleichsam der Oberbefehlshaber aller Mächte der Luft zu sein scheint, ist eine Gestalt zu Pferde ohne Kopf. Manche sagen, es sei der Geist eines hessischen Reiters, dem in irgendeiner namenlosen Schlacht des Unabhängigkeitskrieges eine Kanonenkugel den Kopf weggerissen habe. Die Landleute sehen den Reiter immer wieder durch die finstere Nacht jagen, als trüge ihn der Wind auf seinen Flügeln.

Der Reiter spukt nicht nur im Tal selbst, sondern manchmal auch auf den Straßen ringsum und besonders in der Nähe einer Kirche, die nicht weit entfernt steht. Einige der zuverlässigsten Geschichtsschreiber dieser Gegend, die alles, was über dieses Gespenst umläuft, sorgfältig gesammelt und verglichen haben, wissen sogar Genaueres. Der Leib des Reiters, sagen sie, liege auf dem Kirchhof begraben, und sein Geist reite jede Nacht zum Schlachtfeld hinaus, um seinen Kopf zu suchen.

Wenn er manchmal wie ein mitternächtlicher Sturmwind durch das Tal braust, dann nur, weil er sich verspätet hat und vor dem Morgengrauen wieder auf dem Kirchhof sein muss. So lautet im Großen und Ganzen diese alte Sage, die in jenem Reich der Schatten schon manche wilde Geschichte hervorgebracht hat. An allen Herdfeuern der Gegend kennt man das Gespenst als den kopflosen Reiter von Sleepy Hollow.

Merkwürdig ist, dass dieser Hang zum Träumen nicht nur die Leute befällt, die im Tal geboren sind. Jeder, der eine Weile dort lebt, nimmt ihn an, ohne es zu merken. Mag einer noch so hellwach gewesen sein, als er in die schläfrige Gegend kam, nach kurzer Zeit atmet er den Zauber der Luft ein, wird voller Einbildungen, träumt Träume und sieht Erscheinungen.

Ich kann diesen friedlichen Ort gar nicht genug loben. Denn in solchen abgelegenen holländischen Tälern, wie man sie hier und da im großen Staat New York findet, bleiben die Menschen, ihre Sitten und Bräuche, wie sie immer waren. Der große Strom der Auswanderer und Neuerungen, der überall sonst in diesem ruhelosen Land alles verändert, rauscht unbemerkt an ihnen vorbei.

Diese Täler gleichen jenen stillen Winkeln am Rand eines reißenden Flusses, wo ein Strohhalm oder eine Luftblase still wie vor Anker liegt oder sich langsam im Kreis dreht, ungestört von der Strömung draußen. Viele Jahre sind vergangen, seit ich durch die schläfrigen Schatten von Sleepy Hollow gewandert bin. Und doch würde ich wohl noch heute dieselben Bäume und dieselben Familien dort finden, die in ihrem geschützten Winkel still vor sich hin leben.

In diesem verborgenen Winkel der Natur lebte vor langer Zeit, nämlich vor gut dreißig Jahren, ein wackerer Mann namens Ichabod Crane. Er wohnte in Sleepy Hollow, oder, wie er selbst es ausdrückte, er verweilte dort, um die Kinder der Gegend zu unterrichten. Er stammte aus Connecticut, einem Staat, der dem ganzen Land Pioniere für den Geist wie für den Wald liefert und jedes Jahr ganze Scharen von Holzfällern und Dorfschulmeistern an die Grenze schickt.

Der Name Crane, das heißt Kranich, passte gut zu ihm. Er war groß, aber außerordentlich dürr, mit schmalen Schultern, langen Armen und Beinen, Händen, die meilenweit aus den Ärmeln baumelten, und Füßen, die als Schaufeln hätten dienen können. Sein ganzer Körper schien nur lose zusammengehängt.

Sein Kopf war klein und oben flach, mit riesigen Ohren, großen grünen Glasaugen und einer langen spitzen Nase. Er sah aus wie eine Wetterfahne, die man auf einen dünnen Hals gesteckt hatte, damit sie anzeigte, woher der Wind wehte. Wer Ichabod an einem windigen Tag über einen Hügelkamm staksen sah, die Kleider schlotternd und flatternd um den Leib, hätte ihn für den Hunger in Person halten können, der auf die Erde herabsteigt, oder für eine Vogelscheuche, die aus dem Maisfeld davongelaufen war.

Ein dürrer Mann in schwarzem Mantel stakst mit flatternden Schößen einen herbstlichen Weg entlang, unten steht ein Schulhaus aus Baumstämmen.

Ichabods Schulhaus war ein niedriges Gebäude mit einem einzigen großen Raum, grob aus Baumstämmen gezimmert. Die Fenster waren zum Teil verglast und zum Teil mit Blättern aus alten Schreibheften geflickt. Wenn niemand darin war, sicherte man es höchst geschickt: Durch den Türgriff wurde eine Weidenrute geflochten, und vor die Fensterläden stellte man Pfähle.

So konnte ein Dieb zwar ganz bequem hinein, hätte aber einige Mühe gehabt, wieder herauszukommen. Diesen Einfall hatte der Baumeister, Yost Van Houten, vermutlich einer Aalreuse abgeschaut. Das Schulhaus stand ziemlich einsam, aber hübsch am Fuß eines bewaldeten Hügels. Dicht daneben floss ein Bach, und an einem Ende wuchs eine furchteinflößende Birke.

An einem schläfrigen Sommertag hörte man von dort das leise Murmeln der Schüler, die ihre Aufgaben vor sich hin sagten, wie das Summen eines Bienenstocks. Ab und zu unterbrach es die gebieterische Stimme des Lehrers, drohend oder befehlend, und manchmal auch das schreckliche Pfeifen der Birkenrute, wenn er einen Trödler auf dem blumigen Pfad des Wissens antrieb.

Ehrlich gesagt war er ein gewissenhafter Mann und hielt sich stets an den goldenen Spruch: „Wer die Rute schont, verdirbt das Kind.“ Verdorben waren Ichabod Cranes Schüler jedenfalls nicht.

Man soll nun aber nicht glauben, er sei einer jener grausamen Herrscher der Schulstube gewesen, die sich am Schmerz ihrer Untertanen freuen. Im Gegenteil, er sprach Recht mit Bedacht statt mit Strenge und nahm die Last von den Schwachen, um sie den Starken aufzuladen. Ein schmächtiges Bürschchen, das schon beim leisesten Schwung der Rute zusammenzuckte, kam glimpflich davon.

Dafür bekam irgendein kleiner, zäher, dickköpfiger holländischer Bengel in weiten Hosen die doppelte Portion, einer, der unter der Rute trotzig schmollte, sich aufblies und verbissen schwieg. Das alles nannte Ichabod „seine Pflicht gegenüber den Eltern tun“. Nie strafte er, ohne dem Bestraften hinterher zu versichern, er werde noch sein Leben lang daran denken und ihm dafür danken. Für einen Bengel mit brennendem Hinterteil war das gewiss ein großer Trost.

Nach der Schule war er sogar Kamerad und Spielgefährte der größeren Jungen. An freien Nachmittagen begleitete er manchmal ein paar von den Kleinen nach Hause, vorzugsweise solche, die hübsche Schwestern hatten oder deren Mütter tüchtige Hausfrauen mit gut gefüllter Speisekammer waren. Es lag ihm nämlich viel daran, mit seinen Schülern auf gutem Fuß zu stehen.

Was die Schule einbrachte, war wenig und hätte kaum für das tägliche Brot gereicht. Denn er war ein gewaltiger Esser, und so dürr er war, er konnte sich dehnen wie eine Riesenschlange. Um ihm durchzuhelfen, gab man ihm nach Landesbrauch Kost und Logis bei den Bauern, deren Kinder er unterrichtete. Bei jedem wohnte er eine Woche lang und zog so reihum durch die Nachbarschaft, seine ganze Habe in ein baumwollenes Tuch geknotet.

Seine ländlichen Gönner neigten dazu, das Schulgeld für eine schwere Last und die Schulmeister für bloße Faulenzer zu halten. Damit ihnen das alles nicht zu teuer wurde, wusste er sich auf mancherlei Art nützlich und beliebt zu machen. Er half den Bauern bei leichteren Arbeiten, machte Heu, flickte Zäune, führte die Pferde zur Tränke, trieb die Kühe von der Weide heim und hackte Holz für den Winter.

Dabei legte er die ganze Würde und Strenge ab, mit der er in seinem kleinen Reich, der Schule, herrschte, und wurde erstaunlich sanft und gefällig. Bei den Müttern war er beliebt, weil er die Kinder herzte, besonders die kleinsten. Wie der kühne Löwe, der einst so großmütig das Lamm hielt, konnte er stundenlang mit einem Kind auf dem Knie dasitzen und mit dem Fuß eine Wiege schaukeln.

Außerdem war er der Gesangslehrer der Gegend und verdiente sich so manchen blanken Schilling, indem er den jungen Leuten das Psalmensingen beibrachte. Und er war nicht wenig stolz darauf, sonntags mit einer Schar ausgewählter Sänger vorn auf der Empore zu stehen. Dort stach er, wenigstens in seinen eigenen Augen, den Pfarrer vollkommen aus.

Sicher ist, dass seine Stimme weit über die ganze Gemeinde hinausschallte. Noch heute hört man in jener Kirche ein ganz besonderes Tremolo, an einem stillen Sonntagmorgen sogar eine halbe Meile weit bis ans andere Ufer des Mühlteichs. Man sagt, es stamme in gerader Linie von Ichabod Cranes Nase ab. So schlug sich der wackere Schulmeister mit allerlei kleinen Notbehelfen recht und schlecht durch. Wer nichts von Kopfarbeit verstand, hielt sein Leben für erstaunlich bequem.

Auf dem Land ist der Schulmeister bei den Frauen gewöhnlich ein Mann von einiger Bedeutung. Man hält ihn für eine Art müßigen Herrn von feinem Geschmack und großer Bildung, den rauen Bauernburschen weit überlegen und an Gelehrsamkeit nur dem Pfarrer unterlegen. Kommt er zu Besuch, gibt es am Teetisch eines Bauernhauses deshalb leicht ein wenig Aufregung, eine Schüssel Kuchen oder Eingemachtes mehr, vielleicht sogar die silberne Teekanne.

Unser gelehrter Mann sonnte sich darum im Lächeln aller Mädchen der Gegend. Wie stolz bewegte er sich sonntags zwischen den Gottesdiensten auf dem Kirchhof unter ihnen! Er pflückte ihnen Trauben von den wilden Reben, die sich an den Bäumen hochrankten, las ihnen zum Zeitvertreib alle Inschriften auf den Grabsteinen vor oder schlenderte mit einer ganzen Schar von ihnen am Mühlteich entlang. Die schüchternen Bauernburschen blieben derweil verlegen zurück und beneideten ihn um seine Eleganz und seine gewandte Rede.

Weil er halb wie ein Wanderer lebte, war er auch eine Art reisende Zeitung und trug allen Klatsch der Gegend von Haus zu Haus, sodass man sich überall freute, wenn er kam. Die Frauen hielten ihn zudem für ungeheuer gelehrt, denn er hatte mehrere Bücher von vorn bis hinten gelesen. Vor allem kannte er Cotton Mathers „Geschichte der Hexerei in Neuengland“ in- und auswendig, und an diese Geschichte glaubte er übrigens fest und unerschütterlich.

Er war tatsächlich eine seltsame Mischung aus kleiner Schlauheit und schlichter Leichtgläubigkeit. Sein Hunger nach Wunderbarem war ebenso groß wie seine Fähigkeit, es zu verdauen, und beides war in diesem verzauberten Landstrich noch gewachsen. Keine Geschichte war ihm zu dick aufgetragen oder zu ungeheuerlich, er schluckte sie alle.

Wenn die Schule am Nachmittag aus war, streckte er sich oft mit Vergnügen in den dichten Klee am Ufer des kleinen Baches, der an seinem Schulhaus vorbeiplätscherte. Dort las er in Mathers grausigen Geschichten, bis die Abenddämmerung die gedruckte Seite vor seinen Augen in Nebel verwandelte.

Dann machte er sich auf den Weg durch Sumpf und Bach und schaurigen Wald zu dem Bauernhof, wo er gerade wohnte, und jeder Laut der Natur in dieser unheimlichen Dämmerstunde brachte seine erhitzte Fantasie in Aufruhr. Da klagte am Hang der Ziegenmelker, ein Vogel, den man nur nachts hört. Da rief unheilvoll der Laubfrosch, der Bote des Gewitters, und heulte trübselig das Käuzchen, oder es raschelte plötzlich im Dickicht, wenn Vögel von ihrem Schlafplatz aufschreckten.

Auch die Glühwürmchen, die an den dunkelsten Stellen am hellsten funkelten, erschreckten ihn manchmal, wenn eines besonders grell über seinen Weg schoss. Und flog ihm gar ein dicker, tölpelhafter Käfer ins Gesicht, dann war der arme Kerl nahe daran, den Geist aufzugeben, denn er glaubte, eine Hexe habe ihn gezeichnet. In solchen Augenblicken half ihm nur eins, um die Gedanken zu übertönen oder die bösen Geister zu vertreiben: Er sang Psalmen.

Die guten Leute von Sleepy Hollow, die abends vor ihren Türen saßen, hörten oft mit Schaudern, wie sein näselnder Gesang lang gezogen vom fernen Hügel oder die dunkle Straße entlang herüberwehte.

Ein anderes seiner schaurigen Vergnügen war es, lange Winterabende bei den alten holländischen Bäuerinnen zu verbringen, die am Feuer saßen und spannen. Am Herd brieten und zischten in einer Reihe die Äpfel, und er lauschte ihren wunderlichen Geschichten von Geistern und Kobolden, von Spukfeldern, Spukbächen, Spukbrücken und Spukhäusern. Vor allem aber erzählten sie vom kopflosen Reiter, den sie manchmal auch den galoppierenden Hessen von Sleepy Hollow nannten.

Ichabod wiederum erfreute sie mit Geschichten von Hexerei, von unheilvollen Vorzeichen und den schrecklichen Erscheinungen und Lauten in der Luft, die es in den früheren Zeiten in Connecticut gegeben hatte. Und er jagte ihnen gewaltige Angst ein mit seinen Betrachtungen über Kometen und Sternschnuppen und mit der erschreckenden Nachricht, dass sich die Erde wirklich drehe und sie selbst die halbe Zeit kopfüber hingen.

Es war zwar behaglich, in der Kaminecke einer Stube zu kauern, die vom prasselnden Holzfeuer ganz rot erglühte und in die sich natürlich kein Gespenst hineinwagte. Doch dieses Vergnügen bezahlte er teuer mit den Schrecken seines Heimwegs. Welche furchtbaren Gestalten und Schatten lauerten ihm im fahlen, gespenstischen Schein einer Schneenacht auf! Mit welch sehnsüchtigem Blick betrachtete er jeden zitternden Lichtstrahl, der aus einem fernen Fenster über die öden Felder fiel!

Wie oft erschrak er vor einem verschneiten Strauch, der wie ein Gespenst im Leichentuch mitten auf seinem Weg stand! Wie oft zuckte er zusammen, wenn er seine eigenen Schritte auf der gefrorenen Schneekruste hörte, und wagte nicht, über die Schulter zu blicken, aus Angst, ein unheimliches Wesen könnte dicht hinter ihm herstapfen! Und wie oft geriet er in helle Verzweiflung, wenn ein Windstoß heulend durch die Bäume fuhr, weil er glaubte, es sei der galoppierende Hesse auf einem seiner nächtlichen Streifzüge!

All das waren jedoch nur Schrecken der Nacht, Hirngespinste, die im Dunkeln umgehen. Er hatte in seinem Leben schon viele Gespenster gesehen und war auf seinen einsamen Wanderungen mehr als einmal dem Teufel in allerlei Gestalt begegnet, aber das Tageslicht machte all diesen Übeln ein Ende. Er hätte trotz des Teufels und all seiner Werke ein vergnügtes Leben führen können, wäre ihm nicht ein Wesen in den Weg getreten, das einem Sterblichen mehr Kopfzerbrechen bereitet als alle Geister, Kobolde und Hexen zusammen. Und dieses Wesen war eine Frau.

Unter den Schülern, die sich einmal in der Woche abends bei ihm versammelten, um Psalmen singen zu lernen, war Katrina Van Tassel, die Tochter und das einzige Kind eines wohlhabenden holländischen Bauern. Sie war ein blühendes Mädchen von gerade achtzehn Jahren, rund wie ein Rebhuhn, reif und zart und rotwangig wie einer der Pfirsiche ihres Vaters. Weit und breit war sie berühmt, nicht nur wegen ihrer Schönheit, sondern auch wegen des großen Erbes, das sie erwartete.

Dabei war sie ein wenig kokett, und das sah man schon an ihrer Kleidung, einer Mischung aus alter und neuer Mode, ganz so, wie es ihre Reize am besten zur Geltung brachte. Sie trug den Schmuck aus reinem Gold, den ihre Ururgroßmutter aus Saardam mitgebracht hatte, ein verlockendes Mieder nach alter Art und dazu einen herausfordernd kurzen Rock, der den hübschesten Fuß und den zierlichsten Knöchel der ganzen Gegend sehen ließ.

Ichabod Crane hatte ein weiches und törichtes Herz für das weibliche Geschlecht, und so ist es kein Wunder, dass ihm ein so appetitlicher Bissen bald gefiel. Erst recht, nachdem er sie auf dem väterlichen Hof besucht hatte. Der alte Baltus Van Tassel war das Musterbild eines wohlhabenden, zufriedenen, freigebigen Bauern.

Zwar blickte er selten über die Grenzen seines eigenen Hofes hinaus, weder mit den Augen noch in Gedanken, doch innerhalb dieser Grenzen war alles behaglich, glücklich und wohlbestellt. Er war mit seinem Reichtum zufrieden, aber nicht stolz darauf, und es kam ihm mehr auf herzhafte Fülle an als auf feine Lebensart.

Sein Hof lag am Ufer des Hudson, in einem jener grünen, geschützten, fruchtbaren Winkel, in denen sich die holländischen Bauern so gern niederlassen. Eine große Ulme breitete ihre Äste darüber aus. An ihrem Fuß sprudelte eine Quelle mit dem weichsten und süßesten Wasser in einen kleinen Brunnen, den man aus einem Fass gemacht hatte. Von dort rann es glitzernd durchs Gras zu einem Bach, der zwischen Erlen und Zwergweiden dahinplätscherte.

Gleich neben dem Wohnhaus stand eine gewaltige Scheune, groß genug für eine Kirche, und aus jedem Fenster und jeder Ritze schienen die Schätze des Hofes hervorzuquellen. Von morgens bis abends hallte darin der Dreschflegel. Schwalben flogen zwitschernd um die Dachtraufe.

Auf dem Dach saßen in langen Reihen die Tauben und genossen die Sonne. Manche hielten ein Auge nach oben gerichtet, als beobachteten sie das Wetter, andere hatten den Kopf unter den Flügel oder in die Brust gesteckt, und wieder andere plusterten sich auf, gurrten und verneigten sich vor ihren Damen.

Glatte, schwerfällige Schweine grunzten in der Ruhe und Fülle ihrer Ställe, aus denen hin und wieder ganze Trupps von Ferkeln hervorstürmten, als wollten sie frische Luft schnuppern. Auf einem Teich nebenan schwamm ein stattliches Geschwader schneeweißer Gänse und geleitete ganze Flotten von Enten. Regimenter von Truthähnen kollerten über den Hof, und Perlhühner zeterten dazwischen wie übellaunige Hausfrauen mit ihrem verdrießlichen, unzufriedenen Geschrei.

Vor dem Scheunentor stolzierte der prächtige Hahn, dieses Vorbild eines Ehemanns, Kriegers und feinen Herrn. Er schlug mit seinen glänzenden Flügeln und krähte aus Stolz und Freude seines Herzens. Manchmal scharrte er mit den Füßen in der Erde und rief dann großmütig seine ewig hungrige Familie aus Frauen und Kindern herbei, damit sie den guten Bissen genossen, den er gefunden hatte.

Dem Schulmeister lief das Wasser im Mund zusammen, als er diese prächtige Aussicht auf üppige Winterkost betrachtete. Vor seinem gefräßigen inneren Auge lief jedes Spanferkel mit einem Pudding im Bauch und einem Apfel im Maul umher. Die Tauben lagen behaglich in einer Pastete zu Bett, unter einer Decke aus Teig. Die Gänse schwammen in ihrer eigenen Soße, und die Enten lagen paarweise in Schüsseln wie gemütliche Eheleute, mit einer ordentlichen Mitgift an Zwiebelsoße.

Ichabod lehnt grinsend an einem Zaun, neben ihm eine Scheune voller Garben, auf dem Teich schwimmen Gänse und Enten, dahinter dreht sich ein Mühlrad.

In den Schweinen sah er schon die künftigen glatten Speckseiten und den saftigen, würzigen Schinken. Keinen Truthahn sah er, den er sich nicht fein zusammengebunden vorstellte, den Magen unter dem Flügel und vielleicht noch eine Kette würziger Würste um den Hals. Und selbst der stolze Hahn lag in seiner Vorstellung rücklings in einer Beilagenschüssel, die Krallen in die Höhe gestreckt, als flehe er um eine Gnade, die er zu Lebzeiten aus ritterlichem Stolz niemals erbeten hätte.

Während sich der entzückte Ichabod das alles ausmalte, ließ er seine großen grünen Augen über die fetten Wiesen schweifen, über die reichen Felder mit Weizen, Roggen, Buchweizen und Mais und über die Obstgärten voller rotbackiger Früchte, die rund um das warme Heim der Van Tassels lagen. Da sehnte sich sein Herz nach dem Mädchen, das all diese Ländereien erben sollte.

Und schon überlegte er, wie man sie rasch zu Geld machen und das Geld in riesige Strecken wilden Landes und in Holzpaläste in der Wildnis stecken könnte. Ja, seine geschäftige Fantasie hatte seine Hoffnungen bereits erfüllt. Er sah die blühende Katrina mit einer ganzen Schar Kinder hoch oben auf einem Wagen sitzen, der mit Hausrat beladen war, und darunter baumelten Töpfe und Kessel. Sich selbst sah er auf einer Passgängerstute reiten, ein Fohlen hinterdrein, auf dem Weg nach Kentucky, nach Tennessee oder weiß der Himmel wohin.

Als er dann ins Haus trat, war die Eroberung seines Herzens vollkommen. Es war eines jener geräumigen Bauernhäuser mit hohem First und tief herabgezogenem Dach, wie es die ersten holländischen Siedler gebaut hatten. Das weit vorspringende Vordach bildete an der Vorderseite eine Veranda, die man bei schlechtem Wetter schließen konnte.

Darunter hingen Dreschflegel, Pferdegeschirr, allerlei Ackergerät und Netze zum Fischen im nahen Fluss. An den Seiten waren Bänke für den Sommer angebracht, und ein großes Spinnrad am einen Ende und ein Butterfass am anderen zeigten, wozu diese wichtige Veranda alles dienen konnte.

Von hier aus trat der staunende Ichabod in die Diele, die den Mittelpunkt des Hauses bildete und in der man gewöhnlich wohnte. Hier blendeten ihn ganze Reihen von blitzendem Zinngeschirr auf einer langen Anrichte. In einer Ecke stand ein riesiger Sack Wolle, die gesponnen werden sollte, in einer anderen ein Stapel Halbleinen, frisch vom Webstuhl. An den Wänden hingen in bunten Girlanden Maiskolben und Schnüre mit getrockneten Äpfeln und Pfirsichen, dazwischen leuchteten rote Paprikaschoten.

Durch eine angelehnte Tür konnte er einen Blick in die gute Stube werfen. Dort glänzten die Stühle mit Klauenfüßen und die dunklen Mahagonitische wie Spiegel, und die Feuerböcke samt Schaufel und Zange schimmerten hinter einem Büschel Spargelkraut hervor. Auf dem Kaminsims lagen Zieräpfel und Muschelschalen, darüber hingen Schnüre mit bunten Vogeleiern, und mitten im Raum baumelte ein großes Straußenei. Ein Eckschrank, den man mit Bedacht offen gelassen hatte, zeigte ungeheure Schätze an altem Silber und gut geflicktem Porzellan.

Von dem Augenblick an, da Ichabod diese Gefilde der Wonne erblickt hatte, war es mit seiner Seelenruhe vorbei. Er dachte nur noch daran, wie er die Zuneigung der unvergleichlichen Tochter Van Tassels gewinnen könnte. Doch dabei hatte er größere Schwierigkeiten als die fahrenden Ritter von einst.

Die hatten es selten mit mehr zu tun als mit Riesen, Zauberern, feurigen Drachen und ähnlichen leicht zu besiegenden Gegnern. Sie mussten sich bloß durch Tore aus Eisen und Erz und durch Mauern aus Diamant bis in den Burgturm durchschlagen, wo die Dame ihres Herzens gefangen saß. Das gelang ihnen so leicht, wie man sich bis in die Mitte einer Weihnachtspastete schneidet, und dann reichte ihnen die Dame ganz selbstverständlich die Hand.

Ichabod dagegen musste sich zum Herzen einer ländlichen Kokette vorarbeiten, und dieses Herz war von einem Irrgarten aus Launen und Grillen umgeben, die ihm immer neue Hindernisse bereiteten. Und er musste es mit einer Schar furchterregender Gegner aus Fleisch und Blut aufnehmen. Das waren die vielen ländlichen Verehrer, die jede Pforte zu ihrem Herzen belagerten. Sie beäugten einander wachsam und grimmig, waren aber jederzeit bereit, gemeinsam über jeden neuen Mitbewerber herzufallen.

Der gefährlichste unter ihnen war ein stämmiger, lärmender, rauflustiger Bursche namens Abraham Van Brunt, in der holländischen Kurzform Brom Van Brunt. Er war der Held der ganzen Gegend, die von seinen Taten an Kraft und Wagemut widerhallte. Er hatte breite Schultern und gelenkige Glieder, kurzes, lockiges schwarzes Haar und ein derbes, aber nicht unfreundliches Gesicht, in dem Übermut und Überheblichkeit beieinanderwohnten.

Wegen seiner riesenhaften Gestalt und seiner gewaltigen Körperkraft hatte man ihm den Spitznamen Brom Bones gegeben, Brom die Knochen, und unter diesem Namen kannte ihn jeder. Berühmt war er als Reiter, im Sattel so gewandt wie ein Tatar. Bei allen Pferderennen und Hahnenkämpfen war er der Erste, und mit der Macht, die Körperkraft auf dem Land verleiht, war er bei jedem Streit der Schiedsrichter. Dann setzte er den Hut schief auf den Kopf und fällte sein Urteil in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete.

Er war jederzeit für eine Rauferei oder einen Spaß zu haben, doch steckte mehr Schalk als Bosheit in ihm, und unter all seiner Rauheit lag ein gutes Stück Gutmütigkeit und Witz. Er hatte drei oder vier Spießgesellen, die ihn sich zum Vorbild nahmen. An ihrer Spitze durchstreifte er das Land und war meilenweit bei jeder Fehde und jedem Fest dabei.

Bei kaltem Wetter erkannte man ihn an einer Pelzmütze mit einem flatternden Fuchsschwanz obendrauf. Wenn die Leute bei einem ländlichen Fest dieses wohlbekannte Zeichen schon von Weitem zwischen einer Schar wilder Reiter hin und her wippen sahen, machten sie sich immer auf einen Sturm gefasst. Manchmal hörte man seine Bande um Mitternacht mit Johlen und Hallo an den Bauernhöfen vorbeipreschen wie eine Horde Kosaken.

Die alten Frauen fuhren dann aus dem Schlaf, lauschten einen Augenblick, bis der wilde Trupp vorbeigeklappert war, und riefen:

„Ja, da reitet Brom Bones mit seiner Bande!“

Die Nachbarn betrachteten ihn mit einer Mischung aus Scheu, Bewunderung und Wohlwollen. Geschah in der Gegend ein toller Streich oder eine Prügelei, schüttelten sie stets den Kopf und waren sicher, dass Brom Bones dahintersteckte.

Dieser wilde Held hatte sich seit einiger Zeit die blühende Katrina zum Ziel seiner ungehobelten Galanterie erwählt. Seine Liebeständeleien glichen zwar eher den sanften Liebkosungen eines Bären, doch man flüsterte, sie mache ihm durchaus Hoffnungen. Sicher ist, dass sich alle anderen Bewerber zurückzogen, sobald er sich näherte, denn keiner hatte Lust, ihm in Liebesdingen in die Quere zu kommen.

Wenn man sein Pferd an einem Sonntagabend am Zaun der Van Tassels angebunden sah, wusste jeder, dass sein Herr drinnen auf Brautschau war. Dann gingen alle übrigen Verehrer verzweifelt vorbei und trugen den Krieg in andere Gegenden.

Das war also der gefürchtete Nebenbuhler, mit dem es Ichabod Crane aufnehmen musste. Bedenkt man alles, so wäre ein kräftigerer Mann vor diesem Wettstreit zurückgeschreckt und ein klügerer hätte verzweifelt. Doch Ichabod besaß eine glückliche Mischung aus Biegsamkeit und Ausdauer. An Leib und Seele glich er einer Gerte: nachgiebig, aber zäh. Er bog sich, doch er brach nie. Gab er auch dem leisesten Druck nach, so stand er, kaum war der Druck vorbei, schwupp, wieder kerzengerade da und trug den Kopf so hoch wie eh und je.

Offen gegen seinen Nebenbuhler ins Feld zu ziehen, wäre Wahnsinn gewesen, denn Brom ließ sich in der Liebe ebenso wenig in die Quere kommen wie jener stürmische Liebhaber Achilles. Also ging Ichabod still und auf sanfte, schmeichelnde Weise vor. Unter dem Vorwand, er sei ja der Gesangslehrer, besuchte er den Hof häufig.

Von den Eltern, die Liebenden sonst so oft im Weg stehen, hatte er dabei nichts zu befürchten. Balt Van Tassel war eine gutmütige, nachsichtige Seele. Er liebte seine Tochter sogar noch mehr als seine Pfeife und ließ ihr wie ein vernünftiger Mann und vortrefflicher Vater in allem ihren Willen.

Seine tüchtige kleine Frau hatte genug mit dem Haushalt und ihrem Federvieh zu tun. Enten und Gänse, meinte sie weise, seien dumme Geschöpfe, auf die man aufpassen müsse, Mädchen aber könnten auf sich selbst achtgeben. Während die emsige Hausfrau also drinnen umherwirtschaftete oder am einen Ende der Veranda am Spinnrad saß, rauchte der brave Balt am anderen Ende seine Abendpfeife.

Dabei sah er einem kleinen hölzernen Krieger zu, der oben auf dem Scheunendach mit einem Säbel in jeder Hand höchst tapfer gegen den Wind focht. Ichabod warb unterdessen um die Tochter, sei es an der Quelle unter der großen Ulme, sei es bei einem Spaziergang in der Dämmerung, jener Stunde, die der Beredsamkeit eines Verliebten so günstig ist.

Ich gebe zu, ich weiß nicht, wie man Frauenherzen umwirbt und gewinnt. Mir waren sie stets ein Rätsel und ein Gegenstand der Bewunderung. Manche scheinen nur eine einzige verwundbare Stelle zu haben, eine einzige Tür, während andere tausend Zugänge haben und auf tausenderlei Weise erobert werden können.

Ein Herz der ersten Art zu gewinnen, ist ein großer Triumph der Geschicklichkeit. Ein Herz der zweiten Art zu behaupten, ist ein noch größerer Beweis von Feldherrnkunst, denn da muss man seine Festung an jeder Tür und jedem Fenster verteidigen. Wer tausend gewöhnliche Herzen erobert, verdient also einigen Ruhm. Wer aber unangefochten über das Herz einer Kokette herrscht, der ist wahrhaftig ein Held.

Dem verwegenen Brom Bones jedenfalls gelang das nicht. Von dem Augenblick an, da Ichabod Crane sich ihr näherte, ging es mit Broms Aussichten sichtlich bergab. Sein Pferd stand sonntagabends nicht mehr am Zaun, und zwischen Brom und dem Lehrer von Sleepy Hollow entstand nach und nach eine tödliche Feindschaft.

Brom, in dem ein gutes Stück rauer Ritterlichkeit steckte, hätte die Sache am liebsten offen ausgefochten und den Streit um die Dame so beigelegt, wie es die fahrenden Ritter von einst taten, die jede Frage auf die kürzeste und einfachste Weise klärten: im Zweikampf. Doch Ichabod kannte die Überlegenheit seines Gegners zu gut, um mit ihm in die Schranken zu treten. Er hatte nämlich gehört, wie Brom prahlte:

„Den Schulmeister klapp ich zusammen und leg ihn oben auf ein Regal in seinem eigenen Schulhaus!“

Ichabod war viel zu vorsichtig, um ihm dazu Gelegenheit zu geben. Diese hartnäckige Friedfertigkeit hatte etwas äußerst Herausforderndes. Brom blieb nichts anderes übrig, als in den Vorrat an bäuerlichem Mutwillen zu greifen, den er in sich trug, und seinem Nebenbuhler derbe Streiche zu spielen.

Ichabod wurde zur Zielscheibe allerlei launiger Verfolgungen durch Brom Bones und seine Bande wilder Reiter. Sie suchten sein bis dahin friedliches Reich heim und räucherten seine Singstunde aus, indem sie den Schornstein verstopften. Nachts brachen sie trotz Weidenrute und Fensterpfählen ins Schulhaus ein und stellten alles auf den Kopf, sodass der arme Schulmeister schon glaubte, sämtliche Hexen des Landes hielten dort ihre Versammlungen ab.

Noch ärgerlicher aber war, dass Brom jede Gelegenheit nutzte, Ichabod in Katrinas Gegenwart lächerlich zu machen. Er hatte einen nichtsnutzigen Hund, dem er beigebracht hatte, auf die komischste Weise zu jaulen, und den stellte er als Ichabods Nebenbuhler vor, der Katrina ebenfalls im Psalmensingen unterrichten wolle.

Eine Zeit lang ging es so weiter, ohne dass sich an der Lage der streitenden Mächte etwas Wesentliches änderte. An einem schönen Herbstnachmittag saß Ichabod nachdenklich auf dem hohen Schemel, von dem aus er gewöhnlich über sein kleines Reich der Gelehrsamkeit wachte. In der Hand schwang er das Lineal, das Zepter seiner unumschränkten Macht. Die Rute der Gerechtigkeit ruhte hinter dem Thron auf drei Nägeln, ein ständiger Schrecken für alle Übeltäter.

Auf dem Pult vor ihm lagen allerlei verbotene Waren und Waffen, die er faulen Bengeln abgenommen hatte: halb abgenagte Äpfel, Knallbüchsen, Kreisel, Fliegenkäfige und ganze Heerscharen kleiner Kampfhähne aus Papier. Offenbar war vor Kurzem ein schreckliches Strafgericht vollzogen worden. Alle Schüler waren eifrig in ihre Bücher vertieft oder tuschelten heimlich dahinter, ein Auge stets auf den Lehrer gerichtet, und in der ganzen Schulstube herrschte eine summende Stille.

Plötzlich wurde sie unterbrochen. Ein junger schwarzer Knecht kam angeritten, in Jacke und Hose aus grobem Sackleinen und mit einem Hutrest auf dem Kopf, rund wie die Kappe des Götterboten Merkur. Er saß auf einem struppigen, wilden, halb zugerittenen Fohlen, das er mit einem Strick statt eines Halfters lenkte. Klappernd sprengte er bis vor die Schultür und überbrachte Ichabod eine Einladung zu einem Fest, das am selben Abend bei Mijnheer Van Tassel stattfinden sollte.

Der Bote sagte seinen Spruch feierlich und in seinen feinsten Worten auf. Dann setzte er über den Bach und jagte, ganz erfüllt von der Wichtigkeit und Eile seines Auftrags, das Tal hinauf davon.

Nun herrschte in der eben noch so stillen Schulstube Hast und Lärm. Die Schüler wurden durch ihre Aufgaben gejagt, ohne dass man sich bei Kleinigkeiten aufhielt. Die Flinken übersprangen ungestraft die Hälfte, und die Langsamen bekamen ab und zu einen kräftigen Klaps aufs Hinterteil, damit sie schneller wurden oder über ein langes Wort hinwegkamen.

Bücher wurden beiseitegeworfen, statt sie in die Regale zu stellen, Tintenfässer kippten um, Bänke fielen, und die ganze Schule wurde eine Stunde früher als sonst entlassen. Wie eine Schar kleiner Teufel brachen die Kinder hervor und tobten johlend über die Wiese, voller Freude über die frühe Freiheit.

Der galante Ichabod brauchte nun mindestens eine halbe Stunde länger als sonst, um sich schön zu machen. Er bürstete und putzte seinen besten und, nebenbei gesagt, einzigen Anzug, einen schwarzen, der schon etwas fadenscheinig war. Vor einer Spiegelscherbe, die im Schulhaus hing, richtete er sich die Haare.

Um vor seiner Liebsten wie ein echter Kavalier zu erscheinen, lieh er sich ein Pferd von dem Bauern, bei dem er gerade wohnte, einem jähzornigen alten Holländer namens Hans Van Ripper. Dazu bekam er dessen Sonntagssattel. So stattlich beritten, zog er aus wie ein fahrender Ritter auf der Suche nach Abenteuern. Doch wie es sich für eine rechte Rittergeschichte gehört, muss ich nun erzählen, wie mein Held und sein Ross aussahen und wie sie ausgerüstet waren.

Das Tier, auf dem er saß, war ein ausgedienter Ackergaul, der fast alles überlebt hatte außer seiner Bosheit. Er war hager und zottig, mit einem Hirschhals und einem Kopf wie ein Hammer. Die rostrote Mähne und der Schweif waren verfilzt und voller Kletten. Ein Auge hatte die Pupille verloren und starrte glasig und gespenstisch, im anderen aber funkelte der leibhaftige Teufel.

Früher musste er Feuer und Temperament besessen haben, wenn man nach seinem Namen urteilen darf, denn er hieß Gunpowder, das heißt Schießpulver. Er war tatsächlich einmal das Lieblingspferd seines Herrn gewesen, des jähzornigen Van Ripper, der ein wilder Reiter war und dem Tier wohl etwas von seinem eigenen Temperament eingeflößt hatte. So alt und klapprig Gunpowder auch aussah, in ihm lauerte mehr vom Teufel als in irgendeinem jungen Fohlen im Land.

Ichabod passte zu einem solchen Ross. Er ritt mit kurzen Steigbügeln, sodass ihm die Knie fast bis an den Sattelknauf reichten. Seine spitzen Ellbogen standen ab wie die Beine einer Heuschrecke, die Peitsche hielt er senkrecht in der Hand wie ein Zepter, und wenn das Pferd dahintrottete, sah das Schlenkern seiner Arme aus wie das Schlagen eines Flügelpaars.

Ein kleiner Wollhut saß ihm ganz oben auf der Nase, denn so konnte man seinen schmalen Streifen Stirn wohl nennen, und die Schöße seines schwarzen Mantels flatterten fast bis an den Schweif des Pferdes. So sahen Ichabod und sein Ross aus, als sie durch das Tor von Hans Van Ripper hinausschlurften, und eine solche Erscheinung begegnet einem am helllichten Tag nicht oft.

Es war, wie gesagt, ein schöner Herbsttag. Der Himmel war klar und heiter, und die Natur trug jenes reiche, goldene Gewand, an das wir immer denken, wenn von Überfluss die Rede ist. Die Wälder hatten sich in ernstes Braun und Gelb gekleidet, und manche zarteren Bäume hatte der Frost schon in leuchtendes Orange, Purpur und Scharlachrot getaucht. Hoch in der Luft zogen lange Ketten von Wildenten vorüber. Aus den Buchen- und Hickoryhainen hörte man die Eichhörnchen keckern und vom Stoppelfeld nebenan dann und wann den wehmütigen Pfiff der Wachtel.

Die kleinen Vögel hielten ihr Abschiedsfestmahl. In ihrer übermütigen Lust flatterten sie zwitschernd und tollend von Busch zu Busch und von Baum zu Baum, wählerisch geworden vor lauter Fülle ringsum. Da war das ehrliche Rotkehlchen mit seinem lauten, klagenden Ruf, die Lieblingsbeute junger Jäger, und da zwitscherten die Amseln, die in schwarzen Wolken umherflogen.

Da war der Goldspecht mit seinem roten Schopf, seinem breiten schwarzen Halsband und seinem prächtigen Gefieder, und der Seidenschwanz mit den rot gesäumten Flügeln, dem gelb gesäumten Schwanz und dem kleinen Federhäubchen. Und da war der Blauhäher, dieser laute Geck in seinem hellblauen Frack und seiner weißen Unterwäsche. Er kreischte und schwatzte, nickte, hüpfte und verbeugte sich und tat, als stünde er mit jedem Sänger im Wald auf bestem Fuß.

Während Ichabod gemächlich seines Weges trottete, schweifte sein Auge, das stets für jedes Anzeichen von Küchenfülle offen war, voller Entzücken über die Schätze des fröhlichen Herbstes. Überall sah er große Mengen Äpfel. Manche hingen in drückender Fülle an den Bäumen, andere waren für den Markt in Körbe und Fässer gesammelt, wieder andere lagen in üppigen Haufen für die Mostpresse bereit.

Weiter vorn sah er große Maisfelder, wo die goldenen Kolben aus ihren Blätterhüllen lugten und Fladen und Maisbrei versprachen. Darunter lagen die gelben Kürbisse, kehrten ihre schönen runden Bäuche der Sonne zu und ließen die köstlichsten Pasteten erhoffen. Bald darauf kam er an duftenden Buchweizenfeldern vorbei, die nach Bienenstock rochen. Bei ihrem Anblick schlich sich die süße Vorfreude auf zarte Pfannkuchen in seine Gedanken, dick mit Butter bestrichen und mit Honig oder Sirup beträufelt von der zierlichen kleinen Hand mit den Grübchen, die Katrina Van Tassel gehörte.

So nährte er seinen Geist mit vielen süßen Gedanken und gezuckerten Vermutungen und ritt an den Hängen einer Hügelkette entlang, von der man einige der schönsten Ausblicke auf den mächtigen Hudson hat. Die Sonne senkte ihre breite Scheibe langsam nach Westen. Die weite Fläche der Tappan Zee lag reglos und spiegelglatt, nur hier und da wogte eine sanfte Welle und verlängerte den blauen Schatten des fernen Berges.

Ein paar bernsteinfarbene Wolken schwebten am Himmel, ohne dass ein Lufthauch sie bewegte. Der Horizont leuchtete in feinem Gold, das nach und nach in ein zartes Apfelgrün überging und von dort in das tiefe Blau des hohen Himmels. Ein schräger Sonnenstrahl verweilte noch auf den bewaldeten Kämmen der Felswände, die stellenweise über dem Fluss hingen, und vertiefte das Dunkelgrau und Purpur ihrer felsigen Flanken.

In der Ferne trieb ein Segelboot langsam mit der Strömung flussabwärts, das Segel hing schlaff am Mast. Weil sich der Himmel im stillen Wasser spiegelte, sah es aus, als schwebte das Boot in der Luft.

Gegen Abend erreichte Ichabod die Burg des Herrn Van Tassel. Er fand sie voll von der Blüte und dem Stolz der ganzen Umgebung. Da waren die alten Bauern, ein hagerer Schlag mit Gesichtern wie Leder, in selbst gewebten Jacken und Kniehosen, blauen Strümpfen, riesigen Schuhen und prächtigen Zinnschnallen. Neben ihnen saßen ihre flinken, verhutzelten kleinen Frauen in eng gefältelten Hauben und langen Miedern, mit Scheren, Nadelkissen und bunten Kattuntaschen, die außen am Rock baumelten.

Da waren stramme Mädchen, fast so altmodisch gekleidet wie ihre Mütter, nur dass hier ein Strohhut, dort ein feines Band oder vielleicht ein weißes Kleid die Mode der Stadt verriet. Und da waren die Söhne in kurzen, eckig geschnittenen Jacken mit Reihen riesiger Messingknöpfe. Ihr Haar trugen sie nach der Mode der Zeit meist zu einem Zopf gebunden, am liebsten mit einer Aalhaut, denn die galt im ganzen Land als vortreffliches Mittel, das Haar zu nähren und zu kräftigen.

Der Held des Abends aber war Brom Bones. Er war auf seinem Lieblingspferd Daredevil gekommen, einem Tier, das wie er selbst voller Feuer und Unfug steckte und das niemand außer ihm bändigen konnte. Er war sogar dafür bekannt, dass er bösartige Pferde vorzog, die zu allerlei Tücken neigten und den Reiter ständig in Gefahr brachten, sich den Hals zu brechen. Ein gelehriges, gut zugerittenes Pferd hielt er eines Burschen von Schneid für unwürdig.

Gern würde ich verweilen und all die Herrlichkeiten beschreiben, die sich dem entzückten Blick meines Helden boten, als er die Prunkstube der Van Tassels betrat. Ich meine nicht die Reize der strammen Mädchen mit ihren roten und weißen Wangen, sondern die reichen Reize eines echten holländischen Teetisches auf dem Land in der üppigen Herbstzeit.

Was für Berge von Kuchen aller Art, von denen manche kaum zu beschreiben sind und die nur erfahrene holländische Hausfrauen kennen! Da gab es kräftige Krapfen, zartere Ölkuchen und knusprige, krümelige Spritzkuchen, Rührkuchen und Mürbekuchen, Ingwerkuchen und Honigkuchen, kurz, die ganze Familie der Kuchen.

Dann gab es Apfelpasteten, Pfirsichpasteten und Kürbispasteten, dazu Scheiben von Schinken und Rauchfleisch, und außerdem köstlich eingemachte Pflaumen, Pfirsiche, Birnen und Quitten. Nicht zu vergessen gebratener Fisch und gebratene Hühner, dazu Schüsseln voll Milch und Sahne. Alles stand bunt durcheinander, ungefähr so, wie ich es aufgezählt habe, und mittendrin stieg aus der mütterlichen Teekanne eine Dampfwolke auf.

Du meine Güte! Mir fehlen Atem und Zeit, dieses Festmahl so zu würdigen, wie es das verdient, und ich will mit meiner Geschichte vorankommen. Zum Glück hatte es Ichabod Crane nicht so eilig wie sein Geschichtsschreiber. Er ließ jedem Leckerbissen volle Gerechtigkeit widerfahren.

Er war ein gutherziges, dankbares Geschöpf. Sein Herz weitete sich in dem Maß, wie sich sein Bauch mit guten Dingen füllte, und seine Laune stieg beim Essen, wie sie bei anderen beim Trinken steigt. Während er aß, konnte er nicht anders, als seine großen Augen umherrollen zu lassen. Dabei kicherte er still vor sich hin bei dem Gedanken, dass er eines Tages Herr über all diesen fast unvorstellbaren Reichtum und Glanz sein könnte.

An einer langen Tafel bei Kerzenlicht hält Ichabod einen Stapel Krapfen, um ihn herum Pasteten, Kuchen, eine dampfende Teekanne und essende Gäste.

Wie schnell, dachte er, würde er dann dem alten Schulhaus den Rücken kehren! Er würde Hans Van Ripper und jedem anderen knauserigen Gönner etwas pfeifen und jeden wandernden Schulmeister vor die Tür setzen, der es wagte, ihn Kamerad zu nennen.

Der alte Baltus Van Tassel ging zwischen seinen Gästen umher, das Gesicht voller Zufriedenheit und Gutmütigkeit, rund und vergnügt wie der Erntemond. Seine Gastfreundschaft war kurz, aber deutlich: ein Händedruck, ein Schlag auf die Schulter, ein lautes Lachen und die dringende Aufforderung:

„Greift zu und nehmt euch, so viel ihr wollt!“

Nun rief die Musik aus der großen Diele zum Tanz. Der Musikant war ein alter, grauhaariger Schwarzer, der seit mehr als einem halben Jahrhundert als wanderndes Orchester durch die Gegend zog. Seine Geige war so alt und verbeult wie er selbst. Die meiste Zeit kratzte er auf zwei oder drei Saiten. Jeden Bogenstrich begleitete er mit einem Kopfnicken, und wann immer ein neues Paar zu tanzen anfing, verbeugte er sich fast bis zum Boden und stampfte mit dem Fuß.

Auf sein Tanzen war Ichabod ebenso stolz wie auf seine Stimme. Kein Glied, keine Faser an ihm blieb untätig. Hätte man sein lose zusammengehängtes Gestell in voller Bewegung durch den Raum klappern sehen, so hätte man gemeint, der heilige Veit selbst, der gesegnete Schutzpatron des Tanzes, tanze leibhaftig vor einem.

Die schwarzen Knechte und Mägde vom Hof und aus der Nachbarschaft, Alt und Jung, hatten sich an jeder Tür und jedem Fenster versammelt. Sie schauten begeistert zu, lachten von einem Ohr zum anderen und bewunderten ihn alle. Wie hätte der Lehrer, der sonst kleinen Bengeln die Rute gab, da nicht lebhaft und fröhlich sein sollen? Die Dame seines Herzens war seine Tanzpartnerin und erwiderte all seine verliebten Blicke mit einem huldvollen Lächeln. Brom Bones dagegen, von Liebe und Eifersucht schwer getroffen, saß allein in einer Ecke und brütete vor sich hin.

In der Diele tanzt Ichabod strahlend mit Katrina, ein alter grauhaariger Musikant spielt Geige, und in der Ecke sitzt ein kräftiger Bursche finster da.

Als der Tanz vorbei war, zog es Ichabod zu einer Runde älterer, gesetzterer Leute, die mit dem alten Van Tassel an einem Ende der Veranda saßen, rauchten, von früheren Zeiten plauderten und lange Geschichten aus dem Krieg erzählten.

Diese Gegend war zu der Zeit, von der ich spreche, einer jener begünstigten Orte, die reich an Chroniken und großen Männern sind. Während des Krieges war die Grenze zwischen den Briten und den Amerikanern nahe daran vorbeigelaufen. Deshalb hatten hier Plünderer gehaust, und Flüchtlinge, Viehdiebe und allerlei Grenzritter hatten das Land unsicher gemacht. Seither war gerade genug Zeit vergangen, dass jeder Erzähler seine Geschichte mit ein wenig passender Erfindung ausschmücken und sich in der Unschärfe seiner Erinnerung zum Helden jeder Tat machen konnte.

Da war die Geschichte von Doffue Martling, einem großen Holländer mit blauschwarzem Bart. Mit einer alten eisernen Neunpfünderkanone hinter einer Brustwehr aus Schlamm hätte er beinahe eine britische Fregatte erobert, nur dass seine Kanone beim sechsten Schuss zersprang.

Und da war ein alter Herr, dessen Namen ich nicht nennen will, denn er ist ein viel zu reicher Mijnheer, als dass man ihn leichtfertig erwähnen dürfte. In der Schlacht von White Plains hatte er als vortrefflicher Fechter mit einem kleinen Degen eine Musketenkugel abgewehrt. Er hatte genau gespürt, wie sie um die Klinge schwirrte und am Griff abprallte, und zum Beweis war er jederzeit bereit, den Degen vorzuzeigen, dessen Griff ein wenig verbogen war.

Es gab noch etliche andere, die im Feld ebenso Großes geleistet hatten, und jeder von ihnen war überzeugt, dass er einen erheblichen Anteil am glücklichen Ausgang des Krieges gehabt hatte.

Doch all das war nichts gegen die Geschichten von Geistern und Erscheinungen, die nun folgten. Die Gegend ist reich an solchen Sagenschätzen. Ortssagen und Aberglaube gedeihen am besten in diesen geschützten, seit Langem besiedelten Winkeln. Anderswo zertrampelt sie die wechselnde Menge, aus der die Bevölkerung der meisten unserer Ortschaften besteht.

Außerdem werden die Geister in den meisten unserer Dörfer nicht gerade ermutigt. Kaum haben sie ihr erstes Schläfchen beendet und sich im Grab umgedreht, da sind ihre überlebenden Freunde schon aus der Gegend fortgezogen. Wenn sie dann nachts zu ihren Rundgängen aufbrechen, haben sie keinen Bekannten mehr, den sie besuchen könnten. Vielleicht hört man deshalb so selten von Geistern, außer in unseren alten holländischen Gemeinden.

Der eigentliche Grund aber, warum in diesem Landstrich so viele übernatürliche Geschichten umgingen, war zweifellos die Nähe von Sleepy Hollow. Schon die Luft, die aus jener Spukgegend herüberwehte, war ansteckend. Sie verbreitete einen Hauch von Träumen und Einbildungen, der das ganze Land befiel.

Einige Leute aus Sleepy Hollow waren bei den Van Tassels zu Gast und teilten wie immer ihre wilden und wundersamen Sagen aus. Man erzählte viele düstere Geschichten von Leichenzügen und Klagerufen an dem großen Baum in der Nähe, dort, wo einst der unglückliche Major André gefangen genommen worden war. Man sprach auch von der Frau in Weiß, die in der dunklen Schlucht am Rabenfelsen umging. Sie war dort im Schnee umgekommen, und man hörte sie oft in Winternächten vor einem Sturm schreien.

Die meisten Geschichten aber drehten sich um das Lieblingsgespenst von Sleepy Hollow, den kopflosen Reiter. Man hatte ihn in letzter Zeit mehrmals durch die Gegend reiten hören, und es hieß, er binde sein Pferd jede Nacht zwischen den Gräbern auf dem Kirchhof an.

Die abgeschiedene Lage dieser Kirche scheint sie schon immer zu einem beliebten Aufenthalt ruheloser Geister gemacht zu haben. Sie steht auf einem kleinen Hügel, umgeben von Robinien und hohen Ulmen, zwischen denen ihre schlichten, weiß getünchten Mauern bescheiden hervorleuchten wie christliche Reinheit aus der Stille der Zurückgezogenheit.

Ein sanfter Hang führt von ihr hinab zu einer silbernen Wasserfläche, gesäumt von hohen Bäumen, zwischen denen man die blauen Hügel am Hudson erblicken kann. Wenn man auf den grasbewachsenen Kirchhof schaut, wo die Sonnenstrahlen so friedlich zu schlafen scheinen, möchte man meinen, wenigstens hier könnten die Toten in Frieden ruhen.

Auf der einen Seite der Kirche erstreckt sich ein weites, bewaldetes Tal, durch das ein großer Bach zwischen zerklüfteten Felsen und umgestürzten Baumstämmen tobt. Über eine tiefe, schwarze Stelle des Baches, nicht weit von der Kirche, führte früher eine hölzerne Brücke. Die Straße dorthin und die Brücke selbst lagen im dichten Schatten überhängender Bäume. Schon am Tag war es dort düster, nachts aber herrschte eine furchtbare Finsternis.

Das war einer der Lieblingsorte des kopflosen Reiters, und hier begegnete man ihm am häufigsten.

Man erzählte die Geschichte vom alten Brouwer, der an Gespenster ganz und gar nicht glaubte. Er war dem Reiter begegnet, als der von seinem Streifzug durch Sleepy Hollow zurückkehrte, und hatte hinter ihm aufsitzen müssen. Über Stock und Stein, über Hügel und Sumpf waren sie galoppiert, bis sie zur Brücke kamen. Dort hatte sich der Reiter plötzlich in ein Gerippe verwandelt, den alten Brouwer in den Bach geworfen und war mit einem Donnerschlag über die Baumwipfel davongesprungen.

Brom Bones übertrumpfte diese Geschichte sogleich mit einem noch viel wunderbareren Abenteuer und verspottete dabei den galoppierenden Hessen als jämmerlichen Reiter. Er behauptete, eines Nachts, als er aus dem Nachbardorf Sing-Sing heimkehrte, habe ihn dieser mitternächtliche Reiter eingeholt. Brom habe ihm ein Wettrennen um eine Schüssel Punsch angeboten und hätte es auch gewonnen, denn Daredevil habe das Geisterpferd glatt abgehängt. Doch gerade als sie an die Kirchenbrücke kamen, sei der Hesse zur Seite ausgebrochen und in einem Feuerblitz verschwunden.

All diese Geschichten wurden in jenem schläfrigen, gedämpften Ton erzählt, in dem Männer im Dunkeln reden. Nur ab und zu fiel der Schein einer Pfeifenglut auf die Gesichter der Zuhörer. Und alles sank tief in Ichabods Gemüt. Er revanchierte sich mit langen Auszügen aus seinem unschätzbaren Gewährsmann Cotton Mather. Dazu erzählte er von vielen wunderbaren Ereignissen in seiner Heimat Connecticut und von schrecklichen Dingen, die er selbst auf seinen nächtlichen Wegen durch Sleepy Hollow gesehen hatte.

Alte Bauern rauchen abends auf der Veranda lange Pfeifen, einer erzählt mit erhobener Hand, und Ichabod hört mit weit aufgerissenen Augen zu.

Nach und nach löste sich das Fest auf. Die alten Bauern luden ihre Familien in die Wagen, und noch lange hörte man sie über die Hohlwege und die fernen Hügel rattern. Manche Mädchen saßen auf einem Sitzkissen hinter ihrem Liebsten auf dem Pferd. Ihr unbeschwertes Lachen mischte sich mit dem Hufgeklapper und hallte durch die stillen Wälder, immer leiser, bis es ganz verklungen war. Wo eben noch Lärm und Fröhlichkeit geherrscht hatten, war nun alles still und verlassen.

Nur Ichabod blieb noch, wie es Verliebte auf dem Land zu tun pflegen, um mit der Erbin unter vier Augen zu sprechen. Er war fest überzeugt, dass er nun auf dem geraden Weg zum Erfolg war. Was bei diesem Gespräch geschah, kann ich nicht sagen, denn ich weiß es wirklich nicht. Ich fürchte jedoch, irgendetwas muss schiefgegangen sein. Denn nach recht kurzer Zeit kam er heraus, und er sah ganz trostlos und niedergeschlagen aus.

Ach, diese Frauen! Diese Frauen! Hatte die junge Erbin etwa wieder ihre koketten Spielchen getrieben? War ihre Freundlichkeit gegenüber dem armen Schulmeister nur ein Schein gewesen, damit sie seinen Nebenbuhler umso sicherer für sich gewann? Das weiß allein der Himmel, ich nicht!

Es mag genügen zu sagen, dass Ichabod davonschlich wie einer, der einen Hühnerstall geplündert hat, und nicht wie einer, der das Herz einer schönen Dame erobert hat. Ohne nach rechts oder links zu blicken, ohne einen Blick für all den ländlichen Reichtum, an dem er sich so oft geweidet hatte, ging er geradewegs in den Stall. Mit kräftigen Püffen und Tritten weckte er sein Pferd höchst unsanft aus dem bequemen Quartier, wo es fest schlief und von Bergen aus Mais und Hafer und ganzen Tälern voll Wiesengras und Klee träumte.

Es war tiefe Geisterstunde, als Ichabod schweren Herzens und mit hängendem Kopf heimwärts ritt, an den Hängen der hohen Hügel über Tarry Town entlang, über die er am Nachmittag so fröhlich gezogen war. Die Stunde war so trübselig wie er selbst. Tief unter ihm breitete die Tappan Zee ihre dunkle, verschwommene Wasserfläche aus, und hier und da ragte der hohe Mast eines Segelboots auf, das still am Ufer vor Anker lag.

In der tiefen mitternächtlichen Stille hörte er sogar das Bellen eines Hofhunds vom anderen Ufer des Hudson. Doch es klang so undeutlich und schwach, dass es ihm nur zeigte, wie weit er von diesem treuen Gefährten des Menschen entfernt war. Ab und zu krähte auch weit, weit weg auf einem Bauernhof zwischen den Hügeln ein Hahn, den irgendetwas geweckt hatte, lang gezogen und wie im Traum.

In seiner Nähe regte sich kein Leben. Nur manchmal zirpte schwermütig eine Grille, oder ein Ochsenfrosch quakte kehlig aus einem nahen Sumpf, als schliefe er unruhig und drehte sich plötzlich im Bett um.

All die Geschichten von Geistern und Kobolden, die er am Abend gehört hatte, drängten sich nun in seine Erinnerung. Die Nacht wurde immer dunkler. Die Sterne schienen tiefer in den Himmel zu sinken, und jagende Wolken verdeckten sie ihm hin und wieder. Nie hatte er sich so einsam und elend gefühlt. Außerdem näherte er sich gerade dem Ort, an dem viele der Geistergeschichten spielten.

Mitten auf dem Weg stand ein gewaltiger Tulpenbaum, der wie ein Riese alle anderen Bäume der Gegend überragte und eine Art Wegzeichen war. Seine Äste waren knorrig und wunderlich verdreht, so dick wie die Stämme gewöhnlicher Bäume. Sie bogen sich fast bis zur Erde hinab und stiegen dann wieder in die Luft.

Der Baum war mit der traurigen Geschichte des unglücklichen Major André verbunden, der ganz in der Nähe gefangen genommen worden war, und jeder kannte ihn als Major Andrés Baum. Das einfache Volk betrachtete ihn mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Aberglauben, teils aus Mitleid mit dem Schicksal des unglücklichen Mannes, nach dem er hieß, teils wegen der Geschichten von seltsamen Erscheinungen und Klagelauten, die man sich über ihn erzählte.

Als Ichabod sich diesem unheimlichen Baum näherte, fing er an zu pfeifen. Er meinte, sein Pfeifen werde beantwortet. Doch es war nur ein Windstoß, der scharf durch die dürren Äste fuhr.

Als er ein wenig näher kam, glaubte er, mitten im Baum etwas Weißes hängen zu sehen. Er hielt an und hörte auf zu pfeifen. Doch als er genauer hinsah, erkannte er eine Stelle, wo der Blitz in den Baum gefahren war und das weiße Holz bloßgelegt hatte.

Plötzlich hörte er ein Stöhnen. Seine Zähne klapperten, und seine Knie schlugen gegen den Sattel. Es war aber nur ein mächtiger Ast, der sich an einem anderen rieb, wenn der Wind sie bewegte. Heil kam er an dem Baum vorbei, doch neue Gefahren lagen vor ihm.

Etwa zweihundert Schritt hinter dem Baum kreuzte ein kleiner Bach den Weg und floss in eine sumpfige, dicht bewaldete Senke, die man Wileys Sumpf nannte. Ein paar grobe Baumstämme, nebeneinandergelegt, dienten als Brücke über das Wasser. Auf der Seite, wo der Bach in den Wald floss, wuchs eine Gruppe von Eichen und Kastanien, dicht umrankt von wildem Wein, und warf einen höhlenartigen Schatten darüber.

Über diese Brücke zu kommen, war die schwerste Prüfung. Genau an dieser Stelle war der unglückliche André gefangen genommen worden, und unter diesen Kastanien und Reben hatten sich die handfesten Bauern versteckt, die ihn überraschten. Seither galt der Bach als Spukbach, und schrecklich ist es für jeden Schuljungen, der ihn nach Einbruch der Dunkelheit allein überqueren muss.

Als Ichabod sich dem Bach näherte, fing sein Herz an zu pochen. Doch er nahm all seinen Mut zusammen, trat sein Pferd ein halbes Dutzend Mal in die Rippen und versuchte, flott über die Brücke zu kommen. Aber statt loszulaufen, scherte der störrische alte Gaul seitwärts aus und rannte mit der Flanke gegen den Zaun.

Ichabods Angst wuchs mit jedem Augenblick. Er riss die Zügel auf die andere Seite und trat kräftig mit dem anderen Fuß zu. Es war alles umsonst: Sein Ross sprang zwar los, aber nur, um auf der anderen Seite des Weges in ein Dickicht aus Brombeeren und Erlen zu stürzen.

Nun gab der Schulmeister dem alten Gunpowder Peitsche und Ferse zugleich auf die mageren Rippen. Schnaubend und prustend schoss der Gaul vorwärts, blieb dann aber dicht vor der Brücke so plötzlich stehen, dass sein Reiter beinahe kopfüber über ihn hinweggeflogen wäre.

Genau in diesem Augenblick drang ein platschender Tritt neben der Brücke an Ichabods empfindliches Ohr. Im dunklen Schatten des Wäldchens am Bachufer erblickte er etwas Riesiges, Unförmiges, Schwarzes, das hoch aufragte. Es rührte sich nicht, sondern schien sich im Dunkeln zusammenzukauern wie ein gewaltiges Ungeheuer, das bereit ist, sich auf den Wanderer zu stürzen.

Dem verängstigten Schulmeister standen vor Schrecken die Haare zu Berge. Was sollte er tun? Umzukehren und zu fliehen war jetzt zu spät. Und welche Aussicht hatte man überhaupt, einem Geist oder Kobold zu entkommen, wenn es denn einer war, der auf den Flügeln des Windes reiten konnte? Also nahm er einen Rest von Mut zusammen und fragte stotternd:

„Wer seid Ihr?“

Er bekam keine Antwort. Er wiederholte seine Frage mit noch zitternderer Stimme. Wieder kam keine Antwort. Noch einmal prügelte er auf die Flanken des unbeugsamen Gunpowder ein, schloss die Augen und stimmte, ohne es zu wollen, inbrünstig einen Psalm an.

Da regte sich der dunkle Schatten, vor dem er sich so fürchtete, und stand mit einem Satz mitten auf dem Weg. Obwohl die Nacht dunkel und trüb war, konnte man die Gestalt des Unbekannten jetzt einigermaßen erkennen. Es schien ein Reiter von gewaltiger Größe zu sein, auf einem schwarzen Pferd von mächtigem Körperbau.

Der Fremde machte keine Anstalten, ihm etwas zu tun oder sich mit ihm zu unterhalten. Er hielt sich abseits auf einer Seite des Weges und trabte an der blinden Seite des alten Gunpowder dahin, der inzwischen seinen Schrecken und seinen Eigensinn überwunden hatte.

Ichabod hatte keine Lust auf diesen seltsamen mitternächtlichen Begleiter. Er musste an Brom Bones’ Abenteuer mit dem galoppierenden Hessen denken, und er trieb sein Pferd an, in der Hoffnung, den Fremden hinter sich zu lassen. Doch der Fremde trieb sein Pferd ebenso schnell an. Ichabod zügelte Gunpowder und fiel in Schritt, um zurückzubleiben. Der andere tat dasselbe.

Ichabods Herz sank. Er versuchte, seinen Psalm wieder aufzunehmen, aber seine ausgedörrte Zunge klebte ihm am Gaumen, und er brachte keinen Ton heraus. Das finstere, verbissene Schweigen dieses hartnäckigen Begleiters hatte etwas Rätselhaftes und Grauenvolles. Bald wurde es auf schreckliche Weise erklärt.

Als sie eine Anhöhe hinaufritten, hob sich die Gestalt seines Weggefährten gegen den Himmel ab, riesengroß und in einen Mantel gehüllt. Da sah Ichabod voller Entsetzen, dass der Reiter keinen Kopf hatte! Und sein Entsetzen wurde noch größer, als er bemerkte, dass der Kopf, der auf den Schultern hätte sitzen sollen, vor dem Reiter auf dem Sattelknauf lag.

Sein Schrecken steigerte sich zur Verzweiflung. Er ließ einen Hagel von Tritten und Hieben auf Gunpowder niedergehen, in der Hoffnung, seinem Begleiter durch einen plötzlichen Sprung zu entwischen. Doch das Gespenst sprang im selben Augenblick mit ihm los. Nun jagten sie dahin, durch dick und dünn, dass bei jedem Sprung die Steine flogen und die Funken stoben. Ichabods dünne Kleider flatterten im Wind, als er seinen langen, dürren Körper in seiner Hast weit über den Kopf des Pferdes streckte.

Die beiden hatten nun die Straße erreicht, die nach Sleepy Hollow abbiegt. Doch Gunpowder, der wie von einem Dämon besessen schien, lief nicht hinauf, sondern bog in die entgegengesetzte Richtung und stürzte sich kopfüber den Hang links hinab. Dieser Weg führt etwa eine Viertelmeile weit durch eine sandige, von Bäumen beschattete Senke bis zu der Brücke, die aus den Spukgeschichten so berühmt ist. Gleich dahinter erhebt sich der grüne Hügel, auf dem die weiß getünchte Kirche steht.

Bis jetzt hatte die Panik des Pferdes seinem ungeschickten Reiter bei der Jagd einen scheinbaren Vorsprung verschafft. Doch gerade als er die Senke halb durchquert hatte, rissen die Sattelgurte, und er spürte, wie der Sattel unter ihm wegrutschte. Er packte ihn am Knauf und versuchte, ihn festzuhalten, doch vergeblich. Gerade noch konnte er sich retten, indem er dem alten Gunpowder die Arme um den Hals schlang, da fiel der Sattel zu Boden, und Ichabod hörte, wie der Verfolger ihn zertrampelte.

Einen Augenblick lang fuhr ihm die Angst vor Hans Van Rippers Zorn durch den Kopf, denn es war Van Rippers Sonntagssattel. Doch jetzt war keine Zeit für kleine Sorgen. Das Gespenst saß ihm dicht auf den Fersen, und Ichabod, ungeschickter Reiter, der er war, hatte alle Mühe, sich oben zu halten. Bald rutschte er nach der einen Seite, bald nach der anderen, und manchmal stieß ihn der hohe, spitze Rücken des Pferdes so heftig, dass er wahrhaftig fürchtete, er werde in zwei Stücke gespalten.

Eine Lichtung zwischen den Bäumen machte ihm nun Hoffnung, dass die Kirchenbrücke nahe war. Das zitternde Spiegelbild eines silbernen Sterns im Bach zeigte ihm, dass er sich nicht täuschte. Dahinter sah er die Mauern der Kirche matt unter den Bäumen schimmern. Und er erinnerte sich an die Stelle, wo Brom Bones’ gespenstischer Gegner verschwunden war.

„Wenn ich nur die Brücke erreiche“, dachte Ichabod, „bin ich in Sicherheit.“

Gerade da hörte er das schwarze Pferd dicht hinter sich keuchen und schnauben. Er glaubte sogar, seinen heißen Atem zu spüren. Noch ein krampfhafter Tritt in die Rippen, und der alte Gunpowder sprang auf die Brücke. Donnernd jagte er über die dröhnenden Bohlen und erreichte das andere Ufer.

Ichabod klammert sich ohne Sattel an den Hals seines Pferdes und jagt über eine Holzbrücke, hinter ihm hebt ein Reiter ohne Kopf einen Kürbis zum Wurf.

Nun warf Ichabod einen Blick zurück, um zu sehen, ob sein Verfolger, wie es die Regel wollte, in einem Blitz aus Feuer und Schwefel verschwinden würde. Doch da sah er, wie sich das Gespenst in den Steigbügeln aufrichtete und gerade dabei war, seinen Kopf nach ihm zu schleudern. Ichabod versuchte, dem schrecklichen Wurfgeschoss auszuweichen, doch zu spät. Mit einem gewaltigen Krach traf es seinen Schädel, und Ichabod stürzte kopfüber in den Staub. Gunpowder, das schwarze Pferd und der gespenstische Reiter brausten an ihm vorbei wie ein Wirbelsturm.

Am nächsten Morgen fand man den alten Gaul ohne Sattel, die Zügel unter den Hufen, wie er am Tor seines Herrn friedlich das Gras abrupfte. Ichabod kam nicht zum Frühstück. Die Mittagszeit kam, aber kein Ichabod. Die Jungen versammelten sich am Schulhaus und schlenderten müßig am Bachufer entlang, aber kein Schulmeister kam.

Nun begann sich Hans Van Ripper doch Sorgen um das Schicksal des armen Ichabod und um seinen eigenen Sattel zu machen. Man fragte herum, suchte fleißig und stieß schließlich auf Ichabods Spuren. Auf einem Stück der Straße, die zur Kirche führte, fand man den Sattel, in den Schmutz getreten.

Tiefe Hufspuren, die offenbar in rasender Eile in den Weg gestampft worden waren, ließen sich bis zur Brücke verfolgen. Jenseits davon, am Ufer einer breiten Stelle des Baches, wo das Wasser tief und schwarz floss, fand man den Hut des unglücklichen Ichabod und dicht daneben einen zerschmetterten Kürbis.

Am Morgen grast ein Pferd ohne Sattel am Tor, an der Holzbrücke hocken zwei Männer am Ufer, einer hält einen Hut, daneben liegt ein zerschmetterter Kürbis.

Man suchte den Bach ab, doch die Leiche des Schulmeisters war nicht zu finden. Hans Van Ripper nahm als Verwalter des Nachlasses das Bündel in Augenschein, in dem Ichabods ganze Habe steckte. Es enthielt zweieinhalb Hemden, zwei Halsbinden, ein oder zwei Paar Wollstrümpfe, eine alte Kniehose aus Cord, ein rostiges Rasiermesser, ein Psalmenbuch voller Eselsohren und eine kaputte Stimmpfeife.

Die Bücher und Möbel im Schulhaus gehörten der Gemeinde, bis auf Cotton Mathers „Geschichte der Hexerei“, einen Neuengland-Kalender und ein Buch über Träume und Wahrsagerei. In diesem letzten lag ein Bogen Papier, ganz verkritzelt und verkleckst von mehreren vergeblichen Versuchen, ein Gedicht zu Ehren der Erbin der Van Tassels zu schreiben.

Diese Zauberbücher und das poetische Gekritzel warf Hans Van Ripper sogleich ins Feuer. Außerdem beschloss er, seine Kinder von nun an nicht mehr zur Schule zu schicken, und meinte, er habe noch nie gesehen, dass bei diesem Lesen und Schreiben etwas Gutes herauskomme. Was der Schulmeister an Geld besessen hatte, und er hatte erst ein oder zwei Tage zuvor seinen Vierteljahreslohn bekommen, das musste er bei seinem Verschwinden bei sich getragen haben.

Am folgenden Sonntag gab das geheimnisvolle Ereignis in der Kirche viel zu reden. Auf dem Kirchhof, an der Brücke und an der Stelle, wo man Hut und Kürbis gefunden hatte, standen Gaffer und Schwätzer in Grüppchen beisammen. Man erinnerte sich an die Geschichten von Brouwer, von Brom Bones und eine ganze Menge anderer. Als man sie alle sorgfältig bedacht und mit den Anzeichen des vorliegenden Falls verglichen hatte, schüttelte man den Kopf und kam zu dem Schluss, der galoppierende Hesse habe Ichabod geholt.

Da Ichabod ledig war und niemandem etwas schuldete, zerbrach sich bald keiner mehr den Kopf über ihn. Die Schule wurde in einen anderen Teil des Tals verlegt, und ein anderer Schulmeister herrschte an seiner Stelle.

Allerdings brachte ein alter Bauer, der einige Jahre später zu Besuch in New York gewesen war und von dem wir diesen Bericht über das gespenstische Abenteuer haben, die Nachricht mit, Ichabod Crane sei noch am Leben. Er habe die Gegend verlassen, teils aus Angst vor dem Gespenst und vor Hans Van Ripper, teils aus Kränkung darüber, dass die Erbin ihn so plötzlich abgewiesen hatte.

Ichabod sei in einen fernen Teil des Landes gezogen, habe dort Schule gehalten und zugleich die Rechte studiert. Dann sei er Anwalt geworden, habe sich der Politik zugewandt, Wahlkampf gemacht, für die Zeitungen geschrieben und sei schließlich Richter an einem kleinen Gericht geworden.

Auch fiel auf, dass Brom Bones, der kurz nach dem Verschwinden seines Nebenbuhlers die blühende Katrina im Triumph zum Altar führte, jedes Mal überaus wissend dreinschaute, wenn man die Geschichte von Ichabod erzählte. Und wenn der Kürbis erwähnt wurde, brach er stets in herzhaftes Gelächter aus. Deshalb vermuteten manche, er wisse mehr über die Sache, als er sagen wollte.

Die alten Bäuerinnen aber, die sich in solchen Dingen am besten auskennen, behaupten bis heute, Ichabod sei auf übernatürliche Weise entführt worden. Es ist eine Lieblingsgeschichte, die man sich in der ganzen Gegend an Winterabenden am Feuer erzählt. Die Brücke wurde mehr denn je zu einem Ort abergläubischer Scheu. Vielleicht hat man deshalb in den letzten Jahren den Weg verlegt, sodass er nun am Mühlteich entlang zur Kirche führt.

Das verlassene Schulhaus verfiel bald, und es hieß, der Geist des unglücklichen Schulmeisters spuke darin. Und mancher Pflugjunge, der an einem stillen Sommerabend gemächlich heimwärts trödelt, glaubt schon in der Ferne die Stimme des Schulmeisters gehört zu haben, wie sie in der friedlichen Einsamkeit von Sleepy Hollow einen schwermütigen Psalm singt.

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Nacherzählt von Talerie, Quelle: The Sketch-Book of Geoffrey Crayon (wird in einem neuen Fenster geöffnet) Gemeinfrei

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Über dieses Märchen

„Die Legende von Sleepy Hollow“ ist kein Volksmärchen, sondern eine Erzählung von Washington Irving. Sie erschien 1820 in New York im sechsten Heft seines „Sketch Book of Geoffrey Crayon, Gent.“, unter dem Decknamen Geoffrey Crayon. Angeblich stammt sie aus dem Nachlass eines Diedrich Knickerbocker, auch er von Irving erfunden.

Für spätere Ausgaben hat Irving am Wortlaut gefeilt, die Handlung blieb dieselbe. Unsere Nacherzählung folgt dem Text bei Project Gutenberg mit Irvings Vorwort von 1848. Auf der Seite stehen zwei Fassungen: „Sanfter“ ist kürzer, „Original“ ausführlicher. Beide sind unsere Nacherzählungen, keine ist Irvings Text.

Irvings Text und unsere Fassung „Sanfter“

IrvingUnsere Fassung „Sanfter“
Erzählrahmenaus Knickerbockers Nachlass, mit Nachschriftbeginnt gleich im Tal, keine Nachschrift
Schulstubedie Rute: „Spare the rod and spoil the child“keine Rute
Katrinaachtzehn, einziges Kindachtzehn, einzige Tochter
Ichabods TräumeHof zu Geld machen, ab nach Kentucky und Tennesseeebenso
Die VerfolgungKopf auf dem Sattelknauf, an der Brücke geworfenebenso
Am MorgenHut und Kürbis am Bachebenso
Ichabods Verbleibein alter Bauer: Richter am „Ten Pound Court“ein alter Bauer: Anwalt, dann Richter
Brom Bonesheiratet Katrina, lacht über den Kürbisebenso
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„Wenn ich nur die Brücke erreiche“, dachte Ichabod, „bin ich in Sicherheit.“
Washington Irving, 1820: “If I can but reach that bridge,” thought Ichabod, “I am safe.”

Wie unsere sanftere Fassung erzählt

Unsere sanftere Fassung lässt den Rahmen weg und beginnt im stillen Tal am Hudson. Ichabod Crane, Schulmeister aus Connecticut, wirbt um Katrina Van Tassel und träumt dabei vor allem vom Hof ihres Vaters. Bald steht das Pferd seines Rivalen Brom Bones sonntags nicht mehr am Zaun der Van Tassels, und Brom rächt sich mit Streichen. Nach dem Herbstfest, bei dem auf der Veranda Spukgeschichten erzählt werden, begegnet Ichabod auf dem Heimweg einem Reiter ohne Kopf.

Das Unheimlichste ist die nächtliche Jagd, an deren Ende Ichabod vom Pferd in den Staub stürzt; von einer Verletzung ist keine Rede. Der Schluss bleibt offen wie bei Irving: Ein alter Bauer erzählt, Ichabod lebe; die alten Bäuerinnen glauben, Geister hätten ihn entführt; und weil Brom über den Kürbis lacht, vermuten manche, er wisse mehr.

Eine verwandte Geschichte und ein Missverständnis

Zur selben Reihe gehört „Rip Van Winkle“, das schon 1819 im ersten Heft stand. Auch diese Geschichte stammt angeblich aus Knickerbockers Nachlass und spielt unter Holländern am Hudson. Auf Deutsch gibt es sie bei uns nicht.

Dass der kopflose Reiter ein Hesse gewesen sein soll, macht aus der Erzählung keine deutsche Sage. Irving nennt zwar einen deutschen Aberglauben um Kaiser Friedrich Rotbart, aber in seiner Anmerkung zu „Rip Van Winkle“.

Quellen

Historische Fassungen

Am 2. November 2026 mit diesen Quellen abgeglichen.

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