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Ein bärtiger Holzfäller in hellem Gewand, die Axt in der Hand, blickt staunend zu einer Öffnung im Felsen voll goldenem Licht. Hinter ihm stehen zwei Esel.

Ali Baba und die 40 Räuber

Antoine Galland

15 Min. Lesezeit ab 8 Jahren

Der arme Holzfäller Ali Baba sieht vom Baum aus, wie sich vor vierzig Räubern ein Felsen öffnet. Als die Bande fort ist, spricht er selbst die Worte des Hauptmanns und steht in einer Höhle voller Gold. Doch sein reicher Bruder Kassim erfährt von dem Geheimnis und will den Schatz für sich allein.


In einer Stadt in Persien lebten zwei Brüder, Kassim und Ali Baba. Kassim hatte eine reiche Frau geheiratet und war einer der reichsten Kaufleute der Stadt geworden. Ali Baba dagegen hatte eine arme Frau geheiratet. Er schlug Holz im Wald und verkaufte es in der Stadt, und seine drei Esel waren alles, was er besaß.

Eines Tages sah er im Wald eine Staubwolke und eine Schar Reiter, die rasch näher kamen. Er fürchtete, es könnten Räuber sein, und kletterte auf einen dicht belaubten Baum am Fuß eines steilen Felsens. Von dort zählte er vierzig bewaffnete Männer. Sie stiegen ab, banden ihre Pferde an und nahmen schwere Satteltaschen herunter, voll Gold und Silber, wie Ali Baba vermutete.

Ali Baba hockt mit seiner Axt auf einem Ast des Baums und späht hinunter, wo vor dem Felsen eine große Schar bewaffneter Reiter zusammenkommt.

Der Hauptmann der Bande trat ganz nah bei dem Baum an den Felsen und sagte laut:

„Sesam, öffne dich!“

Da tat sich im Felsen eine Tür auf. Alle gingen hinein, und die Tür schloss sich hinter ihnen. Lange wartete Ali Baba in seinem Baum. Endlich kamen die Räuber wieder heraus, und der Hauptmann rief:

„Sesam, schließe dich!“

Die Tür fiel zu, und die vierzig Räuber ritten davon. Ali Baba wartete, bis sie längst verschwunden waren. Dann kletterte er herunter, stellte sich vor den Felsen und sagte:

„Sesam, öffne dich!“

Sofort sprang die Tür auf. Vor Ali Baba lag eine große, helle Höhle voller Seide, Teppiche und Vorräte, vor allem aber voller Gold und Silber, in Haufen und in Ledersäcken. Als er eintrat, fiel die Tür hinter ihm zu, und wer das Wort nicht kannte, kam nicht mehr heraus. Ali Baba aber kannte es. Er nahm so viele Säcke mit Goldmünzen, wie seine drei Esel tragen konnten, deckte Holz darüber und sagte vor der Tür:

„Sesam, schließe dich!“

In der Höhle kniet Ali Baba vor einem Haufen Goldmünzen und füllt einen Sack. Ringsum stehen Truhen und Ballen, von oben fällt ein Lichtstrahl herein.

Zu Hause schüttete er das Gold vor seiner Frau aus. Sie erschrak und hielt ihn für einen Dieb, bis er ihr alles erzählte. Dann wollte sie das Gold Stück für Stück zählen.

„Damit wirst du nie fertig“, sagte Ali Baba. „Ich vergrabe es, und du sagst niemandem ein Wort!“

Vor der Lehmmauer ihres Hauses kniet Ali Babas Frau mit einem Sack neben einem leuchtenden Haufen Goldmünzen, Ali Baba steht mit einem Spaten daneben.

„Ich will wenigstens wissen, wie viel es ist“, sagte seine Frau und lief zu Kassims Frau, um sich ein Maß zu leihen.

Kassims Frau wusste, wie arm Ali Baba war, und wurde neugierig, was es bei ihm zu messen gab. Heimlich strich sie etwas Talg unter den Boden des Maßes. Ali Babas Frau maß das Gold und brachte das Maß zurück, ohne zu merken, dass unten eine Goldmünze kleben geblieben war.

Als Kassims Frau die Münze sah, packte sie der Neid. Am Abend sagte sie zu ihrem Mann: „Kassim, du hältst dich für reich, aber Ali Baba ist viel reicher. Er zählt sein Gold nicht, er misst es!“

Kassims Frau mit buntem Kopftuch und goldenen Armreifen hält das hölzerne Maß verkehrt herum und lächelt: Am Boden klebt im Talg eine Goldmünze.

Kassim schlief vor Neid die ganze Nacht nicht. Noch vor Sonnenaufgang stand er bei Ali Baba und hielt ihm die Münze hin. „Du spielst den armen Schlucker und misst dein Gold! Wie viele solcher Stücke hast du?“

Ali Baba sah, dass sein Geheimnis verraten war, und erzählte alles. „Bruder, wenn du schweigst, sollst du deinen Teil haben“, sagte er.

„Ich will wissen, wo die Höhle ist und wie man hineinkommt“, antwortete Kassim hochmütig. „Sonst zeige ich dich beim Richter an, und du verlierst alles.“

Mehr aus Gutmütigkeit als aus Angst verriet ihm Ali Baba den Weg und die Worte.

Kassim wollte den Schatz für sich allein. Vor Tagesanbruch zog er mit zehn Maultieren und großen Truhen los, fand den Felsen und sagte:

„Sesam, öffne dich!“

Die Tür ging auf und schloss sich hinter ihm. So viel Gold hatte Kassim nicht erwartet. Er schleppte Sack um Sack zur Tür, doch er war von all dem Reichtum so benommen, dass ihm das Wort nicht mehr einfiel. Er rief:

„Gerste, öffne dich!“

Doch die Tür blieb zu. Er versuchte es mit „Hafer, öffne dich!“ und „Hirse, öffne dich!“ und mit jedem anderen Korn, nur nicht mit dem richtigen. Je mehr er sich mühte, desto weniger fiel ihm ein. Da warf er die Säcke hin und lief voller Angst in der Höhle auf und ab.

Gegen Mittag kamen die Räuber zurück. Die Maultiere vor dem Felsen liefen erschrocken in den Wald davon. Der Hauptmann sprach mit gezogenem Säbel die Worte, und kaum war die Tür aufgegangen, stürzte Kassim hinaus und warf den Hauptmann um. Doch die anderen Räuber töteten Kassim auf der Stelle mit ihren Säbeln.

Wie der Fremde hereingekommen war, konnten sie sich nicht erklären. Damit es keiner mehr wagte, zerteilten sie Kassims Leichnam in vier Stücke und stellten sie innen neben die Tür, zwei auf jeder Seite. Dann ritten sie wieder auf Raub aus.

Als Kassim in der Nacht nicht heimkam, lief seine Frau voller Angst zu Ali Baba. Er beruhigte sie, doch am Morgen stand sie in Tränen wieder vor ihm. Da zog Ali Baba mit seinen drei Eseln in den Wald.

Vor dem Felsen sah er Blut. Er trat vor die Tür und sagte:

„Sesam, öffne dich!“

Drinnen fand er den Leichnam seines Bruders, in vier Stücke geteilt. Wie wenig Kassim ihn auch geliebt hatte, er sollte ein Begräbnis bekommen. Ali Baba wickelte die Stücke in zwei Bündel und lud sie einem Esel auf, die beiden anderen belud er mit Gold. Dann sagte er vor der Tür:

„Sesam, schließe dich!“

Erst im Dunkeln kam er in die Stadt und führte den Esel mit den Bündeln zu Kassims Haus.

Dort öffnete ihm Morgiane, eine Sklavin des Hauses, klug, geschickt und um keinen Einfall verlegen.

„Morgiane, du musst schweigen können“, sagte Ali Baba leise. „In diesen Bündeln liegt dein Herr. Alle sollen glauben, er sei an einer Krankheit gestorben.“

Der Witwe erzählte er alles. „Schwägerin“, sagte er, „das Unglück lässt sich nicht ändern. Aber ich nehme dich zu mir, und du sollst unter meinem Dach leben, solange du lebst. Um alles Weitere wird sich Morgiane kümmern.“ Die Witwe wischte sich die Tränen ab und war einverstanden.

Morgiane lief gleich zum Apotheker und kaufte Pastillen gegen die schlimmsten Krankheiten. „Ach, mein guter Herr Kassim“, seufzte sie, „er spricht nicht mehr und isst nichts.“ Am nächsten Tag holte sie mit Tränen in den Augen einen Trank, den man nur Sterbenden gibt. Am Abend hörte die ganze Nachbarschaft sie und ihre Herrin klagen, und jeder glaubte, Kassim sei an seiner Krankheit gestorben.

Früh am nächsten Morgen ging Morgiane auf den Platz zu Baba Mustafa, einem sehr alten, fröhlichen Flickschuster, der seine Bude immer als Erster öffnete. Sie drückte ihm eine Goldmünze in die Hand.

„Nehmt Euer Nähzeug und kommt mit“, sagte sie. „Aber unterwegs verbinde ich Euch die Augen.“

„Oho, soll ich etwa etwas Unrechtes tun?“, fragte der Alte.

Morgiane gab ihm eine zweite Münze. „Gott bewahre! Kommt nur und habt keine Angst.“

An einer bestimmten Stelle band sie ihm ein Tuch vor die Augen und führte ihn in die Kammer, wo der Tote lag. Dort nähte Baba Mustafa die vier Teile des Leichnams wieder zusammen. Dann verband sie ihm die Augen von Neuem, brachte ihn zurück, gab ihm die dritte Münze und sah ihm nach, bis er verschwunden war.

Morgiane führt den alten Flickschuster Baba Mustafa mit verbundenen Augen an der Hand durch eine dämmrige Gasse. Er hält Nadel und Faden.

Dann wurde Kassim gewaschen, in Tücher gehüllt und begraben, und niemand in der Stadt ahnte, wie er wirklich gestorben war. Ein paar Tage später zog Ali Baba mit seiner Familie in das Haus der Witwe. Seinem Sohn, der eben seine Lehre beendet hatte, gab er Kassims Laden.

Als die Räuber unterdessen in ihre Höhle zurückkehrten, war der Tote fort, und es fehlte noch mehr Gold.

„Ein Zweiter kennt unser Wort“, sagte der Hauptmann, „und auch er muss sterben. Einer von euch soll verkleidet in die Stadt gehen und herausfinden, wer der Tote war und wo er wohnte. Wer uns aber eine falsche Nachricht bringt, bezahlt mit seinem Leben. Seid ihr einverstanden, Kameraden?“

Alle stimmten zu, und einer meldete sich sofort. Bei Tagesanbruch war er in der Stadt. Nur eine Bude hatte schon geöffnet, die von Baba Mustafa.

„Ihr fangt früh an, Alter“, sagte der Räuber. „Seht Ihr bei diesem Licht überhaupt etwas?“

„Meine Augen sind ausgezeichnet“, antwortete der Alte. „Erst neulich habe ich einen Toten zusammengenäht, an einem Ort, der kaum heller war als dieser.“

Mehr brauchte der Räuber nicht zu hören. Er gab Baba Mustafa zwei Goldmünzen, verband ihm an derselben Stelle die Augen, wie Morgiane es getan hatte, und ließ sich von ihm führen, bis der Alte vor Kassims Haus stehen blieb, in dem jetzt Ali Baba wohnte. Schnell malte der Räuber ein Kreidezeichen an die Tür und eilte zufrieden in den Wald zurück.

Bald darauf kam Morgiane vom Markt und sah das Zeichen. „Will jemand meinem Herrn Böses?“, dachte sie. „Vorsicht kann nicht schaden.“ Sie holte Kreide und malte dasselbe Zeichen an die Türen links und rechts. Niemandem sagte sie etwas davon.

Am Abend schlichen die Räuber einzeln in die Stadt, und der Kundschafter führte den Hauptmann in die Straße. Doch da trug eine Tür nach der anderen dasselbe Zeichen, und der Kundschafter konnte die richtige nicht mehr finden. Unverrichteter Dinge kehrten sie in den Wald zurück. Dort wurde der Kundschafter zum Tod verurteilt, und einer seiner Kameraden schlug ihm den Kopf ab.

Ein zweiter Räuber versprach, es besser zu machen. Auch er ließ sich von Baba Mustafa führen und malte ein rotes Zeichen an eine Stelle, wo es kaum auffiel. Doch Morgianes scharfen Augen entging es nicht, und wieder zeichnete sie die Nachbartüren genauso. So standen die Räuber ein zweites Mal vor lauter gleichen Türen, und auch dem zweiten Kundschafter wurde der Kopf abgeschlagen.

Nun ging der Hauptmann selbst. Er ließ sich von Baba Mustafa zum Haus führen, machte aber kein Zeichen, sondern prägte es sich so genau ein, dass er sich nicht mehr irren konnte. Dann ließ er seine Leute neunzehn Maultiere und achtunddreißig große Lederschläuche für Öl kaufen. In siebenunddreißig Schläuche stieg je ein bewaffneter Räuber, nur der letzte war mit echtem Öl gefüllt. Außen rieb der Hauptmann alle mit Öl ein.

Am Abend kam er als Ölhändler zu Ali Babas Haus. Ali Baba saß vor der Tür und genoss die Kühle.

„Herr“, sagte der Hauptmann, „ich bringe Öl von weit her für den Markt und weiß nicht, wo ich schlafen soll. Nehmt mich doch für diese Nacht bei Euch auf.“

Ali Baba erkannte ihn nicht. „Seid willkommen, Herr“, sagte er und ließ ihn mit den Maultieren in den Hof. Er befahl Abdallah, die Tiere zu versorgen, und Morgiane, ein Abendessen zu kochen. „Morgen früh gehe ich ins Bad“, sagte er zu ihr. „Koch mir eine Brühe für danach.“

Der Hauptmann ging noch einmal in den Hof und flüsterte jedem Schlauch zu: „Wenn ich aus meinem Fenster kleine Steine werfe, schneidet den Schlauch auf und kommt heraus. Dann bin ich bei euch.“ Danach legte er sich angezogen ins Bett.

Spät am Abend stand Morgiane am Herd und kochte die Brühe, als die Lampe erlosch. Im ganzen Haus war kein Öl mehr.

„Nimm doch welches aus den Schläuchen im Hof“, sagte Abdallah und ging schlafen.

Morgiane nahm ihren Krug und ging hinaus. Als sie an den ersten Schlauch trat, flüsterte drinnen eine Stimme:

„Ist es so weit?“

Jede andere hätte geschrien und das ganze Haus ins Unglück gestürzt. Morgiane aber begriff sofort die Gefahr und antwortete ruhig, als wäre sie der Hauptmann:

„Noch nicht, aber bald.“

So ging es von Schlauch zu Schlauch, dieselbe Frage, dieselbe Antwort, bis zum letzten. Nur in diesem war Öl.

Nachts geht Morgiane mit einem Krug an einer Reihe großer, genähter Lederschläuche im Hof entlang und lehnt sich lauschend an einen von ihnen.

Morgiane füllte den größten Kessel der Küche mit diesem Öl und brachte es zum Kochen. Dann goss sie in jeden Schlauch so viel davon, dass keiner der siebenunddreißig Männer am Leben blieb. Alles geschah ohne einen Laut. Danach löschte sie das Licht und wartete am Küchenfenster.

Bald erwachte der Hauptmann und warf kleine Steine in den Hof. Nichts rührte sich. Er warf ein zweites und ein drittes Mal, wieder nichts. Da schlich er hinunter und roch heißes, verbranntes Öl. Von Schlauch zu Schlauch fand er seine Leute tot. Verzweifelt floh er durch den Garten und kletterte über die Mauern davon.

Am Morgen kam Ali Baba aus dem Bad und wunderte sich, dass die Schläuche noch im Hof standen.

„Herr, schaut in diesen Schlauch“, sagte Morgiane.

Ali Baba sah hinein und wich mit einem Schrei zurück.

„Habt keine Angst“, sagte Morgiane. „Der tut Euch nichts mehr, er ist tot.“ Dann erzählte sie ihm alles: von der Lampe, von der Frage „Ist es so weit?“ und von ihrer Antwort, vom kochenden Öl und von den Zeichen an der Tür. „Das waren die Räuber aus dem Wald“, schloss sie. „Seid auf der Hut, solange auch nur einer von ihnen lebt.“

„Du hast mir das Leben gerettet“, sagte Ali Baba. „Von dieser Stunde an bist du frei, und das soll noch nicht aller Dank sein.“

Heimlich begrub er mit Abdallah die Toten am Ende des Gartens, und die Maultiere ließ er nach und nach auf dem Markt verkaufen.

Der Hauptmann saß unterdessen allein in der Höhle. „Was ich mit euch allen nicht geschafft habe, schaffe ich allein“, schwor er seinen toten Kameraden. Er verkleidete sich als vornehmer Kaufmann, nannte sich Cogia Hussain und mietete in der Stadt einen Laden, genau gegenüber dem von Ali Babas Sohn. Bald waren die beiden Freunde. Cogia Hussain machte dem jungen Mann Geschenke und lud ihn oft zum Essen ein.

Der Sohn wollte die Freundlichkeit erwidern, und Ali Baba sagte: „Geht am Freitag zusammen spazieren, und auf dem Heimweg bringst du ihn zu mir. Morgiane soll ein Abendessen kochen.“

So stand Cogia Hussain am Freitag in Ali Babas Haus, genau da, wo er hinwollte.

„Herr, bleibt zum Abendessen“, bat Ali Baba.

„Gern, Herr, aber ich esse nichts, worin Salz ist“, antwortete der Gast.

„Dann kochen wir ohne Salz“, sagte Ali Baba und ging in die Küche.

„Wer ist denn dieser Mensch, der kein Salz isst?“, fragte Morgiane ärgerlich. Doch sie gehorchte, und weil sie neugierig war, half sie Abdallah, die Schüsseln hineinzutragen. Kaum hatte sie den Gast angesehen, erkannte sie den Hauptmann der Räuber, und unter seinem Gewand sah sie einen Dolch.

„Darum will er kein Salz mit meinem Herrn essen“, dachte sie. „Wer mit einem anderen Salz gegessen hat, darf ihm nichts mehr antun. Er will ihn ermorden, aber das werde ich verhindern.“

Nach dem Essen stellte sie Wein auf den Tisch und ging mit Abdallah hinaus. Der Hauptmann wartete nur darauf, dass Vater und Sohn betrunken waren. Doch Morgiane zog ein Tänzerinnenkleid an, band sich einen Gürtel mit einem silbernen Dolch um und legte eine Maske an. „Abdallah, nimm dein Tamburin“, sagte sie. „Wir tanzen für den Gast.“

Abdallah schlug das Tamburin, und Morgiane tanzte so schön, dass jeder sie bewunderte, nur nicht der Gast. Zuletzt zog sie den Dolch und tanzte damit: Bald streckte sie ihn nach vorn, als wollte sie zustoßen, bald richtete sie ihn gegen die eigene Brust.

Morgiane tanzt mit Maske und Dolch am Gürtel vor dem Tisch, an dem Ali Baba, sein Sohn und ein reich gekleideter Gast sitzen. Abdallah schlägt das Tamburin.

Dann nahm sie das Tamburin und hielt es den Zuschauern hin, wie Tänzerinnen es tun. Ali Baba warf eine Goldmünze hinein, sein Sohn ebenso. Als Cogia Hussain in seinen Beutel griff, stieß ihm Morgiane den Dolch ins Herz und zog ihn erst heraus, als der Gast tot war.

„Unglückselige, was hast du getan?“, rief Ali Baba entsetzt.

„Ich habe Euch gerettet, Herr“, sagte Morgiane und zeigte ihm den Dolch unter dem Gewand des Toten. „Seht ihn Euch an: Das ist der falsche Ölhändler, der Hauptmann der Räuber! Habt Ihr nicht gemerkt, dass er kein Salz mit Euch essen wollte?“

Ali Baba umarmte sie. „Zweimal hast du mir das Leben gerettet“, sagte er. „Jetzt mache ich dich zu meiner Schwiegertochter.“ Und zu seinem Sohn: „Mein Sohn, du verdankst ihr so viel wie ich. Nimm sie zur Frau.“

Der Sohn war gern einverstanden. Den Hauptmann begruben sie heimlich bei seinen Männern, und wenige Tage später wurde mit Tanz und Musik Hochzeit gefeiert.

Ein Jahr lang mied Ali Baba die Höhle, denn von zwei Räubern wusste er nicht, ob sie noch lebten. Dann ritt er hinaus, fand keine Spur von Menschen oder Pferden und sagte die Worte, die er nicht vergessen hatte:

„Sesam, öffne dich!“

In der Höhle war lange niemand mehr gewesen. Da wusste Ali Baba, dass es die Räuber nicht mehr gab und dass er als Einziger das Geheimnis kannte. Er belud sein Pferd mit Gold, ritt heim und verriet das Wort später seinem Sohn. Die beiden gaben es an ihre Kinder und Kindeskinder weiter, gingen maßvoll mit dem Reichtum um und wurden in der Stadt hoch geehrt.

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Nacherzählt von Talerie, Quelle: Les Mille et Une Nuits (wird in einem neuen Fenster geöffnet) Gemeinfrei

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Baba Jaga

6 Min. Lesezeit ab 6 Jahren

Über dieses Märchen

Die Geschichte von Ali Baba steht in „Les Mille et Une Nuits“, der französischen Übertragung von Tausendundeiner Nacht durch Antoine Galland. Die ersten Bände erschienen 1704, Galland starb 1715. Bei ihm erzählt Scheherazade die Geschichte dem Sultan, ihrem Mann. Einen Verfasser nennt keine der Quellen, die wir gelesen haben.

Unsere Vorlage ist Gallands Text in der Pariser Ausgabe von 1806, deren Herausgeber Druckfehler und Fehler des Übersetzers bereinigt haben. Galland übersetzte frei: Er habe kürzen, mildern, erklären und sogar hinzufügen müssen, schreibt dort sein Fortsetzer Caussin de Perceval. Den Rahmen mit Scheherazade lassen wir weg.

Gallands Text neben der englischen Kurzfassung in Langs „Blue Fairy Book“

Galland 1806 (unsere Vorlage)Lang 1889
Titel„… quarante voleurs exterminés par une esclave“„The Forty Thieves“
RahmenScheherazade erzählt dem Sultankeiner, beginnt in einer Stadt in Persien
Zauberwort„Sésame, ouvre-toi“„Open, Sesame!“
Kassims WitweAli Baba heiratet sieAngebot, bei Ali Baba und seiner Frau zu leben
DecknameCogia HoussainCogia Hassan
Morgianes Tanzmit Dolch und Maskemit Dolch, ohne Maske
SchlussGlanz und höchste Würden in der StadtKinder und Enkel bleiben reich
Umfangrund 90 Seiten9 Seiten
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Sesam, öffne dich!
Antoine Galland, Ausgabe von 1806: Sésame, ouvre-toi

Was in unserer Nacherzählung geschieht

Ali Baba sieht von einem Baum aus vierzig Räuber und hört, wie ihr Hauptmann mit „Sesam, öffne dich!“ eine Tür im Felsen öffnet. Sein reicher Bruder Kassim zwingt ihm das Geheimnis ab, vergisst in der Höhle das Wort, ruft „Gerste, öffne dich!“ und wird von den Räubern getötet. Danach rettet Morgiane, eine Sklavin aus Kassims Haus, die Familie: Sie malt das Kreidezeichen der Räuber und später das rote Zeichen auch an die Nachbartüren, und in den achtunddreißig Lederschläuchen findet sie siebenunddreißig Räuber und tötet sie mit kochendem Öl. Ali Baba schenkt ihr die Freiheit. Später kommt der Hauptmann unter dem Namen Cogia Hussain als Gast ins Haus. Morgiane erkennt ihn und ersticht ihn beim Tanz, und Ali Baba gibt sie seinem Sohn zur Frau. Dass man keinem etwas antun darf, mit dem man Salz gegessen hat, erklärt nur unsere Nacherzählung; bei Galland heißt es bloß, der Gast wolle kein Salz mit Ali Baba essen. Bei Galland heiratet Ali Baba die Witwe seines Bruders; in unserer Nacherzählung nimmt er sie unter sein Dach.

In der Geschichte sterben viele, und unsere Nacherzählung sagt es offen: Kassims Leichnam wird in vier Stücke geteilt, die beiden Kundschafter werden von der eigenen Bande enthauptet, die Räuber in den Schläuchen sterben im kochenden Öl, und der Hauptmann stirbt durch Morgianes Dolch. Ali Baba selbst tötet niemanden. Ausgeschmückt wird nichts davon, doch bei kleineren Kindern hilft es, diese Stellen vor dem Vorlesen zu kennen.

Verwandte Märchen und eine Namensverwechslung

Verwandt ist das Grimm’sche Märchen „Simeliberg“ (KHM 142), das es bei uns nicht zu lesen gibt. Auch dort hat ein armer Mann einen reichen Bruder, die Räuber sind aber nur zwölf, und der Berg öffnet sich auf „Berg Semsi, Berg Semsi, thu dich auf“. Der Reiche bestreicht den Boden des Scheffels, den sich der Arme bei ihm leiht, mit Pech, vergisst im Berg den Namen, ruft „Berg Simeli“ und wird von den Räubern geköpft. Die Grimms merkten 1856 an, ihre Geschichte aus dem Münsterland stimme genau mit der von den vierzig Räubern überein, und sogar der Felsen Sesam erinnere an die Namen Semsi und Semeli. Aus Gallands Sammlung stammt auch Aladdin: Der sechste Band der Ausgabe von 1806, in dem Ali Baba steht, beginnt mit der Fortsetzung der Aladdin-Geschichte. Bei uns heißt sie „Aladdin und die Wunderlampe“.

Mit „Baba Jaga“ hat diese Geschichte nichts zu tun. Gemeinsam ist beiden nur das Wort „Baba“, das auch im Namen des Schusters Baba Mustafa steckt.

Quellen

Historische Fassungen

Kommentar

Katalog

Am 30. Oktober 2026 mit diesen Quellen abgeglichen.

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