
Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen
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Abends erzählt man sich Gespenstergeschichten, und die Zuhörer sagen, es gruselt ihnen. Nur der jüngere von zwei Brüdern versteht nicht, was sie meinen. Weil er dem Küster das Bein gebrochen hat, schickt ihn der Vater mit fünfzig Talern fort.
Es war einmal ein Vater, der hatte zwei Söhne. Der ältere war klug und geschickt, der jüngere aber war dumm und begriff nichts. Musste der Ältere abends noch über den Friedhof, sagte er: „Ach nein, Vater, da gruselt es mir!“ Und wenn am Feuer schaurige Geschichten erzählt wurden, riefen die Zuhörer: „Ach, es gruselt mir!“
Der Jüngere saß in seiner Ecke und konnte sich nicht denken, was das heißen sollte. „Mir gruselt es nie“, dachte er. „Das ist wohl auch so eine Kunst, von der ich nichts verstehe.“
Eines Tages sagte der Vater zu ihm: „Du musst auch etwas lernen, womit du dein Brot verdienst.“
„Ach, Vater“, antwortete der Junge, „wenn es geht, möchte ich gern das Gruseln lernen.“
Der ältere Bruder lachte darüber. Der Vater aber seufzte und sagte: „Das Gruseln wirst du schon noch lernen, aber dein Brot verdienst du damit nicht.“

Bald darauf klagte der Vater dem Küster sein Leid. „Wenn es weiter nichts ist“, sagte der Küster, „das kann er bei mir lernen.“
So kam der Junge ins Haus des Küsters und musste die Glocke läuten. Eines Nachts schickte ihn der Küster in den Turm und ging heimlich voraus. Als der Junge oben nach dem Glockenseil greifen wollte, sah er auf der Treppe eine weiße Gestalt stehen.
„Wer da?“, rief er. Die Gestalt antwortete nicht und rührte sich nicht.

„Gib Antwort“, rief der Junge, „oder mach, dass du fortkommst!“
Der Küster blieb reglos stehen, damit der Junge ihn für ein Gespenst hielt. Ein zweites Mal rief der Junge: „Sprich, wenn du ein ehrlicher Kerl bist, sonst werfe ich dich die Treppe hinunter!“
Doch der Küster stand da wie aus Stein. Zum dritten Mal rief ihn der Junge an. Als auch das nichts half, stieß er das Gespenst die Treppe hinunter, zehn Stufen tief. Dann läutete er die Glocke, ging heim und schlief weiter.
Am Morgen fand die Küsterfrau ihren Mann mit gebrochenem Bein in der Ecke und lief zum Vater des Jungen. „Euer Junge hat meinem Mann das Bein gebrochen!“, rief sie. „Schafft den Taugenichts aus unserem Haus!“
Der Vater erschrak und schimpfte mit dem Jungen.
„Vater, ich bin ganz unschuldig“, antwortete der Junge. „Er stand in der Nacht da wie einer, der Böses vorhat, und ich habe ihn dreimal gewarnt.“
„Mit dir erlebe ich nichts als Unglück“, sagte der Vater. „Hier hast du fünfzig Taler. Geh damit in die weite Welt und sag keinem Menschen, woher du kommst und wer dein Vater ist, denn ich muss mich für dich schämen.“
„Ja, Vater, wie du willst. Dann ziehe ich aus und lerne das Gruseln.“
Am Morgen steckte der Junge seine fünfzig Taler ein, ging auf die Landstraße und sagte immer wieder vor sich hin: „Ach, wenn mir’s nur gruselte!“
Ein Mann ging ein Stück mit ihm und hörte das. Als sie den Galgen vor sich sahen, sagte er: „Siehst du den Galgen dort? Da hängen sieben Männer. Setz dich heute Nacht darunter, dann lernst du das Gruseln schon.“
„Das ist leicht getan“, antwortete der Junge. „Lerne ich so schnell das Gruseln, dann sollt Ihr meine fünfzig Taler haben.“
Er setzte sich unter den Galgen und machte sich ein Feuer. Um Mitternacht wehte ein eisiger Wind und stieß die Gehenkten gegeneinander. „Ich friere hier unten am Feuer“, dachte der Junge, „wie müssen die da oben erst frieren!“

Weil sie ihm leidtaten, holte er alle sieben herunter und setzte sie rund um das Feuer. Aber sie rührten sich nicht, und ihre Kleider fingen Feuer.
„Passt auf“, sagte er, „sonst hänge ich euch wieder hinauf!“ Die Toten hörten nicht und ließen ihre Lumpen weiterbrennen. „Wenn ihr nicht aufpassen wollt, kann ich euch nicht helfen“, sagte er ärgerlich und hängte sie der Reihe nach wieder auf. Dann schlief er an seinem Feuer ein.
Am Morgen kam der Mann und wollte die fünfzig Taler haben. „Nun, weißt du jetzt, was Gruseln ist?“
„Nein“, antwortete der Junge. „Die da oben haben den Mund nicht aufgemacht und waren so dumm, dass sie ihre alten Lumpen brennen ließen.“
Da zog der Mann ohne das Geld ab und sagte: „So einer ist mir noch nie begegnet.“
Der Junge zog weiter und sagte wieder vor sich hin: „Ach, wenn mir’s nur gruselte!“
Das hörte ein Fuhrmann, der hinter ihm herging. „Wer bist du?“, fragte er.
„Ich weiß nicht.“
„Wer ist dein Vater?“
„Das darf ich nicht sagen.“
„Lass das dumme Gerede“, sagte der Fuhrmann und nahm ihn mit.
Abends kamen sie zu einem Wirtshaus. Kaum war der Junge in der Stube, sagte er wieder ganz laut: „Ach, wenn mir’s nur gruselte!“
Der Wirt lachte. „Wenn dir der Sinn danach steht, dazu findest du hier gute Gelegenheit.“
„Sei still“, sagte die Wirtin. „So mancher Vorwitzige hat dabei schon sein Leben verloren.“
Der Junge aber ließ dem Wirt keine Ruhe, bis der ihm alles erzählte: „Nicht weit von hier steht ein verwunschenes Schloss. Wer drei Nächte darin wacht, dem hat der König seine Tochter versprochen, das schönste Mädchen, das die Sonne je beschienen hat. Dort liegen auch Schätze, die böse Geister bewachen. Wer die drei Nächte übersteht, befreit sie.“
Am nächsten Morgen ging der Junge zum König. „Herr König, wenn Ihr erlaubt, möchte ich drei Nächte in dem verwunschenen Schloss wachen.“
Der Junge gefiel dem König. „Du darfst drei Dinge mitnehmen“, sagte er, „aber es müssen leblose Dinge sein.“
„Dann bitte ich um ein Feuer, eine Drehbank und eine Schnitzbank mit Messer“, antwortete der Junge.
Am Abend machte er sich im Schloss ein helles Feuer, stellte die Schnitzbank daneben und setzte sich auf die Drehbank. „Ach, wenn mir’s nur gruselte!“, sagte er.
Gegen Mitternacht schrie es aus einer Ecke: „Au, miau, uns ist so kalt!“
„Ihr Narren“, rief er, „dann kommt und wärmt euch am Feuer!“
Mit einem gewaltigen Satz sprangen zwei große schwarze Katzen herbei und setzten sich mit feurigen Augen neben ihn. Bald fragten sie: „Kamerad, wollen wir eine Runde Karten spielen?“
„Warum nicht?“, antwortete er. „Aber zeigt mal eure Pfoten her.“
Die Katzen streckten die Krallen aus. „Oh, was habt ihr für lange Nägel!“, sagte der Junge. „Die muss ich euch erst schneiden.“ Er hob sie auf die Schnitzbank und schraubte ihnen die Pfoten fest. „Euch habe ich auf die Finger geschaut, da vergeht mir die Lust am Kartenspiel.“ Dann schlug er sie tot und warf sie ins Wasser.
Kaum saß er wieder, da kamen aus allen Ecken schwarze Katzen und schwarze Hunde an glühenden Ketten, immer mehr. Sie schrien grässlich und wollten sein Feuer austreten. Als es ihm zu bunt wurde, packte er sein Schnitzmesser und rief: „Fort mit euch, ihr Gesindel!“ Ein Teil sprang davon, die anderen schlug er tot und warf sie in den Teich.
Später wurde der Junge müde und legte sich in ein großes Bett in der Ecke. Kaum hatte er die Augen zugemacht, fing das Bett von selbst an zu fahren, als wären sechs Pferde davorgespannt, über Schwellen und Treppen durch das ganze Schloss. „Recht so“, sagte er, „nur immer schneller!“

Auf einmal, hopp, hopp, kippte das Bett um und lag wie ein Berg auf ihm. Er aber kroch heraus und sagte: „Jetzt kann fahren, wer Lust hat.“ Dann legte er sich an sein Feuer und schlief bis zum Morgen.
Als der König kam und den Jungen auf dem Boden liegen sah, glaubte er, die Gespenster hätten ihn umgebracht. „Schade um den schönen jungen Mann“, sagte er.
Da richtete sich der Junge auf. „So weit ist es noch nicht!“
Der König staunte. Als der Junge zum Wirt kam, machte der große Augen: „Hast du nun gelernt, was Gruseln ist?“
„Nein, es ist alles umsonst“, sagte der Junge. „Wenn es mir nur einer sagen könnte!“
In der zweiten Nacht setzte er sich wieder ans Feuer und stimmte sein altes Lied an: „Ach, wenn mir’s nur gruselte!“
Um Mitternacht hörte man Lärm und Gepolter, und mit Geschrei fiel ein halber Mensch den Schornstein herunter, genau vor die Füße des Jungen.
„Heda!“, rief der Junge. „Da gehört noch eine Hälfte dazu!“
Es tobte und heulte von Neuem, und die andere Hälfte fiel auch herunter. Während der Junge das Feuer anblies, wuchsen die beiden Stücke zusammen, und auf seiner Bank saß ein grässlicher Mann.
„So haben wir nicht gewettet“, sagte der Junge, „die Bank gehört mir.“ Er schob den grässlichen Mann mit Gewalt fort und setzte sich wieder hin.
Dann fielen immer mehr Männer herunter. Sie stellten neun Totenbeine auf und spielten mit zwei Totenköpfen Kegel. Nun bekam auch der Junge Lust. „Darf ich mitspielen?“
„Ja, wenn du Geld hast.“
„Geld genug“, antwortete er, „aber eure Kugeln sind nicht richtig rund.“ Er spannte die Totenköpfe in die Drehbank und drehte sie rund. „So, jetzt rollen sie besser!“

Als es zwölf schlug, war alles verschwunden, und er schlief ruhig ein.
Am Morgen fragte der König: „Hat es dir diesmal nicht gegruselt?“
„Ach was“, sagte der Junge, „ich habe gekegelt und ein paar Heller verloren. Wenn ich nur wüsste, was Gruseln ist!“
In der dritten Nacht saß er missmutig auf seiner Bank und sagte: „Ach, wenn mir’s nur gruselte!“
Spät am Abend trugen sechs große Männer einen Sarg herein. „Haha“, sagte der Junge, „das ist gewiss mein Vetterchen. Komm, Vetterchen, komm!“
Die Männer stellten den Sarg ab, und der Junge hob den Deckel. Darin lag ein toter Mann, kalt wie Eis. „Wart, ich will dich ein bisschen wärmen“, sagte der Junge. Er legte dem Toten die warme Hand aufs Gesicht, nahm ihn auf den Schoß und rieb ihm die Arme, aber es half nichts.
„Wenn zwei zusammen im Bett liegen, wärmen sie sich“, dachte der Junge, legte den Toten ins Bett und sich daneben. Nach einer Weile wurde der Tote warm und fing an, sich zu regen.
„Siehst du, Vetterchen“, sagte der Junge, „ohne mich wärst du kalt geblieben!“
Der Tote aber richtete sich auf und rief: „Jetzt will ich dich erwürgen!“
„Was? Ist das mein Dank?“, sagte der Junge. Er warf ihn in den Sarg zurück, und die sechs Männer trugen den Sarg wieder fort. „Es will mir einfach nicht gruseln“, murmelte der Junge.
Da trat ein Mann herein, größer als alle anderen und fürchterlich anzusehen, alt und mit einem langen weißen Bart. „Du Wicht“, rief er, „bald sollst du lernen, was Gruseln ist, denn du musst sterben.“
„Nicht so schnell“, antwortete der Junge. „Wenn ich sterben soll, muss ich auch dabei sein. Und so stark wie du bin ich allemal.“
„Das wollen wir sehen“, sagte der Alte. „Bist du stärker als ich, lasse ich dich gehen.“
Er führte den Jungen durch dunkle Gänge in eine Schmiede, nahm eine Axt und schlug einen Amboss mit einem einzigen Hieb in die Erde.
„Das kann ich noch besser“, sagte der Junge und ging zum zweiten Amboss. Der Alte stellte sich daneben, und sein weißer Bart hing herab. Da spaltete der Junge den Amboss mit der Axt und klemmte den Bart mit hinein. Dann schlug er mit einer Eisenstange auf den Alten ein, bis der wimmerte und ihm große Reichtümer versprach, wenn er nur aufhörte. Da zog der Junge die Axt heraus und ließ ihn los.

Der Alte führte ihn in einen Keller und zeigte ihm drei Truhen voll Gold. „Eine Truhe gehört den Armen“, sagte er, „die zweite dem König und die dritte dir.“ Da schlug es zwölf, und der Alte verschwand. Der Junge tastete sich im Finstern zu seinem Feuer zurück und schlief ein.
Am Morgen fragte der König: „Nun hast du wohl gelernt, was Gruseln ist?“
„Nein“, antwortete der Junge. „Mein toter Vetter war da, und ein bärtiger Mann hat mir viel Geld gezeigt, aber was Gruseln ist, hat mir keiner gesagt.“
„Du hast das Schloss erlöst“, sagte der König, „und sollst meine Tochter heiraten.“
„Das ist ja alles recht schön, aber ich weiß immer noch nicht, was Gruseln ist.“
Das Gold wurde heraufgeholt und die Hochzeit gefeiert. Der junge König hatte seine Frau sehr lieb, und doch sagte er immer wieder: „Ach, wenn mir’s nur gruselte!“ Darüber wurde die Königstochter schließlich ärgerlich.
Da sagte ihr Kammermädchen: „Frau Königin, ich weiß Rat. Das Gruseln soll er schon lernen.“ Dann ließ das Mädchen einen Eimer voll Wasser und kleiner Gründlinge aus dem Bach im Garten holen.

In der Nacht, als der junge König schlief, zog ihm seine Frau die Decke weg und goss das kalte Wasser mit den Gründlingen über ihm aus, sodass die Fische rings um ihn zappelten. Da wachte ihr Mann auf und rief: „Ach, was gruselt mir, was gruselt mir, liebe Frau! Ja, nun weiß ich, was Gruseln ist.“
Nacherzählt von Talerie, Quelle: Kinder- und Hausmärchen (wird in einem neuen Fenster geöffnet) Gemeinfrei Diesen Text darfst du kopieren, bearbeiten und frei verwenden. Über einen Link zu Talerie freuen wir uns, nötig ist er nicht. CC0 1.0 (wird in einem neuen Fenster geöffnet)

