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Ein gedecktes Wunschtischlein mit Braten, Brot und Wein steht in einer Waldlichtung, daneben ein staunender Geselle, ein Esel und ein Sack.Original

Tischlein deck dich

Gebrüder Grimm

20 Min. Lesezeit7–12 Jahre

Drei Söhne ziehen in die Lehre und bekommen je ein Wunder: ein Tischlein, das sich selbst deckt, einen Esel, der Gold speit, und einen Knüppel im Sack. Ein Wirt stiehlt den ersten beiden ihr Geschenk unterwegs, doch der Knüppel des jüngsten holt beides zurück, und die Familie feiert in Freude und Herrlichkeit.


Vor Zeiten lebte ein Schneider, der hatte drei Söhne und nur eine einzige Ziege. Weil die Ziege sie aber alle zusammen mit ihrer Milch ernährte, musste sie gutes Futter bekommen und jeden Tag hinaus auf die Weide geführt werden. Das taten die Söhne der Reihe nach.

Einmal brachte der Älteste sie auf den Friedhof, wo die schönsten Kräuter standen, und ließ sie dort fressen und herumspringen. Am Abend, als es Zeit war heimzugehen, fragte er: „Ziege, bist du satt?“ Die Ziege antwortete:

Ich bin so satt,ich mag kein Blatt. Mäh! Mäh!

„Dann komm nach Hause“, sagte der Junge, fasste sie am Strick, führte sie in den Stall und band sie fest.

„Nun“, sagte der alte Schneider, „hat die Ziege ihr gutes Futter gehabt?“

„Oh“, antwortete der Sohn, „die ist so satt, sie mag kein Blatt.“

Der Vater aber wollte sich selbst überzeugen. Er ging hinunter in den Stall, streichelte das liebe Tier und fragte: „Ziege, bist du auch wirklich satt?“ Die Ziege antwortete:

Wovon sollt ich satt sein?Ich sprang nur über Gräberleinund fand kein einzig Blättlein. Mäh! Mäh!

Ein alter Schneider kauert vor dem Stall und befragt streng seine Ziege, die mit grünen Blättern im Maul meckert.

„Was muss ich da hören!“, rief der Schneider, lief hinauf und fuhr den Jungen an: „Du Lügner! Sagst, die Ziege sei satt, und hast sie hungern lassen.“ Vor Zorn nahm er die Elle von der Wand und jagte ihn mit Schlägen aus dem Haus.

Am nächsten Tag war die Reihe am zweiten Sohn. Der suchte an der Gartenhecke einen Platz aus, wo lauter gute Kräuter wuchsen, und die Ziege fraß sie restlos ab. Am Abend, als er heimwollte, fragte er: „Ziege, bist du satt?“ Die Ziege antwortete:

Ich bin so satt,ich mag kein Blatt. Mäh! Mäh!

„Dann komm nach Hause“, sagte der Junge, zog sie heim und band sie im Stall fest.

„Nun“, sagte der alte Schneider, „hat die Ziege ihr gutes Futter gehabt?“

„Oh“, antwortete der Sohn, „die ist so satt, sie mag kein Blatt.“

Der Schneider wollte sich nicht darauf verlassen, ging hinunter in den Stall und fragte: „Ziege, bist du auch wirklich satt?“ Die Ziege antwortete:

Wovon sollt ich satt sein?Ich sprang nur über Gräberleinund fand kein einzig Blättlein. Mäh! Mäh!

„Der gewissenlose Bengel!“, schrie der Schneider. „So ein gutmütiges Tier hungern zu lassen!“ Er lief hinauf und schlug den Jungen mit der Elle zur Haustür hinaus.

Jetzt kam die Reihe an den dritten Sohn. Der wollte seine Sache besonders gut machen, suchte Büsche mit dem schönsten Laub aus und ließ die Ziege daran fressen. Am Abend, als er heimwollte, fragte er: „Ziege, bist du auch satt?“ Die Ziege antwortete:

Ich bin so satt,ich mag kein Blatt. Mäh! Mäh!

„Dann komm nach Hause“, sagte der Junge, führte sie in den Stall und band sie fest.

„Nun“, sagte der alte Schneider, „hat die Ziege ihr gutes Futter gehabt?“

„Oh“, antwortete der Sohn, „die ist so satt, sie mag kein Blatt.“

Der Schneider traute dem nicht, ging hinunter und fragte: „Ziege, bist du auch wirklich satt?“ Das boshafte Tier antwortete:

Wovon sollt ich satt sein?Ich sprang nur über Gräberleinund fand kein einzig Blättlein. Mäh! Mäh!

„Diese Lügenbrut!“, rief der Schneider. „Einer so verlogen wie der andere! Ihr sollt mich nicht länger zum Narren halten!“ Vor Zorn ganz außer sich sprang er hinauf und gerbte dem armen Jungen mit der Elle den Rücken so gewaltig, dass der aus dem Haus sprang.

Nun war der alte Schneider mit seiner Ziege allein. Am nächsten Morgen ging er hinunter in den Stall, streichelte sie und sagte: „Komm, mein liebes Tierchen, ich führe dich selbst auf die Weide.“ Er nahm sie am Strick und brachte sie zu grünen Hecken, zu saftigen Kräutern und zu allem, was Ziegen gern fressen. „Da kannst du dich einmal nach Herzenslust satt fressen“, sagte er zu ihr und ließ sie weiden bis zum Abend. Dann fragte er: „Ziege, bist du satt?“ Sie antwortete:

Ich bin so satt,ich mag kein Blatt. Mäh! Mäh!

„Dann komm nach Hause“, sagte der Schneider, führte sie in den Stall und band sie fest. Als er wegging, drehte er sich noch einmal um und sagte: „Nun bist du doch endlich einmal satt!“ Aber die Ziege machte es ihm nicht besser und rief:

Wovon sollt ich satt sein?Ich sprang nur über Gräberleinund fand kein einzig Blättlein. Mäh! Mäh!

Als der Schneider das hörte, stutzte er und sah wohl ein, dass er seine drei Söhne ohne Grund aus dem Haus gejagt hatte. „Warte“, rief er, „du undankbares Geschöpf! Dich fortzujagen ist noch zu wenig. Ich will dich so herrichten, dass du dich unter ehrbaren Schneidern nicht mehr sehen lassen darfst.“ In aller Eile sprang er hinauf, holte sein Rasiermesser, seifte der Ziege den Kopf ein und schor ihn so glatt wie seine flache Hand. Und weil ihm die Elle dafür zu ehrenvoll war, holte er die Peitsche und versetzte ihr solche Hiebe, dass sie in gewaltigen Sprüngen davonlief.

Der Schneider aber saß nun ganz allein in seinem Haus, und eine große Traurigkeit kam über ihn. Gern hätte er seine Söhne wiedergehabt, doch niemand wusste, wohin sie geraten waren.

Der Älteste war bei einem Schreiner in die Lehre gegangen. Er lernte fleißig und ohne Verdruss, und als seine Zeit um war und er auf Wanderschaft gehen sollte, schenkte ihm der Meister ein Tischlein. Es sah nach gar nichts aus und war aus ganz gewöhnlichem Holz, aber es hatte eine gute Eigenschaft. Wenn man es hinstellte und sagte: „Tischlein, deck dich“, dann lag auf einmal ein sauberes Tuch darauf, und ein Teller stand da, Messer und Gabel daneben, und Schüsseln mit Gekochtem und Gebratenem, so viele wie Platz hatten, und ein großes Glas mit rotem Wein leuchtete, dass einem das Herz lachte.

„Damit hast du genug für dein ganzes Leben“, dachte der junge Geselle, zog guter Dinge in der Welt umher und kümmerte sich gar nicht darum, ob ein Wirtshaus gut oder schlecht war und ob es dort etwas zu essen gab oder nicht. Wenn ihm danach war, kehrte er überhaupt nicht ein, sondern nahm im Feld, im Wald oder auf einer Wiese, wo es ihm gefiel, sein Tischlein vom Rücken, stellte es vor sich hin und sagte: „Tischlein, deck dich.“ Und schon war alles da, was sein Herz begehrte.

Schließlich kam ihm in den Sinn, er wolle zu seinem Vater zurückkehren. Der Zorn des Vaters werde sich gelegt haben, und mit dem Tischlein deck dich werde der Alte ihn gern wieder aufnehmen. Nun traf es sich, dass er auf dem Heimweg am Abend in ein Wirtshaus kam, das voller Gäste war. Sie hießen ihn willkommen und riefen ihm zu, er solle sich zu ihnen setzen und mitessen, sonst bekomme er wohl nichts mehr.

„Nein“, antwortete der Schreiner, „die paar Bissen will ich euch nicht wegnehmen. Lieber sollt ihr meine Gäste sein.“

Sie lachten und meinten, er treibe seinen Spaß mit ihnen. Er aber stellte sein hölzernes Tischlein mitten in die Stube und sagte: „Tischlein, deck dich.“ Im selben Augenblick war es mit Speisen besetzt, so guten, wie sie der Wirt gar nicht hätte herbeischaffen können, und der Duft stieg den Gästen lieblich in die Nase.

Ein junger Schreiner steht in einer vollen Wirtsstube, sein Tischlein hat sich plötzlich mit dampfendem Essen gedeckt, die Gäste staunen.

„Greift zu, liebe Freunde“, sagte der Schreiner. Als die Gäste sahen, wie es gemeint war, ließen sie sich nicht zweimal bitten, rückten heran, zogen ihre Messer und langten kräftig zu. Und was sie am meisten wunderte: War eine Schüssel leer, so stellte sich sogleich von selbst eine volle an ihren Platz.

Der Wirt stand in einer Ecke und sah dem Ganzen zu. Er wusste nicht, was er sagen sollte, dachte aber: „So einen Koch könntest du in deinem Wirtshaus gut gebrauchen.“ Der Schreiner und seine Gesellschaft waren lustig bis tief in die Nacht. Endlich legten sie sich schlafen, und auch der junge Geselle ging zu Bett und stellte sein Wunschtischlein an die Wand.

Dem Wirt aber ließen seine Gedanken keine Ruhe. Ihm fiel ein, dass in seiner Rumpelkammer ein altes Tischlein stand, das genauso aussah. Das holte er ganz leise herbei und vertauschte es mit dem Wunschtischlein. Am nächsten Morgen bezahlte der Schreiner sein Nachtlager, lud sein Tischlein auf, dachte nicht im Traum daran, dass er das falsche haben könnte, und ging seiner Wege.

Zu Mittag kam er bei seinem Vater an, der ihn mit großer Freude empfing. „Nun, mein lieber Sohn, was hast du gelernt?“

„Vater, ich bin Schreiner geworden.“

„Ein gutes Handwerk“, erwiderte der Alte. „Aber was hast du von deiner Wanderschaft mitgebracht?“

„Vater, das Beste, was ich mitgebracht habe, ist dieses Tischlein.“

Der Schneider betrachtete es von allen Seiten und sagte: „Daran hast du kein Meisterstück gemacht. Das ist ein altes, schlechtes Tischlein.“

„Aber es ist ein Tischlein deck dich“, antwortete der Sohn. „Wenn ich es hinstelle und ihm sage, es solle sich decken, dann stehen sofort die schönsten Gerichte darauf und ein Wein dabei, der das Herz erfreut. Ladet nur alle Verwandten und Freunde ein, die sollen sich einmal satt essen und trinken, denn das Tischlein macht sie alle satt.“

Als die Gesellschaft beisammen war, stellte er sein Tischlein mitten in die Stube und sagte: „Tischlein, deck dich.“ Aber das Tischlein rührte sich nicht und blieb so leer wie jeder andere Tisch, der kein Wort versteht. Da merkte der arme Geselle, dass ihm das Tischlein vertauscht worden war, und schämte sich, weil er nun als Lügner dastand. Die Verwandten aber lachten ihn aus und mussten ohne Essen und Trinken wieder heimgehen. Der Vater holte seine Stoffreste hervor und schneiderte weiter, der Sohn aber ging bei einem Meister in Arbeit.

Der zweite Sohn war zu einem Müller gekommen und bei ihm in die Lehre gegangen. Als seine Jahre um waren, sagte der Meister: „Weil du dich so gut gehalten hast, schenke ich dir einen Esel von ganz besonderer Art. Er zieht keinen Wagen und trägt keine Säcke.“

„Wozu ist er dann zu gebrauchen?“, fragte der junge Geselle.

„Er speit Gold“, antwortete der Müller. „Wenn du ihn auf ein Tuch stellst und ‚Bricklebrit‘ sagst, dann speit dir das gute Tier Goldstücke aus, hinten und vorn.“

„Das ist eine schöne Sache“, sagte der Geselle, dankte seinem Meister und zog in die Welt. Wenn er Gold brauchte, musste er nur „Bricklebrit“ zu seinem Esel sagen, dann regnete es Goldstücke, und er hatte keine andere Mühe, als sie vom Boden aufzuheben. Wo er auch hinkam, war ihm das Beste gerade gut genug, und je teurer, desto lieber, denn sein Beutel war immer voll.

Ein junger Müller kniet mit ausgebreitetem Tuch vor seinem grauen Esel, aus dessen Leib Goldstücke auf den Boden regnen.

Als er sich eine Zeit lang in der Welt umgesehen hatte, dachte er: „Du musst deinen Vater aufsuchen. Wenn du mit dem Goldesel kommst, vergisst er seinen Zorn und nimmt dich gut auf.“ Nun traf es sich, dass er in dasselbe Wirtshaus geriet, in dem seinem Bruder das Tischlein vertauscht worden war. Er führte seinen Esel am Strick, und der Wirt wollte ihm das Tier abnehmen und anbinden.

„Gebt euch keine Mühe“, sagte der junge Geselle. „Meinen Grauschimmel führe ich selbst in den Stall und binde ihn auch selbst an, denn ich muss wissen, wo er steht.“

Dem Wirt kam das seltsam vor, und er dachte, wer seinen Esel selbst versorgen müsse, der habe wohl nicht viel zu verzehren. Als aber der Fremde in die Tasche griff, zwei Goldstücke herausholte und sagte, er solle nur etwas Gutes für ihn einkaufen, da machte er große Augen, lief los und suchte das Beste zusammen, was er auftreiben konnte.

Nach dem Essen fragte der Gast, was er schuldig sei. Der Wirt rechnete reichlich doppelt und sagte, ein paar Goldstücke müsse er noch drauflegen. Der Geselle griff in die Tasche, aber sein Gold war gerade zu Ende.

„Wartet einen Augenblick, Herr Wirt“, sagte er, „ich gehe nur schnell Gold holen.“ Dabei nahm er das Tischtuch mit.

Der Wirt wusste nicht, was das bedeuten sollte, wurde neugierig und schlich ihm nach. Und weil der Gast die Stalltür von innen verriegelte, guckte er durch ein Astloch. Der Fremde breitete das Tuch unter dem Esel aus, rief „Bricklebrit“, und im selben Augenblick fing das Tier an, Gold zu speien, hinten und vorn, dass es ordentlich zu Boden regnete.

Der dicke Wirt steht in der offenen Tür des erleuchteten Stalls und sieht dem Müller zu, der kniend Goldstücke unter seinem Esel auf einem Tuch sammelt.

„Donnerwetter“, sagte der Wirt, „da sind die Dukaten schnell geprägt! So ein Geldbeutel ist nicht übel.“

Der Gast bezahlte seine Zeche und legte sich schlafen. Der Wirt aber schlich in der Nacht hinunter in den Stall, führte den Münzmeister weg und band einen anderen Esel an seinen Platz. Am nächsten Morgen in aller Frühe zog der Geselle mit dem Esel ab und meinte, er habe seinen Goldesel bei sich. Zu Mittag kam er bei seinem Vater an, der sich freute, als er ihn wiedersah, und ihn gern aufnahm.

„Was ist aus dir geworden, mein Sohn?“, fragte der Alte.

„Ein Müller, lieber Vater.“

„Und was hast du von deiner Wanderschaft mitgebracht?“

„Nichts weiter als einen Esel.“

„Esel gibt es hier genug“, sagte der Vater. „Da wäre mir eine gute Ziege lieber gewesen.“

„Ja“, antwortete der Sohn, „aber das ist kein gewöhnlicher Esel, das ist ein Goldesel. Wenn ich ‚Bricklebrit‘ sage, dann speit euch das gute Tier ein ganzes Tuch voll Goldstücke. Lasst nur alle Verwandten herbeirufen, ich mache sie alle zu reichen Leuten.“

„Das lasse ich mir gefallen“, sagte der Schneider. „Dann brauche ich mich mit der Nadel nicht länger zu plagen.“ Er lief selbst los und rief die Verwandten zusammen.

Sobald sie beisammen waren, ließ der Müller sie Platz machen, breitete sein Tuch aus und brachte den Esel in die Stube. „Jetzt passt auf“, sagte er und rief: „Bricklebrit.“ Aber was da herunterfiel, waren keine Goldstücke, und es zeigte sich, dass das Tier nichts von der Kunst verstand, denn so weit bringt es nicht jeder Esel. Da machte der arme Müller ein langes Gesicht, sah, dass er betrogen worden war, und bat die Verwandten um Verzeihung. Die gingen so arm wieder heim, wie sie gekommen waren. Es blieb nichts übrig: Der Alte musste wieder zur Nadel greifen, und der Junge ging bei einem Müller in Arbeit.

Der dritte Bruder war zu einem Drechsler in die Lehre gegangen, und weil das ein kunstreiches Handwerk ist, musste er am längsten lernen. Seine Brüder aber schrieben ihm in einem Brief, wie schlimm es ihnen ergangen war und wie der Wirt sie am letzten Abend um ihre schönen Wundergaben gebracht hatte.

Als der Drechsler ausgelernt hatte und wandern sollte, schenkte ihm sein Meister, weil er sich so gut gehalten hatte, einen Sack und sagte: „Es liegt ein Knüppel darin.“

„Den Sack kann ich umhängen, der leistet mir gute Dienste“, sagte der Geselle. „Aber wozu der Knüppel? Der macht ihn nur schwer.“

„Das will ich dir sagen“, antwortete der Meister. „Hat dir jemand etwas zuleide getan, dann sag nur: ‚Knüppel, aus dem Sack!‘ Dann springt dir der Knüppel heraus unter die Leute und tanzt ihnen so lustig auf dem Rücken herum, dass sie sich acht Tage lang nicht rühren und bewegen können. Und er lässt nicht eher ab, als bis du sagst: ‚Knüppel, in den Sack!‘“

Der Geselle dankte ihm und hängte sich den Sack um. Wenn ihm jemand zu nahe kam und ihm an den Leib wollte, sagte er: „Knüppel, aus dem Sack!“ Sogleich sprang der Knüppel heraus und klopfte einem nach dem anderen die Jacke aus, gleich auf dem Rücken, und wartete gar nicht erst, bis er sie ausgezogen hatte. Und das ging so schnell, dass jeder an der Reihe war, ehe er sichs versah.

Am Abend kam der junge Drechsler in dem Wirtshaus an, in dem seine Brüder betrogen worden waren. Er legte seinen Sack vor sich auf den Tisch und fing an zu erzählen, was er alles Merkwürdige in der Welt gesehen habe. „Ja“, sagte er, „man findet wohl ein Tischlein deck dich, einen Goldesel und dergleichen, lauter gute Dinge, die ich nicht verachte. Aber das ist alles nichts gegen den Schatz, den ich mir erworben habe und da in meinem Sack bei mir trage.“

Der Wirt spitzte die Ohren. „Was in aller Welt mag das sein?“, dachte er. „Der Sack ist wohl mit lauter Edelsteinen gefüllt. Den sollte ich eigentlich auch noch bekommen, denn aller guten Dinge sind drei.“

Als es Schlafenszeit war, streckte sich der Gast auf die Bank und legte sich seinen Sack als Kopfkissen unter. Der Wirt wartete, bis er meinte, der Gast liege in tiefem Schlaf. Dann trat er herbei und rückte und zog ganz leise und vorsichtig an dem Sack, um zu sehen, ob er ihn nicht wegziehen und einen anderen unterschieben könnte. Der Drechsler aber hatte längst darauf gewartet, und als der Wirt gerade einen herzhaften Ruck tun wollte, rief er: „Knüppel, aus dem Sack!“

Sogleich fuhr der Knüppel heraus, dem Wirt auf den Leib, und bearbeitete ihm den Rücken, dass ihm Hören und Sehen verging. Der Wirt schrie erbärmlich, aber je lauter er schrie, desto kräftiger schlug ihm der Knüppel den Takt dazu, bis er endlich erschöpft zu Boden fiel.

Der junge Drechsler ruft ein Wort, und der Knüppel springt aus dem Sack; der erschrockene Wirt weicht zurück und verschüttet sein Bier.

Da sagte der Drechsler: „Wenn du das Tischlein deck dich und den Goldesel nicht wieder herausgibst, geht der Tanz von vorne los.“

„Ach nein“, rief der Wirt ganz kleinlaut, „ich gebe alles gern wieder heraus, lasst nur den verwünschten Kobold wieder in den Sack kriechen.“

Da sagte der Geselle: „Ich will Gnade vor Recht ergehen lassen, aber hüte dich, dass es kein zweites Mal gibt!“ Dann rief er: „Knüppel, in den Sack!“ und ließ ihn ruhen.

Am nächsten Morgen zog der Drechsler mit dem Tischlein deck dich und dem Goldesel heim zu seinem Vater. Der Schneider freute sich, als er ihn wiedersah, und fragte auch ihn, was er in der Fremde gelernt habe.

„Lieber Vater“, antwortete er, „ich bin Drechsler geworden.“

„Ein kunstreiches Handwerk“, sagte der Vater. „Was hast du von der Wanderschaft mitgebracht?“

„Ein kostbares Stück, lieber Vater“, antwortete der Sohn, „einen Knüppel im Sack.“

„Was!“, rief der Vater. „Einen Knüppel! Das ist ja der Mühe wert. Den kannst du dir von jedem Baum abschlagen.“

„Aber keinen solchen, lieber Vater. Sage ich: ‚Knüppel, aus dem Sack!‘, dann springt der Knüppel heraus und tanzt mit dem, der es nicht gut mit mir meint, einen schlimmen Tanz, und er lässt nicht eher nach, als bis der am Boden liegt und um Gnade bittet. Seht ihr, mit diesem Knüppel habe ich das Tischlein deck dich und den Goldesel wieder herbeigeschafft, die der diebische Wirt meinen Brüdern abgenommen hatte. Jetzt lasst die beiden rufen und ladet alle Verwandten ein. Ich will sie speisen und tränken und ihnen die Taschen noch mit Gold füllen.“

Der alte Schneider wollte der Sache nicht recht trauen, brachte die Verwandten aber doch zusammen. Da breitete der Drechsler ein Tuch in der Stube aus, führte den Goldesel herein und sagte zu seinem Bruder: „Nun, lieber Bruder, sprich du mit ihm.“

Der Müller sagte: „Bricklebrit“, und augenblicklich sprangen die Goldstücke auf das Tuch herab wie ein Platzregen, und der Esel hörte nicht eher auf, als bis alle so viel hatten, dass sie es nicht mehr tragen konnten. (Ich sehe dir an, du wärst auch gern dabei gewesen.)

Dann holte der Drechsler das Tischlein und sagte: „Lieber Bruder, nun sprich du mit ihm.“ Und kaum hatte der Schreiner „Tischlein, deck dich“ gesagt, da war es gedeckt und reich mit den schönsten Schüsseln besetzt. Nun wurde ein Mahl gehalten, wie es der gute Schneider in seinem Haus noch nie erlebt hatte, und die ganze Verwandtschaft blieb bis in die Nacht beisammen und war lustig und vergnügt. Der Schneider aber schloss Nadel und Zwirn, Elle und Bügeleisen in einen Schrank und lebte mit seinen drei Söhnen in Freude und Herrlichkeit.

Die Familie feiert in der Stube, während der Esel Goldstücke auf ein Tuch speit und der Vater den Gästen fröhlich zuprostet.

Wo aber ist die Ziege geblieben, die schuld daran war, dass der Schneider seine drei Söhne fortjagte? Das will ich dir sagen. Sie schämte sich, weil sie einen kahlen Kopf hatte, lief in eine Fuchshöhle und verkroch sich darin. Als der Fuchs nach Hause kam, funkelten ihm zwei große Augen aus dem Dunkeln entgegen, sodass er erschrak und wieder zurücklief.

Ein Bär begegnete ihm, und weil der Fuchs ganz verstört aussah, fragte er: „Was ist mit dir, Bruder Fuchs? Was machst du für ein Gesicht?“

„Ach“, antwortete der Rote, „ein grimmiges Tier sitzt in meiner Höhle und hat mich mit feurigen Augen angestarrt.“

„Das treiben wir bald hinaus“, sagte der Bär, ging mit zu der Höhle und schaute hinein. Als er aber die feurigen Augen erblickte, packte auch ihn die Angst. Er wollte mit dem grimmigen Tier nichts zu tun haben und nahm Reißaus.

Eine Biene begegnete ihm, und weil sie merkte, dass ihm nicht wohl in seiner Haut war, sagte sie: „Bär, du machst ja ein gewaltig verdrießliches Gesicht. Wo ist deine Fröhlichkeit geblieben?“

„Du hast gut reden“, antwortete der Bär. „In der Höhle des Roten sitzt ein grimmiges Tier mit Glotzaugen, und wir bekommen es nicht heraus.“

Die Biene sagte: „Du tust mir leid, Bär. Ich bin ein armes, schwaches Geschöpf, das ihr am Weg nicht einmal anschaut, aber ich glaube doch, dass ich euch helfen kann.“

Eine weiße Ziege mit kahl geschorenem Kopf springt meckernd aus einer Fuchshöhle, eine Biene sticht sie am Kopf, während Fuchs und Bär davonlaufen.

Sie flog in die Fuchshöhle, setzte sich der Ziege auf den glatt geschorenen Kopf und stach sie so gewaltig, dass sie aufsprang, „Mäh! Mäh!“ schrie und wie toll in die Welt hinauslief. Und bis zu dieser Stunde weiß niemand, wohin sie gelaufen ist.

Nacherzählt von Talerie, Quelle: Kinder- und Hausmärchen (wird in einem neuen Fenster geöffnet)

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