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Das FeuerzeugOriginal

Das Feuerzeug

Hans Christian Andersen

15 Min. Lesezeit8–14 Jahre

Ein Soldat kehrt aus dem Krieg heim und begegnet einer alten Hexe, die ihn in einen hohlen Baum schickt, wo drei großäugige Hunde Truhen voller Kupfer-, Silber- und Goldmünzen bewachen – als Lohn verlangt sie nur ein altes Feuerzeug. Nachdem der Soldat die Hexe getötet und sein Vermögen verprasst hat, entdeckt er die Zauberkraft des Feuerzeugs: Es ruft die drei Hunde herbei, die ihm nicht nur Geld, sondern auch die verbotene Prinzessin bringen und ihm am Ende Thron und Braut sichern.

Behutsame FassungOriginalfassung

Auf der Landstraße kam ein Soldat dahermarschiert: Eins, zwei! Eins, zwei! Er trug seinen Tornister auf dem Rücken und einen Säbel an der Seite, denn er war im Krieg gewesen und wollte nun nach Hause.

Da begegnete ihm auf der Landstraße eine alte Hexe. Sie war reichlich hässlich, und ihre Unterlippe hing ihr bis auf die Brust hinunter. »Guten Abend, Soldat!«, sagte sie. »Was hast du für einen schönen Säbel und einen großen Tornister! Du bist ein echter Soldat. Dafür sollst du so viel Geld bekommen, wie du nur willst.«

»Ich danke dir, du alte Hexe«, sagte der Soldat.

»Siehst du den großen Baum dort?«, sagte die Hexe und zeigte auf einen Baum, der neben ihnen stand. »Der ist innen hohl. Du musst bis in den Wipfel klettern, dann siehst du ein Loch. Durch dieses Loch kannst du dich hinablassen, tief in den Baum hinein. Ich binde dir einen Strick um den Leib, damit ich dich wieder heraufziehen kann, wenn du rufst.«

»Was soll ich denn da unten im Baum?«, fragte der Soldat.

»Geld holen!«, sagte die Hexe. »Wenn du unten am Boden ankommst, stehst du in einer großen Halle. Da ist es hell, denn dort brennen über dreihundert Lampen. Du siehst drei Türen, und du kannst sie öffnen, die Schlüssel stecken schon. Gehst du in die erste Kammer, so steht mitten auf dem Boden eine große Kiste, und darauf sitzt ein Hund. Der hat Augen, so groß wie ein Paar Teetassen. Doch daran brauchst du dich nicht zu stören! Ich gebe dir meine blau karierte Schürze; die kannst du auf dem Boden ausbreiten. Geh dann rasch hin, nimm den Hund, setze ihn auf meine Schürze, öffne die Kiste und nimm so viele Schillinge, wie du willst. Sie sind aus Kupfer. Willst du lieber Silber, dann geh in die zweite Kammer. Dort sitzt ein Hund, der hat Augen, so groß wie Mühlräder. Doch lass dich davon nicht kümmern! Setze ihn auf meine Schürze und nimm von dem Geld. Und willst du Gold, so kannst du auch das bekommen, so viel du tragen magst, wenn du in die dritte Kammer gehst. Aber der Hund, der dort auf dem Geldkasten sitzt, hat zwei Augen, jedes so groß wie ein Turm. Glaub mir, das ist ein böser Hund! Doch fürchte dich nur nicht! Setze ihn auf meine Schürze, dann tut er dir nichts, und nimm aus der Kiste so viel Gold, wie du willst.«

»Das klingt gar nicht übel!«, sagte der Soldat. »Aber was soll ich dir dafür geben, du alte Hexe? Umsonst wirst du es wohl nicht tun.«

»Doch!«, sagte die Hexe. »Nicht einen einzigen Schilling will ich haben. Nur ein altes Feuerzeug sollst du mir mitbringen, das meine Großmutter vergessen hat, als sie das letzte Mal unten war.«

»Dann binde mir den Strick um den Leib!«, sagte der Soldat.

»Hier ist er«, sagte die Hexe, »und hier ist meine blau karierte Schürze.«

Da kletterte der Soldat auf den Baum, ließ sich in das Loch hinabgleiten und stand, wie die Hexe es gesagt hatte, unten in der großen Halle, wo die vielen hundert Lampen brannten.

Nun öffnete er die erste Tür. Huch! Da saß der Hund mit den Augen, so groß wie Teetassen, und glotzte ihn an.

»Du bist mir ein netter Kerl!«, sagte der Soldat, setzte ihn auf die Schürze der Hexe und nahm so viele Kupferschillinge, wie seine Taschen fassen konnten. Dann schloss er die Kiste, setzte den Hund wieder darauf und ging in die zweite Kammer. Richtig! Da saß der Hund mit den Augen, so groß wie Mühlräder.

»Du solltest mich lieber nicht so starr ansehen!«, sagte der Soldat. »Sonst könnten dir die Augen noch übergehen.« Und er setzte den Hund auf die Schürze der Hexe. Als er aber all das Silbergeld in der Kiste sah, warf er das ganze Kupfergeld wieder weg und füllte sich Taschen und Tornister nur mit Silber. Dann ging er in die dritte Kammer. Nein, das war grässlich! Der Hund darin hatte wirklich zwei Augen, jedes so groß wie ein Turm, und die drehten sich im Kopf wie Räder.

»Guten Abend!«, sagte der Soldat und tippte an die Mütze, denn einen solchen Hund hatte er noch nie gesehen. Doch als er ihn eine Weile betrachtet hatte, dachte er: Nun ist es genug. Er hob ihn auf den Boden herunter und öffnete die Kiste. Mein Gott, was war da für eine Menge Gold! Dafür hätte er die ganze Stadt kaufen können und die Zuckerferkel der Küchenfrauen, alle Zinnsoldaten, Peitschen und Schaukelpferde auf der ganzen Welt. Ja, das war einmal Gold! Nun warf der Soldat das Silber, mit dem er Taschen und Tornister gefüllt hatte, wieder weg und nahm dafür Gold. Alle Taschen, der Tornister, die Mütze und die Stiefel wurden gefüllt, so voll, dass er kaum noch gehen konnte. Jetzt hatte er Geld! Den Hund setzte er auf die Kiste, schlug die Tür zu und rief durch den Baum hinauf:

»Zieh mich jetzt hoch, du alte Hexe!«

»Hast du auch das Feuerzeug?«, fragte die Hexe.

»Donnerwetter!«, sagte der Soldat, »das hätte ich glatt vergessen!« Und er ging und holte es. Die Hexe zog ihn hinauf, und da stand er wieder auf der Landstraße, mit Taschen, Stiefeln, Tornister und Mütze voller Gold.

»Was willst du eigentlich mit dem Feuerzeug?«, fragte der Soldat.

»Das geht dich nichts an!«, sagte die Hexe. »Du hast doch dein Geld bekommen. Gib mir nur das Feuerzeug.«

»Ach was!«, sagte der Soldat. »Sagst du mir sofort, was du damit willst, oder ich ziehe meinen Säbel und schlage dir den Kopf ab!«

»Nein!«, sagte die Hexe.

Da schlug der Soldat ihr den Kopf ab. Nun lag sie da! Er aber band all sein Gold in ihre Schürze, nahm es wie ein Bündel auf den Rücken, steckte das Feuerzeug in die Tasche und ging geradewegs in die Stadt.

Das war eine prächtige Stadt! Und im prächtigsten Wirtshaus kehrte er ein, verlangte die allerbesten Zimmer und seine Lieblingsspeisen, denn nun war er ja reich, so viel Geld hatte er.

Dem Diener, der seine Stiefel putzen sollte, kamen sie freilich reichlich seltsam und alt vor für einen so reichen Herrn. Doch neue hatte er sich noch nicht gekauft. Am nächsten Tag bekam er anständige Stiefel und schöne Kleider. Aus dem Soldaten war ein vornehmer Herr geworden, und die Leute erzählten ihm von allen Herrlichkeiten der Stadt, von ihrem König und was für eine niedliche Prinzessin seine Tochter sei.

»Wo kann man sie zu sehen bekommen?«, fragte der Soldat.

»Sie ist überhaupt nicht zu sehen!«, sagten alle. »Sie wohnt in einem großen kupfernen Schloss, das von vielen Mauern und Türmen umgeben ist. Niemand außer dem König darf bei ihr ein- und ausgehen, denn es ist vorausgesagt, dass sie einen gemeinen Soldaten heiraten wird, und das kann der König nicht zulassen.«

»Die würde ich wohl gern sehen!«, dachte der Soldat. Aber dazu bekam er keinerlei Erlaubnis.

Nun lebte er recht lustig, ging ins Theater, fuhr im Garten des Königs spazieren und gab den Armen viel Geld. Das war schön von ihm; er wusste noch aus früheren Zeiten, wie schlimm es ist, keinen Schilling zu besitzen. Er war reich, hatte schöne Kleider und bekam sehr viele Freunde, die alle sagten, er sei ein vortrefflicher Mensch, ein wahrer Kavalier. Und das hörte der Soldat gern. Doch da er jeden Tag Geld ausgab und nie etwas einnahm, blieben ihm zuletzt nur noch zwei Schillinge übrig. Er musste die schönen Zimmer verlassen und oben in einer kleinen Kammer unter dem Dach wohnen, seine Stiefel selbst putzen und sie mit einer Stopfnadel zusammennähen. Keiner seiner Freunde kam mehr zu ihm, denn es waren zu viele Treppen hinaufzusteigen.

Es war ein dunkler Abend, und er konnte sich nicht einmal ein Licht kaufen. Da fiel ihm ein, dass in dem Feuerzeug, das er aus dem hohlen Baum geholt hatte, ein kleines Endchen Kerze lag. Er suchte das Feuerzeug und den Kerzenstummel hervor. Doch gerade als er Feuer schlug und die Flamme aufsprang, ging die Tür auf, und der Hund mit den Augen, so groß wie ein Paar Teetassen, den er unter dem Baum gesehen hatte, stand vor ihm und sagte: »Was befiehlt mein Herr?«

»Was ist denn das?«, fragte der Soldat. »Das ist ja ein feines Feuerzeug, wenn ich so bekomme, was ich haben will! Schaff mir etwas Geld!«, sagte er zum Hund, und wupps! war der Hund fort, und wupps! war er wieder da und hielt einen großen Beutel voller Schillinge in der Schnauze.

Nun wusste der Soldat, was für ein prächtiges Feuerzeug das war! Schlug er einmal Feuer, so kam der Hund, der auf der Kiste mit dem Kupfergeld saß; schlug er zweimal, so kam der mit dem Silber; und schlug er dreimal, so kam der, der das Gold bewachte. Jetzt zog der Soldat wieder in die schönen Zimmer hinunter und erschien von Neuem in schönen Kleidern. Da erkannten ihn alle seine Freunde sogleich wieder und hielten viel von ihm.

Eines Tages dachte er: Es ist doch sonderbar, dass man die Prinzessin nicht zu sehen bekommt. Sie soll sehr schön sein, sagen alle; aber was hilft das, wenn sie ewig in dem großen Kupferschloss mit den vielen Türmen sitzen muss! Kann ich sie denn gar nicht zu sehen bekommen? Wo ist nur mein Feuerzeug? Und er schlug Feuer, und wupps! da kam der Hund mit den Augen, so groß wie Teetassen.

»Es ist zwar mitten in der Nacht«, sagte der Soldat, »aber ich möchte so gern die Prinzessin sehen, nur einen einzigen Augenblick.«

Der Hund war gleich zur Tür hinaus, und ehe der Soldat sich's versah, kam er mit der Prinzessin zurück. Sie saß und schlief auf dem Rücken des Hundes und war so lieblich, dass jeder sehen konnte, sie war wirklich eine Prinzessin. Der Soldat konnte einfach nicht anders, als sie zu küssen, denn er war ganz und gar Soldat.

Dann lief der Hund mit der Prinzessin wieder zurück. Als es aber Morgen wurde und der König und die Königin Tee tranken, sagte die Prinzessin, sie habe in der Nacht einen sonderbaren Traum von einem Hund und einem Soldaten gehabt; sie sei auf dem Hund geritten, und der Soldat habe sie geküsst.

»Das wäre ja eine schöne Geschichte!«, sagte die Königin.

Nun sollte in der nächsten Nacht eine der alten Hofdamen am Bett der Prinzessin wachen, um zu sehen, ob es wirklich nur ein Traum war oder etwas anderes.

Der Soldat aber hatte eine gewaltige Sehnsucht, die Prinzessin wiederzusehen, und so kam in der Nacht der Hund, holte sie und lief, so schnell er konnte. Doch die alte Hofdame zog Wasserstiefel an und lief ebenso schnell hinterher. Als sie sah, dass die beiden in einem großen Haus verschwanden, dachte sie: Nun weiß ich, wo es ist. Und sie machte mit einem Stück Kreide ein großes Kreuz an die Tür. Dann ging sie nach Hause und legte sich schlafen. Der Hund brachte die Prinzessin zurück, doch als er das Kreuz an der Tür des Hauses sah, in dem der Soldat wohnte, nahm auch er ein Stück Kreide und malte Kreuze an alle Haustüren der Stadt. Das war klug gemacht, denn nun konnte die Hofdame die richtige Tür nicht mehr finden, weil an allen Türen Kreuze waren.

Früh am Morgen kamen der König und die Königin, die alte Hofdame und alle Offiziere, um zu sehen, wo die Prinzessin gewesen war.

»Da ist es!«, sagte der König, als er die erste Tür mit einem Kreuz erblickte.

»Nein, dort ist es, mein lieber Mann!«, sagte die Königin, als sie die zweite Tür ebenfalls mit einem Kreuz sah.

»Aber da ist eins und dort ist eins!«, sagten alle. Wohin sie auch blickten, überall waren Kreuze an den Türen. Da begriffen sie, dass ihnen das Suchen nichts helfen würde.

Aber die Königin war eine überaus kluge Frau, die mehr konnte, als in einer Kutsche zu fahren. Sie nahm ihre große goldene Schere, schnitt ein Stück Seidenstoff in kleine Teile und nähte daraus einen hübschen kleinen Beutel. Den füllte sie mit feiner Buchweizengrütze, band ihn der Prinzessin auf den Rücken, und dann schnitt sie ein kleines Loch hinein, sodass die Grütze den ganzen Weg bestreuen musste, den die Prinzessin nahm.

In der Nacht kam der Hund wieder, nahm die Prinzessin auf den Rücken und lief mit ihr zum Soldaten, der sie sehr lieb hatte und gern ein Prinz gewesen wäre, um sie zur Frau nehmen zu können.

Der Hund merkte gar nicht, wie die Grütze sich vom Schloss bis zum Fenster des Soldaten ausstreute, wo er die Mauer mit der Prinzessin hinauflief. Am Morgen sahen der König und die Königin nun genau, wo ihre Tochter gewesen war, und da nahmen sie den Soldaten und warfen ihn ins Gefängnis.

Da saß er nun. Hu, wie dunkel und langweilig war es dort! Und sie sagten ihm: »Morgen wirst du gehängt.« Das zu hören war wenig erfreulich, und sein Feuerzeug hatte er im Gasthof zurückgelassen. Am Morgen konnte er durch das Eisengitter vor dem kleinen Fenster sehen, wie die Leute aus der Stadt eilten, um ihn hängen zu sehen. Er hörte die Trommeln und sah die Soldaten marschieren. Alle Menschen liefen hinaus, und darunter war auch ein Schusterjunge mit Schurzfell und Pantoffeln. Der lief in solchem Galopp, dass ihm ein Pantoffel vom Fuß flog und geradewegs gegen die Mauer schlug, hinter der der Soldat saß und durch das Gitter hinausschaute.

»He, du Schusterjunge! Du brauchst es doch gar nicht so eilig zu haben!«, rief ihm der Soldat zu. »Es geht ja nicht los, bevor ich da bin! Aber wenn du dorthin läufst, wo ich gewohnt habe, und mir mein Feuerzeug holst, gebe ich dir vier Schillinge. Nur musst du die Beine in die Hand nehmen!« Der Schusterjunge wollte gern die vier Schillinge verdienen, holte das Feuerzeug, gab es dem Soldaten, und – ja, nun wollen wir hören, was geschah!

Vor der Stadt war ein großer Galgen aufgebaut. Rundherum standen die Soldaten und viele Hunderttausend Menschen. Der König und die Königin saßen auf einem prächtigen Thron, den Richtern und dem ganzen Rat gegenüber.

Der Soldat stand schon oben auf der Leiter, doch als sie ihm den Strick um den Hals legen wollten, sagte er, man gewähre einem armen Sünder vor seiner Strafe doch stets die Erfüllung eines unschuldigen Wunsches. Er möchte so gern eine Pfeife Tabak rauchen; es wäre ja die letzte Pfeife auf dieser Welt.

Das wollte der König ihm nicht verwehren, und so nahm der Soldat sein Feuerzeug und schlug Feuer, eins, zwei, drei. Und siehe da, plötzlich standen alle drei Hunde vor ihm: der mit den Augen, so groß wie Teetassen, der mit den Augen, so groß wie Mühlräder, und der, dem jedes Auge so groß wie ein Turm war.

»Helft mir, dass ich nicht gehängt werde!«, sagte der Soldat. Da fielen die Hunde über die Richter und den ganzen Rat her, packten den einen bei den Beinen und den anderen bei der Nase und warfen sie viele Klafter hoch in die Luft, sodass sie herunterfielen und in lauter Stücke zersprangen.

»Ich will nicht!«, rief der König, doch der größte Hund packte sowohl ihn als auch die Königin und warf sie den anderen hinterher. Da erschraken die Soldaten, und das ganze Volk rief: »Guter Soldat, du sollst unser König sein und die schöne Prinzessin bekommen!«

Dann setzten sie den Soldaten in die Kutsche des Königs, und die drei Hunde tanzten voran und riefen: »Hurra!« Die Jungen pfiffen auf den Fingern, und die Soldaten präsentierten das Gewehr. Die Prinzessin kam aus dem kupfernen Schloss heraus und wurde Königin, und das gefiel ihr gut! Die Hochzeit dauerte acht Tage, und die Hunde saßen mit bei Tisch und machten große Augen.