OriginalAschenputtel dient ihrer Stiefmutter, doch das weiße Vöglein auf dem Haselbaum schenkt ihr goldene Kleider für das Fest, auf dem sie drei Abende mit dem Königssohn tanzt. Der goldene Schuh passt am Ende nur an ihrem Fuß, der Königssohn erkennt sie als rechte Braut, und die Schwestern werden von den Tauben geblendet.
Einem reichen Mann wurde seine Frau krank, und als sie fühlte, dass ihr Ende nahe war, rief sie ihr einziges Töchterchen zu sich ans Bett und sagte:
„Liebes Kind, bleib fromm und gut, dann wird der liebe Gott dir immer beistehen, und ich will vom Himmel auf dich herabsehen und bei dir sein.“
Dann schloss sie die Augen und starb. Das Mädchen ging jeden Tag hinaus zum Grab der Mutter und weinte, und sie blieb fromm und gut. Als der Winter kam, breitete der Schnee ein weißes Tuch über das Grab, und als die Sonne im Frühjahr es wieder weggezogen hatte, nahm sich der Mann eine andere Frau.
Die neue Frau brachte zwei Töchter mit ins Haus. Die waren schön und weiß im Gesicht, aber garstig und schwarz im Herzen. Für das arme Stiefkind begann eine schlimme Zeit.
„Soll die dumme Gans bei uns in der Stube sitzen?“, sagten sie. „Wer Brot essen will, muss es verdienen. Hinaus mit der Küchenmagd!“
Sie nahmen ihr die schönen Kleider weg, zogen ihr einen alten grauen Kittel an und gaben ihr hölzerne Schuhe.
„Seht nur die stolze Prinzessin, wie fein sie herausgeputzt ist!“, riefen sie, lachten und führten sie in die Küche.
Dort musste sie von morgens bis abends schwer arbeiten: vor Tagesanbruch aufstehen, Wasser tragen, Feuer machen, kochen und waschen. Obendrein taten die Schwestern ihr jedes Leid an, das sie sich nur ausdenken konnten. Sie verspotteten sie und schütteten ihr die Erbsen und Linsen in die Asche, sodass sie sich hinsetzen und alles wieder auslesen musste. Abends, wenn sie sich müde gearbeitet hatte, bekam sie kein Bett, sondern musste sich neben dem Herd in die Asche legen. Und weil sie davon immer staubig und schmutzig aussah, nannten sie sie Aschenputtel.

Eines Tages wollte der Vater auf den Jahrmarkt ziehen. Da fragte er die beiden Stieftöchter, was er ihnen mitbringen solle.
„Schöne Kleider“, sagte die eine.
„Perlen und Edelsteine“, sagte die andere.
„Und du, Aschenputtel“, sagte er, „was willst du haben?“
„Vater, den ersten Zweig, der dir auf dem Heimweg an den Hut stößt, den brich für mich ab.“
Er kaufte also für die beiden Stiefschwestern schöne Kleider, Perlen und Edelsteine, und auf dem Rückweg, als er durch grünes Gebüsch ritt, streifte ihn ein Haselzweig und stieß ihm den Hut vom Kopf. Da brach er den Zweig ab und nahm ihn mit. Als er nach Hause kam, gab er den Stieftöchtern, was sie sich gewünscht hatten, und Aschenputtel gab er den Zweig vom Haselstrauch. Aschenputtel dankte ihm, ging zum Grab ihrer Mutter und pflanzte den Zweig darauf, und sie weinte so sehr, dass die Tränen darauf niederfielen und ihn begossen. Der Zweig aber wuchs und wurde ein schöner Baum. Dreimal am Tag ging Aschenputtel darunter, weinte und betete, und jedes Mal kam ein weißes Vöglein auf den Baum. Und wenn sie einen Wunsch aussprach, warf ihr das Vöglein herunter, was sie sich gewünscht hatte.
Nun begab es sich, dass der König ein Fest gab, das drei Tage dauern sollte. Alle schönen jungen Mädchen im Land wurden dazu eingeladen, damit sein Sohn sich eine Braut aussuchen konnte. Als die beiden Stiefschwestern hörten, dass auch sie dabei sein sollten, waren sie guter Dinge. Sie riefen Aschenputtel und sagten:
„Kämm uns die Haare, bürste uns die Schuhe und mach uns die Schnallen fest. Wir gehen auf das Fest im Schloss des Königs.“
Aschenputtel gehorchte, aber sie weinte, denn sie wäre auch gern zum Tanz mitgegangen, und sie bat die Stiefmutter, es ihr zu erlauben.
„Du, Aschenputtel“, sagte die, „bist voller Staub und Schmutz und willst zum Fest? Du hast keine Kleider und keine Schuhe und willst tanzen!“
Als sie aber nicht aufhörte zu bitten, sagte die Stiefmutter schließlich:
„Da habe ich dir eine Schüssel Linsen in die Asche geschüttet. Wenn du die Linsen in zwei Stunden wieder ausgelesen hast, dann darfst du mitkommen.“
Das Mädchen ging durch die Hintertür in den Garten und rief:
Ihr zahmen Täubchen, ihr Turteltäubchen,all ihr Vöglein unter dem Himmel,kommt und helft mir lesen,die guten ins Töpfchen,die schlechten ins Kröpfchen.
Da kamen zwei weiße Täubchen zum Küchenfenster herein, danach die Turteltäubchen, und zuletzt schwirrten und schwärmten alle Vöglein unter dem Himmel herein und ließen sich rund um die Asche nieder. Die Täubchen nickten mit den Köpfchen und fingen an: pick, pick, pick, pick. Und dann fingen die anderen auch an: pick, pick, pick, pick, und lasen alle guten Körner in die Schüssel. Kaum war eine Stunde vergangen, da waren sie schon fertig und flogen alle wieder hinaus.
Da brachte das Mädchen der Stiefmutter die Schüssel, freute sich und glaubte, nun dürfe sie mit auf das Fest. Aber die Stiefmutter sagte:
„Nein, Aschenputtel, du hast keine Kleider und kannst nicht tanzen. Du wirst nur ausgelacht.“
Als Aschenputtel darüber weinte, sagte sie:
„Wenn du mir zwei Schüsseln voll Linsen in einer Stunde rein aus der Asche lesen kannst, dann darfst du mitkommen.“
Dabei dachte sie: Das schafft sie im Leben nicht. Als sie die zwei Schüsseln Linsen in die Asche geschüttet hatte, ging das Mädchen durch die Hintertür in den Garten und rief:
Ihr zahmen Täubchen, ihr Turteltäubchen,all ihr Vöglein unter dem Himmel,kommt und helft mir lesen,die guten ins Töpfchen,die schlechten ins Kröpfchen.
Da kamen zwei weiße Täubchen zum Küchenfenster herein, danach die Turteltäubchen, und zuletzt schwirrten und schwärmten alle Vöglein unter dem Himmel herein und ließen sich rund um die Asche nieder. Die Täubchen nickten mit den Köpfchen und fingen an: pick, pick, pick, pick. Und dann fingen die anderen auch an: pick, pick, pick, pick, und lasen alle guten Körner in die Schüsseln. Und ehe eine halbe Stunde vergangen war, waren sie schon fertig und flogen alle wieder hinaus.

Da trug das Mädchen die Schüsseln zur Stiefmutter, freute sich und glaubte, nun dürfe sie mit auf das Fest. Aber die sagte:
„Es hilft dir alles nichts. Du kommst nicht mit, denn du hast keine Kleider und kannst nicht tanzen. Wir müssten uns deiner schämen.“
Damit kehrte sie ihr den Rücken zu und eilte mit ihren zwei stolzen Töchtern davon.
Als nun niemand mehr zu Hause war, ging Aschenputtel zum Grab ihrer Mutter unter den Haselbaum und rief:
Bäumchen, rüttel dich und schüttel dich,wirf Gold und Silber über mich.
Da warf ihr der Vogel ein Kleid aus Gold und Silber herunter und dazu Pantoffeln, die mit Seide und Silber bestickt waren. In aller Eile zog sie das Kleid an und ging zum Fest. Ihre Schwestern aber und die Stiefmutter erkannten sie nicht und meinten, sie müsse eine fremde Königstochter sein, so schön sah sie in dem goldenen Kleid aus. An Aschenputtel dachten sie überhaupt nicht; die saß, so glaubten sie, zu Hause im Schmutz und suchte die Linsen aus der Asche. Der Königssohn kam ihr entgegen, nahm sie bei der Hand und tanzte mit ihr. Er wollte mit sonst niemandem tanzen und ließ ihre Hand nicht mehr los, und wenn ein anderer kam und sie aufforderte, sagte er: „Das ist meine Tänzerin.“

Sie tanzte, bis es Abend wurde, dann wollte sie nach Hause gehen. Der Königssohn aber sagte:
„Ich gehe mit und begleite dich.“
Denn er wollte sehen, zu wem das schöne Mädchen gehörte. Sie entwischte ihm jedoch und sprang in den Taubenschlag. Nun wartete der Königssohn, bis der Vater kam, und sagte ihm, das fremde Mädchen sei in den Taubenschlag gesprungen. Der Alte dachte: Sollte das Aschenputtel sein? Man musste ihm Axt und Hacke bringen, damit er den Taubenschlag entzweischlagen konnte, aber es war niemand darin. Und als sie ins Haus kamen, lag Aschenputtel in ihren schmutzigen Kleidern in der Asche, und ein trübes Öllämpchen brannte im Schornstein. Denn Aschenputtel war geschwind hinten aus dem Taubenschlag hinuntergesprungen und zu dem Haselbäumchen gelaufen. Dort hatte sie die schönen Kleider ausgezogen und aufs Grab gelegt, und der Vogel hatte sie wieder weggenommen; dann hatte sie sich in ihrem grauen Kittel in der Küche in die Asche gesetzt.
Am nächsten Tag, als das Fest von neuem begann und die Eltern und die Stiefschwestern wieder fort waren, ging Aschenputtel zum Haselbaum und sagte:
Bäumchen, rüttel dich und schüttel dich,wirf Gold und Silber über mich.
Da warf der Vogel ihr ein noch viel prächtigeres Kleid herunter als am Tag zuvor. Und als sie in diesem Kleid auf dem Fest erschien, staunte jeder über ihre Schönheit. Der Königssohn aber hatte gewartet, bis sie kam, nahm sie gleich bei der Hand und tanzte nur mit ihr allein. Wenn die anderen kamen und sie aufforderten, sagte er: „Das ist meine Tänzerin.“ Als es Abend wurde, wollte sie fort, und der Königssohn ging ihr nach und wollte sehen, in welches Haus sie ging. Aber sie lief ihm davon, in den Garten hinter dem Haus. Dort stand ein schöner großer Baum, an dem die herrlichsten Birnen hingen, und sie kletterte so flink wie ein Eichhörnchen zwischen die Äste, sodass der Königssohn nicht wusste, wo sie geblieben war. Er wartete, bis der Vater kam, und sagte zu ihm:
„Das fremde Mädchen ist mir entwischt, und ich glaube, sie ist auf den Birnbaum gesprungen.“
Der Vater dachte: Sollte das Aschenputtel sein? Er ließ sich die Axt holen und hieb den Baum um, aber es war niemand darauf. Und als sie in die Küche kamen, lag Aschenputtel dort in der Asche wie sonst auch. Denn sie war auf der anderen Seite vom Baum heruntergesprungen, hatte dem Vogel auf dem Haselbäumchen die schönen Kleider zurückgebracht und ihren grauen Kittel angezogen.
Am dritten Tag, als die Eltern und die Schwestern fort waren, ging Aschenputtel wieder zum Grab ihrer Mutter und sagte zu dem Bäumchen:
Bäumchen, rüttel dich und schüttel dich,wirf Gold und Silber über mich.
Nun warf der Vogel ihr ein Kleid herunter, das war so prächtig und glänzend, wie sie noch keines gehabt hatte, und die Pantoffeln waren ganz aus Gold. Als sie in diesem Kleid zum Fest kam, wussten alle vor Verwunderung nicht, was sie sagen sollten. Der Königssohn tanzte einzig und allein mit ihr, und wenn einer sie aufforderte, sagte er: „Das ist meine Tänzerin.“
Als es nun Abend wurde, wollte Aschenputtel fort, und der Königssohn wollte sie begleiten, aber sie entkam ihm so schnell, dass er ihr nicht folgen konnte. Der Königssohn hatte jedoch eine List gebraucht: Er hatte die ganze Treppe mit Pech bestreichen lassen. Als sie hinunterlief, blieb ihr linker Pantoffel daran hängen. Der Königssohn hob ihn auf, und er war klein und zierlich und ganz aus Gold. Am nächsten Morgen ging er damit zu dem Mann und sagte:
„Keine andere soll meine Frau werden als die, an deren Fuß dieser goldene Schuh passt.“

Da freuten sich die beiden Schwestern, denn sie hatten schöne Füße. Die Älteste ging mit dem Schuh in die Kammer und wollte ihn anprobieren, und die Mutter stand dabei. Aber sie kam mit der großen Zehe nicht hinein, der Schuh war ihr zu klein. Da reichte ihr die Mutter ein Messer und sagte:
„Hau die Zehe ab. Wenn du Königin bist, brauchst du nicht mehr zu Fuß zu gehen.“
Das Mädchen hieb die Zehe ab, zwängte den Fuß in den Schuh, verbiss den Schmerz und ging hinaus zum Königssohn. Da nahm er sie als seine Braut aufs Pferd und ritt mit ihr fort. Sie mussten aber am Grab vorbei, und dort saßen die zwei Täubchen auf dem Haselbäumchen und riefen:
Rucke di guck, rucke di guck,Blut ist im Schuh:Der Schuh ist zu klein,die rechte Braut sitzt noch daheim.
Da blickte er auf ihren Fuß und sah, wie das Blut herausquoll. Er wendete sein Pferd, brachte die falsche Braut wieder nach Hause und sagte, das sei nicht die rechte; die andere Schwester solle den Schuh anziehen. Die ging in die Kammer und kam mit den Zehen glücklich in den Schuh, aber die Ferse war zu groß. Da reichte ihr die Mutter ein Messer und sagte:
„Hau ein Stück von der Ferse ab. Wenn du Königin bist, brauchst du nicht mehr zu Fuß zu gehen.“
Das Mädchen hieb ein Stück von der Ferse ab, zwängte den Fuß in den Schuh, verbiss den Schmerz und ging hinaus zum Königssohn. Da nahm er sie als seine Braut aufs Pferd und ritt mit ihr fort. Als sie am Haselbäumchen vorbeikamen, saßen die zwei Täubchen darauf und riefen:
Rucke di guck, rucke di guck,Blut ist im Schuh:Der Schuh ist zu klein,die rechte Braut sitzt noch daheim.
Er blickte auf ihren Fuß hinunter und sah, wie das Blut aus dem Schuh quoll und an den weißen Strümpfen ganz rot heraufgestiegen war. Da wendete er sein Pferd und brachte die falsche Braut wieder nach Hause.
„Das ist auch nicht die rechte“, sagte er. „Habt ihr keine andere Tochter?“
„Nein“, sagte der Mann, „nur von meiner verstorbenen Frau ist noch ein kleines, verkümmertes Aschenputtel da. Das kann unmöglich die Braut sein.“
Der Königssohn sagte, er solle sie heraufschicken, die Mutter aber antwortete:
„Ach nein, die ist viel zu schmutzig, die darf sich nicht sehen lassen.“
Er wollte sie jedoch unbedingt sehen, und so musste Aschenputtel gerufen werden. Da wusch sie sich erst Hände und Gesicht sauber, ging dann hin und verneigte sich vor dem Königssohn, der ihr den goldenen Schuh reichte. Dann setzte sie sich auf einen Schemel, zog den Fuß aus dem schweren Holzschuh und steckte ihn in den Pantoffel, und der saß wie angegossen. Und als sie sich aufrichtete und der Königssohn ihr ins Gesicht sah, erkannte er das schöne Mädchen, das mit ihm getanzt hatte, und rief: „Das ist die rechte Braut!“

Die Stiefmutter und die beiden Schwestern erschraken und wurden bleich vor Ärger. Er aber nahm Aschenputtel aufs Pferd und ritt mit ihr fort. Als sie am Haselbäumchen vorbeikamen, riefen die zwei weißen Täubchen:
Rucke di guck, rucke di guck,kein Blut im Schuh:Der Schuh ist nicht zu klein,die rechte Braut, die führt er heim.
Und als sie das gerufen hatten, kamen sie beide heruntergeflogen und setzten sich Aschenputtel auf die Schultern, die eine rechts, die andere links, und blieben dort sitzen.
Als die Hochzeit mit dem Königssohn gefeiert werden sollte, kamen die falschen Schwestern, wollten sich einschmeicheln und an ihrem Glück teilhaben. Als das Brautpaar zur Kirche ging, war die Älteste auf der rechten, die Jüngste auf der linken Seite. Da pickten die Tauben jeder von ihnen das eine Auge aus. Hinterher, als sie wieder herauskamen, war die Älteste auf der linken und die Jüngste auf der rechten Seite. Da pickten die Tauben jeder von ihnen das andere Auge aus. So waren sie für ihre Bosheit und Falschheit ihr Leben lang mit Blindheit gestraft.
Nacherzählt von Talerie, Quelle: Kinder- und Hausmärchen (wird in einem neuen Fenster geöffnet)
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