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Junge Frau im blauen Kleid steht mit einer Kerze und einem kleinen Schlüssel in der hellen Galerie und blickt auf die kleine dunkle Tür am Ende.

Blaubart

Charles Perrault

9 Min. Lesezeitab 8 Jahren

Ein reicher Mann mit blauem Bart gibt seiner jungen Frau vor der Abreise alle Schlüssel und verbietet ihr die kleine Kammer am Ende der Galerie. Die junge Frau öffnet die Kammer trotzdem, und als Blaubart dafür den Säbel hebt, reiten ihre Brüder in den Hof, und alles, was ihm gehört hat, gehört danach ihr.


Es war einmal ein Mann, dem gehörten schöne Häuser in der Stadt und auf dem Land, Geschirr aus Gold und Silber, bestickte Möbel und Kutschen, die von oben bis unten vergoldet waren.

Er hatte alles, was sich ein Mensch wünschen kann, nur eines nicht. Sein Bart war blau, und dieser Bart machte ihn so sonderbar und so furchterregend, dass Frauen und Mädchen die Straßenseite wechselten, wenn er ihnen begegnete. Alle nannten ihn Blaubart.

In der Nachbarschaft wohnte eine Dame aus guter Familie, und die hatte zwei Töchter, beide schön. Blaubart bat die Mutter um die Hand einer der beiden und überließ ihr die Wahl.

Keine von ihnen brachte es über sich, einen Mann mit einem blauen Bart zu heiraten, und so schoben die Schwestern ihn einander zu. Und da war noch etwas anderes. Blaubart war schon mehrmals verheiratet gewesen, und niemand konnte sagen, wo seine Frauen geblieben waren.

Damit man ihn besser kennenlernte, lud er die beiden Schwestern, ihre Mutter und drei oder vier ihrer besten Freundinnen auf eines seiner Landhäuser ein. Acht Tage lang blieb die ganze Gesellschaft dort.

Blaubart lacht mit geschlossenen Augen am Kopfende der langen Tafel, seine Gäste sitzen um ihn herum, die jüngere Tochter stützt das Kinn auf und sieht ihn an.

Es gab nichts als Vergnügen: Spaziergänge und Jagd, Angeln und Tanz, lange Tafeln und viel Gelächter. Alles ging so gut, dass die jüngere Tochter am Ende fand, der Herr des Hauses sei ein sehr angenehmer Mann und sein Bart eigentlich gar nicht so blau. Kaum waren sie zurück in der Stadt, wurde Hochzeit gefeiert.

Einen Monat später sagte Blaubart zu seiner Frau, ein wichtiges Geschäft rufe ihn in eine andere Gegend, für mindestens sechs Wochen. Sie solle sich in der Zeit gut unterhalten, ihre Freundinnen einladen, mit ihnen aufs Land fahren, wenn sie Lust habe, und überall gut essen und trinken.

„Hier“, sagte er, „sind die Schlüssel zu den beiden großen Kammern, in denen die guten Möbel stehen. Diese schließen den Raum mit dem Gold- und Silbergeschirr auf, das wir nicht jeden Tag brauchen. Diese gehören zu meinen Geldtruhen, diese zu den Kästchen mit den Edelsteinen. Und das hier ist der Hauptschlüssel, der jede Tür im Haus öffnet.“

„Dieser kleine Schlüssel aber gehört zu der Kammer unten am Ende der langen Galerie. Schließ alles auf, geh überall hin. Nur diese eine Kammer verbiete ich dir. Und ich sage es dir deutlich: Öffnest du sie doch, dann kennt mein Zorn keine Grenzen.“

Blaubart beugt sich zu der jungen Frau, reicht ihr den schweren Schlüsselbund und hält dabei einen kleinen goldenen Schlüssel in die Höhe.

Sie versprach, genau das zu tun, was er ihr gesagt hatte. Er küsste sie, stieg in seine Kutsche und fuhr davon.

Die Nachbarinnen und die Freundinnen warteten nicht, bis man sie holte. Sie waren viel zu neugierig auf die Schätze des Hauses, in das sie sich nie getraut hatten, solange der Hausherr da war, weil sein blauer Bart ihnen Angst machte.

Sie liefen durch die Zimmer und die Kammern, und eines war schöner als das andere. Oben bewunderten sie die Wandteppiche, die Betten, die Sofas, die kleinen Tische und die Spiegel, in denen man sich von Kopf bis Fuß sehen konnte, manche mit Rahmen aus Glas, manche aus Silber und Gold. So etwas Prächtiges hatten sie noch nie gesehen.

Immer wieder sagten sie, wie glücklich ihre Freundin sei. Die Freundin aber hatte keine Freude an all dem Reichtum, denn sie konnte an nichts anderes denken als an die kleine Kammer unten am Ende der Galerie.

Zuletzt wurde die Neugier so stark, dass die junge Frau ihre Gäste ohne ein Wort stehen ließ. Über eine schmale Hintertreppe lief sie hinunter, so hastig, dass sie zwei oder drei Mal beinahe gestürzt wäre.

Vor der Tür blieb sie stehen. Sie dachte daran, was ihr Mann ihr gesagt hatte, und daran, was ihr geschehen könnte, wenn sie nicht gehorchte. Aber die Versuchung war stärker als sie. Sie nahm den kleinen Schlüssel und öffnete zitternd die Tür.

Zuerst sah sie nichts, denn die Fensterläden waren geschlossen. Dann gewöhnten sich ihre Augen an das Dunkel, und sie begriff, was das für eine Kammer war.

Hier lag die Antwort, die ihr niemand geben konnte: was aus den Frauen geworden war, die Blaubart vor ihr geheiratet hatte. Er hatte sie getötet, eine nach der anderen, und diese Kammer hatte sein Geheimnis gehütet.

Sie glaubte, vor Angst zu sterben. Der Schlüssel glitt ihr aus der Hand und fiel auf den Boden.

Als sie wieder atmen konnte, hob sie ihn auf, schloss die Tür ab und ging in ihr Zimmer hinauf, um zur Ruhe zu kommen. Zur Ruhe kam sie nicht. Sie zitterte noch immer.

Dann sah sie, dass auf dem kleinen Schlüssel ein Fleck war. Sie wischte ihn zwei oder drei Mal ab, und der Fleck blieb. Sie wusch ihn, sie schrubbte ihn mit Sand und mit Seife, und der Fleck blieb, denn der Schlüssel war verzaubert und nicht sauber zu bekommen. Rieb sie den Fleck auf der einen Seite weg, kam er auf der anderen wieder.

Die junge Frau reibt am Tisch den kleinen Schlüssel mit einem Tuch, der dunkle Fleck bleibt, daneben brennt eine Kerze im Leuchter.

Noch am selben Abend kam Blaubart nach Hause. Unterwegs habe er Briefe bekommen, sagte er, sein Geschäft sei zu seinen Gunsten entschieden. Seine Frau tat alles, damit er sah, wie froh sie war, dass er so schnell zurück war.

Am Morgen bat er sie um die Schlüssel. Sie gab sie ihm, aber ihre Hand zitterte so sehr, dass er auf der Stelle erriet, was geschehen war.

„Wie kommt es“, sagte er, „dass der Schlüssel zu der kleinen Kammer nicht dabei ist?“

„Ich muss ihn oben auf meinem Tisch liegen gelassen haben“, sagte sie.

„Dann bring ihn mir“, sagte Blaubart. „Vergiss es nicht.“

Sie schob es hinaus, solange sie konnte, und zuletzt musste sie ihn holen. Blaubart drehte ihn zwischen den Fingern.

„Wie kommt dieser Fleck auf den Schlüssel?“, fragte er.

„Das weiß ich nicht“, sagte die arme Frau, kreidebleich.

„Du weißt es nicht“, sagte Blaubart. „Ich weiß es sehr wohl. Du wolltest in diese Kammer. Gut, dann wirst du hineingehen und bei den Frauen bleiben, die du dort gefunden hast.“

Sie fiel ihm weinend zu Füßen und bat ihn um Verzeihung, und sie war so schön und so verzweifelt, dass sie einen Stein erweicht hätte. Aber Blaubarts Herz war härter als jeder Stein.

„Du musst sterben“, sagte er, „und zwar sofort.“

„Wenn ich sterben muss“, antwortete sie und sah mit Tränen in den Augen zu ihm auf, „dann lass mir noch ein wenig Zeit zum Beten.“

„Ein paar Minuten“, sagte Blaubart, „und keinen Augenblick länger.“

Sobald sie allein war, ging sie in ihr Zimmer hinauf und rief nach ihrer Schwester, die Anne hieß.

„Schwester Anne, steig bitte auf den Turm hinauf und schau, ob meine Brüder kommen. Sie haben es für heute versprochen. Wenn du sie siehst, winke ihnen, dass sie sich beeilen sollen.“

Schwester Anne stieg auf den Turm, und die arme Frau rief aus ihrem Zimmer zu ihr hinauf:

„Anne, Schwester Anne, siehst du nichts kommen?“

Schwester Anne lehnt aus dem Turmfenster und späht über die leere Straße ins grüne Land, unten ruft die junge Frau zu ihr hinauf.

Und Schwester Anne antwortete:

„Ich sehe nichts als den Staub, der in der Sonne flimmert, und das Gras, das grünt.“

Unten hatte Blaubart einen Säbel in die Hand genommen, und er schrie aus Leibeskräften:

„Komm sofort herunter, oder ich komme zu dir hinauf!“

„Nur noch einen Augenblick, bitte“, rief seine Frau zurück.

Und dann rief sie ganz leise die Treppe hinauf: „Anne, Schwester Anne, siehst du nichts kommen?“

Und Schwester Anne antwortete: „Ich sehe nichts als den Staub, der in der Sonne flimmert, und das Gras, das grünt.“

„Komm sofort herunter“, brüllte Blaubart, „oder ich hole dich!“

„Ich komme ja“, sagte seine Frau.

Und dann rief sie: „Anne, Schwester Anne, siehst du nichts kommen?“

„Ich sehe eine große Staubwolke“, antwortete Schwester Anne, „die kommt näher.“

„Sind das meine Brüder?“

„Nein, Schwester. Es ist eine Herde Schafe.“

„Kommst du jetzt herunter?“, schrie Blaubart.

„Nur noch einen Augenblick“, sagte seine Frau.

Und dann rief sie: „Anne, Schwester Anne, siehst du nichts kommen?“

„Ich sehe zwei Reiter“, sagte Schwester Anne, „aber sie sind noch weit weg.“

Einen Atemzug später rief sie vom Turm herunter: „Gott sei Dank, es sind meine Brüder! Ich winke ihnen, so heftig ich kann, damit sie sich beeilen.“

Da brüllte Blaubart so laut, dass das ganze Haus zitterte. Seine Frau kam herunter und fiel ihm zu Füßen, das Haar offen, das Gesicht voller Tränen.

„Das hilft dir nichts“, sagte Blaubart. „Du musst sterben.“

Er packte sie mit der einen Hand am Haar und hob mit der anderen den Säbel. Sie sah zu ihm auf und bat um eine kleine Weile, um sich zu sammeln.

„Nein“, sagte er. „Sprich dein letztes Gebet.“

Und er holte aus.

In diesem Augenblick wurde am Tor so heftig geklopft, dass Blaubart mitten in der Bewegung innehielt. Das Tor flog auf, und zwei Reiter kamen in den Hof, die Säbel schon in der Hand. Es waren die Brüder seiner Frau, der eine ein Dragoner, der andere ein Musketier, und sie saßen ab, ehe Blaubart begriff, was geschah.

Zwei Reiter mit Federhüten und blanken Säbeln sprengen durch das offene Tor in den Hof, Blaubart rennt über das Pflaster davon und sieht sich um.

Blaubart ließ ihr Haar los und rannte. Aber die Brüder waren schneller und holten ihn ein, bevor er die Freitreppe erreichte. Dort fiel er hin und stand nicht mehr auf.

Seine Frau war so schwach vor Schreck, dass sie nicht die Kraft hatte, aufzustehen und ihre Brüder zu umarmen.

Blaubart hatte keine Erben, und so fiel alles, was ihm gehört hatte, nun ihr zu. Mit einem Teil richtete sie die Hochzeit ihrer Schwester Anne mit einem jungen Edelmann aus, der sie schon lange liebte. Mit einem weiteren Teil verhalf sie jedem ihrer beiden Brüder zu einer Hauptmannsstelle. Den Rest behielt sie für sich. Später heiratete sie einen freundlichen und aufrichtigen Mann, und der war so gut zu ihr, dass sie mit der Zeit die schlimmen Tage bei Blaubart vergaß.

Nacherzählt von Talerie, Quelle: La Barbe bleue (wird in einem neuen Fenster geöffnet)

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