
Kolobok
4 Min. Lesezeit ab 3 Jahren talerie.com/de/maerchen/kolobok
Aus dem letzten Mehl im Speicher bäckt die Alte einen Kolobok und legt ihn zum Abkühlen aufs Fensterbrett. Doch dem Kolobok wird das Stillliegen bald langweilig, und er rollt davon, den Weg entlang und in den Wald hinein. Wer ihm unterwegs begegnet, will ihn fressen, und er hat nichts als sein Lied.
Es war einmal ein alter Mann, der lebte mit seiner alten Frau zusammen. Eines Tages bat der Alte: „Alte, back mir doch einen Kolobok!“
„Woraus soll ich ihn denn backen?“, fragte die Alte. „Wir haben kein Mehl mehr.“
„Ach, Alte! Feg den Kornspeicher und kratz die Mehlkästen aus, dann kommt schon genug zusammen.“
Die Alte tat, wie er gesagt hatte. Sie fegte und kratzte, bis sie zwei Handvoll Mehl beisammenhatte. Daraus knetete sie mit saurer Sahne einen Teig, rollte ihn zu einer runden Kugel und briet sie in Butter. Dann legte sie den Kolobok zum Abkühlen aufs Fensterbrett.
Bald wurde es dem Kolobok langweilig, so still dazuliegen. Er rollte vom Fensterbrett auf die Bank vor dem Haus, von der Bank ins Gras, vom Gras auf den Weg, und dann rollte er immer weiter den Weg entlang.

Wie er so dahinrollte, kam ihm ein Hase entgegen und sagte: „Kolobok, Kolobok, ich fresse dich!“
„Nein, friss mich nicht, Hase. Hör lieber zu, was für ein Lied ich dir singe.“
Der Hase stellte die Ohren auf, und der Kolobok sang:
Ich bin Kolobok, Kolobok! Im Speicher zusammengefegt, aus den Kästen gekratzt, mit saurer Sahne geknetet, in den Ofen geschoben, am Fenster gekühlt. Ich bin dem Alten entwischt, ich bin der Alten entwischt, dir zu entwischen, Hase, ist keine Kunst!
Schon rollte der Kolobok davon, so weit, dass der Hase ihn kaum noch sehen konnte.
Der Kolobok rollte auf einem schmalen Pfad in den Wald. Dort kam ihm ein grauer Wolf entgegen und sagte: „Kolobok, Kolobok, ich fresse dich!“
„Friss mich nicht, grauer Wolf, ich singe dir lieber ein Lied.“
Und der Kolobok sang:
Ich bin Kolobok, Kolobok! Im Speicher zusammengefegt, aus den Kästen gekratzt, mit saurer Sahne geknetet, in den Ofen geschoben, am Fenster gekühlt. Ich bin dem Alten entwischt, ich bin der Alten entwischt, ich bin dem Hasen entwischt, dir zu entwischen, grauer Wolf, ist keine Kunst!
Auch den Wolf ließ der Kolobok einfach stehen und rollte weiter.
Mitten im Wald kam ihm ein Bär entgegen. Das Reisig knackte unter seinen Tritten, er drückte die Büsche zu Boden und brummte: „Kolobok, Kolobok, ich fresse dich!“

„Ach was, du Tollpatsch mit deinen krummen Tatzen, wie willst du mich denn fressen? Hör dir lieber mein Lied an!“
Der Kolobok fing an zu singen, und der Bär hörte mit offenem Maul zu:
Ich bin Kolobok, Kolobok! Im Speicher zusammengefegt, aus den Kästen gekratzt, mit saurer Sahne geknetet, in den Ofen geschoben, am Fenster gekühlt. Ich bin dem Alten entwischt, ich bin der Alten entwischt, ich bin dem Hasen entwischt, ich bin dem Wolf entwischt, dir zu entwischen, Bär, ist nicht schwer!
Und fort war der Kolobok. Der Bär konnte ihm nur noch hinterherschauen.
Der Kolobok rollte weiter, bis ihm eine Füchsin entgegenkam. „Guten Tag, Kolobok! Wie hübsch du bist, und was für schöne rosige Backen du hast!“
Das Lob gefiel dem Kolobok, und er sang sein Lied. Die Füchsin hörte zu und schlich sich dabei immer näher an ihn heran:
Ich bin Kolobok, Kolobok! Im Speicher zusammengefegt, aus den Kästen gekratzt, mit saurer Sahne geknetet, in den Ofen geschoben, am Fenster gekühlt. Ich bin dem Alten entwischt, ich bin der Alten entwischt, ich bin dem Hasen entwischt, ich bin dem Wolf entwischt, ich bin dem Bären entwischt, dir zu entwischen, Füchsin, ist keine Kunst!
„Was für ein schönes Lied!“, sagte die Füchsin. „Nur ist es ein Jammer, mein Lieber: Ich bin alt geworden und höre schlecht. Setz dich doch auf meine Schnauze und sing es mir noch ein einziges Mal vor.“
Wie stolz war da der Kolobok, dass sein Lied ihr so gut gefiel! Er sprang der Füchsin auf die Schnauze und fing an: „Ich bin Kolobok, Kolobok …“

Da schnappte die Füchsin zu, happs, und fraß ihn auf.
Nacherzählt von Talerie, Quelle: Родное слово (wird in einem neuen Fenster geöffnet) Gemeinfrei Diesen Text darfst du kopieren, bearbeiten und frei verwenden. Über einen Link zu Talerie freuen wir uns, nötig ist er nicht. CC0 1.0 (wird in einem neuen Fenster geöffnet)

