
Die Geschichte von Sankt Martin
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Mit fünfzehn muss Martin gegen seinen Willen Soldat im Heer des römischen Kaisers werden. Dabei wäre er viel lieber Einsiedler geworden. An einem Wintertag kommt er durch ein Stadttor von Amiens, wo ein Bettler ganz nackt in der Kälte steht.
Martin stammte aus Pannonien, wuchs aber in Pavia in Italien auf. Sein Vater war Tribun, ein Offizier im Heer des römischen Kaisers, und betete zu den alten Göttern. Martin dagegen lief schon mit zwölf Jahren in eine Kirche und bat darum, auf die Taufe vorbereitet zu werden. Von da an war er ein Katechumene: einer, der den christlichen Glauben lernt, aber noch nicht getauft ist. Am liebsten wäre er Einsiedler geworden, doch dafür war er zu schwach und zu oft krank.
Doch dann bestimmten die Kaiser, dass die Söhne alter Soldaten mit ihren Vätern dienen mussten. So kam Martin mit fünfzehn Jahren ins Heer, ob er wollte oder nicht. Er nahm sich nur einen einzigen Diener, und meistens war es Martin, der den Diener bediente: Er bürstete ihm die Kleider und zog ihm die Schuhe aus.
An einem Wintertag kam Martin durch eines der Stadttore von Amiens. Dort begegnete ihm ein Bettler, der ganz nackt in der Kälte stand. Sogleich zog Martin sein Schwert, schnitt seinen Mantel in zwei Hälften und gab die eine davon dem Bettler.
In der Nacht darauf erschien ihm Christus. Er trug genau die Mantelhälfte, die Martin dem Bettler gegeben hatte, und um ihn herum standen Engel. Martin hörte, wie Christus zu ihnen sagte: „Diesen Mantel hat Martin mir gegeben, als er noch ein Katechumene war.“

Stolz wurde Martin davon nicht. Er sah darin nur ein weiteres Zeichen dafür, wie gut Gott ist. Mit achtzehn Jahren ließ er sich taufen. Nun wollte er ganz für Gott leben, doch sein Tribun bat ihn, noch zwei Jahre im Heer zu bleiben, und versprach, ihn danach gehen zu lassen.
Als die zwei Jahre um waren, fielen fremde Völker in Gallien ein. Bevor die Soldaten gegen sie zogen, ließ Kaiser Julian Geld an sie verteilen. Martin aber nahm nichts davon. „Ich bin ein Soldat Christi“, sagte er, „ich darf nicht kämpfen.“
Da wurde Julian zornig. „Nicht aus Frömmigkeit willst du den Dienst verlassen“, sagte er, „sondern aus Angst vor der Schlacht.“
„Wenn Ihr das für Feigheit haltet, Kaiser“, antwortete Martin, „dann stelle ich mich morgen ohne Waffen vor den Feind. Das Kreuzzeichen soll mein Helm und mein Schild sein.“
Da nahm Julian ihn beim Wort. Doch am nächsten Morgen, kaum dass es hell wurde, schickten die Feinde Boten ins Lager und ergaben sich mit allem, was sie besaßen. So war der Sieg gewonnen, ohne dass ein Tropfen Blut floss, und das allein um Martins willen.

Nach seiner Zeit als Soldat ging Martin zum heiligen Hilarius, dem Bischof von Poitiers, und wurde sein Helfer. Eines Nachts mahnte ihn Gott im Traum, seine Eltern zu besuchen, die immer noch Heiden waren. Martin machte sich auf den Weg und ahnte schon, dass ihm unterwegs viel Schweres bevorstand.
In den Alpen überfielen ihn Räuber. Sie banden ihm die Hände auf den Rücken und ließen einen von ihnen als Wächter bei ihm. Bevor die anderen weiterzogen, fragten sie ihn: „Hast du Angst?“
„Nein“, antwortete Martin. „Ich habe mich noch nie so sicher gefühlt. Gerade in der Not zeigt Gott sein Erbarmen am liebsten.“
Als Martin mit seinem Wächter allein war, erzählte er ihm vom Evangelium, bis der Räuber an Christus glaubte. Danach führte der Mann Martin auf die große Straße zurück und lebte von da an ehrlich.
In Mailand trat ihm der Teufel selbst entgegen, in der Gestalt eines Menschen. „Wohin gehst du?“, fragte er.
„Wohin mein Herr mich ruft“, sagte Martin.
„Wohin du auch gehst, der Teufel wird gegen dich sein.“
„Mit der Hilfe des Schöpfers fürchte ich kein Geschöpf.“
In Pavia brachte Martin seine Mutter zum christlichen Glauben. Sein Vater aber blieb bei seinen alten Göttern. Später hatte Martin viel zu leiden, denn er stand fast allein gegen eine falsche Lehre. Man schlug ihn und jagte ihn aus der Stadt. Schließlich kehrte er zu Hilarius zurück und gründete in Ligugé bei Poitiers ein Kloster.
Als der Bischof von Tours starb, wählten die Leute der Stadt Martin zu seinem Nachfolger. Einige Bischöfe waren dagegen. Er sei schlecht gekleidet, sagten sie, und sehe viel zu unscheinbar aus. Trotzdem wurde Martin Bischof, gegen ihren Willen und auch gegen seinen eigenen. Den Lärm der Stadt hielt er nicht aus. Deshalb gründete er zwei Meilen vor Tours das Kloster Marmoutier und lebte dort mit achtzig Schülern sehr einfach und streng.
Seine Schüler Sulpicius Severus und Gallus erzählen, dass Martin einmal Kaiser Valentinian um etwas bitten wollte. Valentinian wusste, worum Martin ihn bitten würde, und wollte es ihm nicht gewähren. Deshalb ließ er dreimal die Tore seines Palastes vor ihm schließen. Da zog Martin ein raues Bußhemd an, streute sich Asche aufs Haupt und aß und trank eine Woche lang nichts. Dann schickte ihn ein Engel zum Palast, und diesmal kam er ungehindert bis vor den Kaiser.
Vor Zorn wollte Valentinian nicht einmal aufstehen. Da fing sein Thron Feuer, so schnell, dass er sich verbrannte und aufspringen musste. Nun erkannte der Kaiser Gottes Macht. Er umarmte Martin und gewährte ihm jede Bitte, noch bevor sie ausgesprochen war.
Sogar das Feuer, die Bäume und die Tiere gehorchten Martin. Einmal wollte er eine alte Kiefer fällen, die dem Teufel geweiht war. Viele Bauern standen dabei, und einer von ihnen rief spöttisch: „Wenn du deinem Gott wirklich vertraust, dann lass uns den Baum fällen, und er soll auf dich stürzen!“
Martin stellte sich dorthin, wohin der Baum fallen sollte. Als die Kiefer schon kippte, machte er das Kreuzzeichen. Da schwang der Stamm zurück und stürzte nach der anderen Seite, beinahe auf die Bauern selbst. Bei diesem Wunder wurden sie alle Christen.

Besonders gut war Martin zu den Armen. Eines Tages, als er zu einem Fest in seine Kirche ging, lief ihm ein armer Mann nach, der ganz nackt war. Martin bat seinen Archidiakon, dem Mann etwas zum Anziehen zu geben. Der Archidiakon ließ sich aber Zeit. Da ging Martin in die Sakristei, gab dem Armen seine eigene Tunika und schickte ihn rasch fort.
Bald darauf kam der Archidiakon. „Vater, Ihr müsst jetzt die Messe feiern“, sagte er.
„Ich kann die Messe nicht feiern, solange der Arme nichts anzuziehen hat“, antwortete Martin.
Da lief der Archidiakon auf den Markt, kaufte für ein paar Münzen eine schäbige Tunika und warf sie Martin vor die Füße. Er wusste ja nicht, dass Martin sie für sich selbst brauchte. Martin zog sie an. Sie reichte ihm kaum bis an die Knie, und die Ärmel gingen ihm nur bis zu den Ellbogen. So feierte er die Messe, und währenddessen sahen die Leute in der Kirche eine Kugel aus Feuer über seinem Kopf leuchten.
Martin erkannte die bösen Geister in jeder Verkleidung. Eines Tages stand der Teufel in Martins Zelle, als König gekleidet: in Purpur, mit einer Krone auf dem Kopf, ganz mit Gold und Edelsteinen bedeckt, mit einem ruhigen, lächelnden Gesicht. Lange schwieg er. Dann sagte er: „Martin, erkenne den, den du anbetest! Ich bin Christus. Ich bin auf die Erde herabgekommen, und dir wollte ich mich als Erstem zeigen.“
Martin antwortete nicht.
„Martin, warum zögerst du noch zu glauben, wo du mich doch siehst? Ich bin Christus!“
Da sagte Martin: „Mein Herr Jesus kommt nicht in Purpur auf die Erde zurück, und er trägt keine Krone auf dem Kopf.“ Im selben Augenblick verschwand der Teufel, und in der Zelle blieb ein abscheulicher Gestank zurück.

Martin wusste lange vorher, wann er sterben würde. Als alter Mann reiste er nach Candes, um dort einen Streit zu schlichten. Dort spürte er, wie ihn die Kräfte verließen, und sagte seinen Schülern, dass seine Stunde nahe sei.
Die Schüler weinten. „Vater, warum verlässt du uns?“, riefen sie. „Reißende Wölfe fallen schon über deine Herde her!“
Ihre Tränen rührten Martin, und er betete: „Herr, wenn dein Volk mich noch braucht, dann will ich mich der Mühe nicht entziehen. Dein Wille geschehe.“ Er selbst wusste nicht, was er sich mehr wünschte: bei seiner Herde zu bleiben oder endlich zu Christus zu gehen.
Martin hatte hohes Fieber, und die Schüler wollten ihm ein wenig Stroh unterlegen. „Nein, meine Kinder“, sagte er, „ein Christ soll auf Asche sterben.“ Er lag auf dem Rücken, Augen und Arme zum Himmel erhoben.
Die Priester, die bei ihm wachten, baten ihn, sich zur Erleichterung auf die Seite zu drehen. Doch er sagte: „Meine Brüder, lasst mich lieber zum Himmel schauen als auf die Erde.“

Da sah er, dass der Teufel ihn beobachtete. „Was willst du hier, du böses Tier?“, sagte Martin. „Du kannst mir nichts mehr anhaben. Ich sehe schon Abraham, der mir die Arme öffnet.“
Mit diesen Worten starb er. Sein Gesicht strahlte, als wäre es schon von der Herrlichkeit des Himmels umgeben, und alle, die bei ihm waren, hörten den Chor der Engel, der ihn in den Himmel begleitete. Martin war einundachtzig Jahre alt geworden.
Zu seinem Begräbnis kamen die Leute aus dem Poitou und die Leute aus Tours, und bald stritten sie heftig miteinander. Die Leute aus dem Poitou riefen: „Er war ein Mönch bei uns, darum gehört sein Leichnam uns!“
Die Leute aus Tours antworteten: „Gott hat ihn euch genommen, um ihn uns zu schenken!“
In der Nacht, während die Leute aus dem Poitou schliefen, nahmen die Leute aus Tours den Leichnam, reichten ihn durch ein Fenster in ein Boot und fuhren mit ihm die Loire hinab bis nach Tours.
Nacherzählt von Talerie, Quelle: La Légende dorée (wird in einem neuen Fenster geöffnet) Gemeinfrei Diesen Text darfst du kopieren, bearbeiten und frei verwenden. Über einen Link zu Talerie freuen wir uns, nötig ist er nicht. CC0 1.0 (wird in einem neuen Fenster geöffnet)
