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Vom weißen Pferd herab reicht ein junger Soldat mit Helm unter einem verschneiten Stadttor einem bärtigen Bettler im Lendentuch die Hälfte seines roten Mantels.Original

Die Geschichte von Sankt Martin

Jacobus de Voragine

16 Min. Lesezeit ab 6 Jahren

Der junge Soldat Martin teilt am Stadttor von Amiens seinen Mantel mit einem nackten Bettler. In der Nacht darauf sieht er Christus, der genau diese Mantelhälfte trägt. Vor Kaiser Julian bietet er später an, ohne Waffen vor den Feind zu treten, mit dem Kreuzzeichen als Helm und Schild.


Martin stammte aus Pannonien, wuchs aber in Pavia in Italien auf. Später diente er den Kaisern Konstantin und Julian im Heer, zusammen mit seinem Vater, der als Tribun Soldaten befehligte. Freiwillig war Martin allerdings nicht Soldat geworden. Schon als Kind hatte es ihn zu Gott hingezogen. Mit zwölf Jahren war er von zu Hause fort in eine Kirche gelaufen und hatte gebeten, auf die Taufe vorbereitet zu werden. Von da an war er ein Katechumene, also einer, der den Glauben lernt und noch nicht getauft ist. Am liebsten wäre er Einsiedler geworden, doch dafür war er zu schwach und zu oft krank.

Dann aber bestimmten die Kaiser, dass die Söhne alter Soldaten zusammen mit ihren Vätern dienen mussten, und so kam auch der junge Martin ins Heer. Er war damals fünfzehn Jahre alt. Auch als Soldat wollte er nur einen einzigen Diener haben, und meistens war es Martin, der diesen Diener bediente: Er bürstete ihm die Kleider und zog ihm die Schuhe aus.

An einem Wintertag kam Martin durch eines der Stadttore von Amiens. Dort begegnete ihm ein armer Mann, der ganz nackt in der Kälte stand. Sofort zog Martin sein Schwert, schnitt seinen Mantel mitten entzwei und gab dem Bettler die eine Hälfte.

In der folgenden Nacht sah Martin Christus selbst, der genau diese Mantelhälfte trug. Engel umgaben ihn, und Martin hörte, wie der Herr zu ihnen sagte: „Diesen Mantel hat Martin mir gegeben, als er noch ein Katechumene war!“

Martin schläft in einem Zelt unter einer braunen Decke, neben dem Bett steht Christus in weißem Gewand mit dem roten Mantel, an seiner Seite drei Engel.

Stolz machte diese Erscheinung Martin nicht. Er sah darin nur einen neuen Beweis dafür, wie gütig Gott ist. Mit achtzehn Jahren ließ er sich taufen. Nun wollte er sein ganzes Leben Gott schenken, doch sein Tribun bat ihn, noch zwei Jahre im Heer zu bleiben, und versprach, ihn danach gehen zu lassen.

Als die zwei Jahre um waren, fielen die Barbaren in Gallien ein. Kaiser Julian ließ Geld an die Soldaten verteilen, die sie zurückschlagen sollten. Martin aber nahm seinen Anteil nicht. „Ich bin ein Soldat Christi“, sagte er, „ich darf nicht kämpfen.“

Da wurde Julian zornig. „Nicht dein Glaube hält dich vom Kampf ab“, rief er, „sondern deine Angst! Jetzt, wo der Krieg vor der Tür steht, willst du dich davonmachen.“

Doch Martin fürchtete sich nicht. „Wenn Ihr das für Feigheit haltet, Kaiser“, antwortete er, „dann stelle ich mich morgen ohne Waffen vor den Feind. Das Kreuzzeichen soll mein Helm und mein Schild sein.“

Julian nahm ihn beim Wort. Doch schon im Morgengrauen schickten die Feinde Boten und ließen ausrichten, dass sie sich mit ihrem ganzen Hab und Gut ergaben. So wurde der Sieg errungen, ohne dass ein Tropfen Blut floss, allein durch die Verdienste des Heiligen.

Im Morgengrauen steht Martin ohne Mantel und Waffen zwischen braunen Zelten, drei langhaarige Boten in Pelzumhängen kommen mit offenen Händen auf ihn zu.

Nachdem er das Heer verlassen hatte, ging Martin zum heiligen Hilarius, dem Bischof von Poitiers, der ihn zu seinem Gehilfen machte. Eines Nachts aber mahnte ihn Gott im Traum, seine Eltern zu besuchen, die noch immer zu den alten Göttern beteten. Martin machte sich auf den Weg und ahnte schon, dass unterwegs allerlei Prüfungen auf ihn warteten.

In den Alpen überfielen ihn Räuber. Sie banden ihm die Hände auf den Rücken und ließen einen von ihnen als Wache bei ihm zurück. Bevor die anderen gingen, fragten sie ihn: „Hast du Angst?“

„Nein“, antwortete Martin. „Noch nie habe ich mich so sicher gefühlt. Gottes Barmherzigkeit zeigt sich am liebsten dort, wo ein Mensch in Not ist.“

Als er mit dem Räuber, der ihn bewachte, allein war, erzählte er ihm vom Evangelium, bis der Mann sich bekehrte. Danach führte ihn der Räuber zurück auf die große Straße, und von diesem Tag an lebte er ehrlich.

In Mailand trat Martin dann der Teufel selbst in den Weg. Er hatte die Gestalt eines Menschen angenommen und fragte ihn, wohin er gehe.

„Ich gehe, wohin mein Herr mich ruft“, antwortete Martin.

„Wohin du auch gehst“, sagte der Teufel, „der Teufel wird gegen dich sein!“

„Mit der Hilfe des Schöpfers fürchte ich kein Geschöpf.“

Endlich kam Martin nach Pavia. Dort bekehrte er seine Mutter; sein Vater aber blieb bei seinen alten Göttern.

Bald darauf breitete sich in Pavia die Irrlehre der Arianer aus. Martin war fast der Einzige, der sich ihr widersetzte, und deshalb schlug man ihn und jagte ihn aus der Stadt. Er ging zurück nach Mailand und gründete dort ein Kloster, doch auch von dort vertrieben ihn die Arianer. Mit einem einzigen Priester als Begleiter floh er auf die Insel Gallinaria.

Dort aß Martin eines Tages aus Versehen Samen der Nieswurz, einer giftigen Pflanze. Schon war er dem Tod nahe, doch er betete, und die Kraft seines Gebets vertrieb die Gefahr und den Schmerz zugleich.

Als Martin hörte, dass der heilige Hilarius aus der Verbannung zurückgekehrt war, ging er zu ihm und gründete in Ligugé bei Poitiers ein Kloster. Dort erfuhr er eines Tages, dass ein Katechumene gestorben war, ohne getauft zu sein. Martin ging in die Zelle des Toten, betete über ihm und rief ihn ins Leben zurück.

Der Katechumene erzählte danach, man habe ihn schon zur Hölle fortgeschleppt. Da hätten zwei Engel seinem Richter ins Ohr geflüstert, das sei der Sünder, für den Martin bete. Auch einen Mann, der sich erhängt hatte, holte Martin ins Leben zurück, damit er Buße tun konnte.

Als der Bischof von Tours starb, wählte die Stadt Martin zu seinem Nachfolger. Einige Bischöfe waren dagegen: Martin sei nachlässig gekleidet und sehe zu unscheinbar aus. Es half ihnen nichts. Martin wurde Bischof, gegen den Willen seiner Gegner und auch gegen seinen eigenen.

Den Lärm der Stadt ertrug er nicht. Zwei Meilen vor Tours gründete er deshalb ein Kloster, Marmoutier, und lebte dort mit achtzig Schülern in großer Strenge. Keiner von ihnen trank Wein, außer wenn er krank war, und schon jede Bequemlichkeit galt in diesem Kloster als Sünde.

Einmal merkte Martin, dass die Leute einen Mann als Märtyrer verehrten, über dessen Leben und Verdienste er nichts herausfinden konnte. Da betete er am Grab dieses angeblichen Märtyrers und bat Gott, ihm die Wahrheit zu zeigen. Als er sich umdrehte, sah er einen schwarzen Schatten. Martin fragte ihn, wer er sei, und der Schatten antwortete, er sei kein Heiliger, sondern ein Räuber, der für seine Verbrechen hingerichtet worden war. Daraufhin ließ Martin den Altar dieses falschen Heiligen abreißen.

Seine Schüler Sulpicius Severus und Gallus erzählen, dass Martin einmal mit einer Bitte zu Kaiser Valentinian ging. Der Kaiser wusste, dass Martin Dinge verlangen würde, die er nicht gewähren wollte, und ließ die Tore seines Palastes vor ihm schließen. Dreimal hintereinander wurde Martin abgewiesen. Da zog er ein Bußgewand aus grobem Haar an, streute sich Asche auf den Kopf und aß und trank eine ganze Woche lang nichts. Dann schickte ihn ein Engel zum Palast, und diesmal gelangte er ungehindert bis vor den Kaiser.

Valentinian ärgerte sich, dass Martin hereingekommen war, und blieb sitzen, um ihn nicht begrüßen zu müssen. Da fing sein Thron Feuer, so schnell, dass er sich das Hinterteil verbrannte und wohl oder übel aufstehen musste. Nun erkannte der Kaiser Gottes Macht. Er umarmte den Heiligen und gewährte ihm alles, worum der Heilige bitten wollte, noch ehe es ausgesprochen war.

Dieselben Schüler berichten auch, wie Martin einen Toten auferweckte. Eine Mutter bat ihn, ihren kleinen Sohn ins Leben zurückzurufen, der eben gestorben war. Vor einer riesigen Menge Heiden kniete Martin nieder, und sogleich lebte das Kind wieder. Da nahmen alle diese Heiden den Glauben an.

So heilig war Martin, dass ihm alles gehorchte, sogar das Feuer, die Bäume und die Tiere. Einmal hatte er einen heidnischen Tempel angezündet, und der Wind trug die Flammen zu einem Haus nebenan. Da stieg Martin auf das Dach dieses Hauses und stellte sich mitten in die Flammen. Und alle sahen, wie sich das Feuer gegen den Wind wandte und das Haus verschonte.

Ein anderes Mal geriet ein Kaufmann, der noch kein Christ war, mit seinem Schiff in einen Sturm und rief: „Gott Martins, rette uns!“ Im selben Augenblick legte sich der Sturm, und das Meer wurde ruhig.

Wieder ein anderes Mal wollte Martin eine Kiefer fällen, die dem Teufel geweiht war; die Bauern ringsum verehrten sie. Eine Menge Bauern stand dabei, und einer von ihnen sagte spöttisch: „Wenn du deinem Gott wirklich vertraust, dann lass uns den Baum fällen, und er soll auf dich stürzen!“

Martin willigte ein. Als die heilige Kiefer schon kippte, schlug er das Kreuzzeichen. Da schwang der Baum zurück, fiel zur anderen Seite und hätte beinahe die Bauern erschlagen, die dort standen. Als sie dieses Wunder sahen, bekehrten sie sich alle zum Glauben.

Martin im schwarzen Mantel hebt segnend die Hand, eine Kiefer neigt sich über einem kleinen Steinschrein zu erschrockenen Bauern mit Äxten hinüber.

An einem anderen Tag sah Martin Hunde, die einen Hasen jagten. Er befahl ihnen, von dem Hasen abzulassen, und sofort blieben die Hunde stehen, als würden sie an der Leine gehalten. Ein andermal schwamm eine Schlange durch einen Fluss. Auf Martins Befehl kehrte sie um und schwamm dorthin zurück, woher sie gekommen war. Da seufzte der Heilige: „Die Schlangen hören auf mich, und die Menschen wollen nicht auf mich hören!“

Unter seinen Tugenden muss man zuerst die Demut nennen. In Paris ging er einmal auf einen Aussätzigen zu, vor dem sich alle grausten, umarmte ihn, segnete ihn und machte ihn gesund. Nie wollte er sich auf seinen Bischofsstuhl setzen. Lieber saß er auf einem kleinen, einfachen Schemel mit drei Beinen, wie ihn die Bauern haben.

Zweitens stand Martin den Aposteln an Würde nicht nach, denn der Heilige Geist schenkte ihm ebenso viele Gnaden wie ihnen. Einmal war er allein in seiner Zelle, und seine Schüler Sulpicius Severus und Gallus warteten vor der Tür. Plötzlich hörten sie mehrere Frauenstimmen, die mit ihm sprachen. Später fragten sie ihn, was das gewesen sei.

„Ich will es euch sagen“, antwortete Martin, „aber nur, wenn ihr es niemandem weitererzählt. Die heilige Agnes, die heilige Thekla und die heilige Maria haben mich besucht.“ Und er gestand, dass diese Heiligen oft zu ihm kamen, ebenso die Apostel Petrus und Paulus.

Drittens war der Heilige gerecht. Einmal lud ihn Kaiser Maximus zum Essen ein. Martin bekam als Erster den Becher gereicht, und alle erwarteten, dass er ihn danach an den Kaiser weitergeben würde. Er reichte ihn aber einem seiner Priester, weil er ihn für den Würdigsten am Tisch hielt.

Viertens war Martin geduldig. Als Bischof ließ er sich von seinen eigenen Geistlichen beschimpfen, ohne sie dafür zu bestrafen, und blieb trotzdem freundlich zu ihnen. Niemand sah ihn je zornig, traurig oder spöttisch.

Eines Tages ritt er in einem schwarzen Mantel auf seinem Esel die Straße entlang. Bei seinem Anblick scheuten die Pferde einer Schar Soldaten. Die Männer stürzten sich auf ihn und schlugen ihn grausam, doch je mehr sie zuschlugen, desto weniger schien er sich daraus zu machen.

Als die Soldaten wieder aufsitzen wollten, rührten sich ihre Pferde nicht von der Stelle, so sehr sie auch mit der Peitsche auf sie einschlugen. Da kehrten die Männer zu Martin zurück und baten ihn um Vergebung, und erst auf sein Wort hin liefen die Pferde wieder los.

Auch im Gebet war er unermüdlich: Selbst wenn er las oder arbeitete, hörte er nicht auf zu beten. Und er lebte sehr streng. Sulpicius Severus erzählt in einem Brief an Eusebius, dass Martin einmal in eine Stadt seines Bistums kam, wo man ihm ein weiches Lager aus viel Stroh bereitet hatte. Vor solchem Luxus graute ihm. Er warf das Stroh beiseite und legte sich auf den nackten Boden, nur mit seinem Bußgewand bekleidet, wie jede Nacht.

Gegen Mitternacht fing das Stroh, das er weggeworfen hatte, Feuer. Martin erwachte, und ringsum loderten die Flammen. Da schlug er das Kreuzzeichen. Die Mönche liefen erschrocken herbei und glaubten, sie würden ihn verbrannt finden, doch zu ihrem Staunen hatte ihm das Feuer nichts getan.

Mit den Sündern hatte er großes Mitleid. Selbst die schlimmsten Verbrechen verzieh er, sobald er sah, dass jemand sie bereute. Als der Teufel ihm das vorwarf, antwortete Martin: „Wenn du Elender aufhörst, die Menschen zu quälen, dann vertraue ich sogar deiner Reue und verspreche dir die Barmherzigkeit unseres Herrn!“

Besonders gut war der Heilige zu den Armen. Eines Tages ging er zu seiner Kirche, um ein Fest zu feiern, und ihm folgte ein armer Mann, der ganz nackt war. Martin trug seinem Archidiakon auf, dem Mann etwas zum Anziehen zu geben. Der Archidiakon ließ sich jedoch Zeit. Da ging Martin in die Sakristei, gab dem Armen seine eigene Tunika und sagte ihm, er solle sich schnell davonmachen.

Bald darauf kam der Archidiakon herein und sagte: „Vater, es ist Zeit, die Messe zu feiern.“

„Ich kann sie nicht feiern, solange der Arme nichts anzuziehen hat“, antwortete Martin.

Da lief der Archidiakon auf den Markt, kaufte für ein paar Münzen eine schäbige Tunika und warf sie Martin vor die Füße. Er wusste ja nicht, dass der Bischof selbst nichts mehr anzuziehen hatte, weil er sein eigenes Gewand dem Armen geschenkt hatte.

Martin zog das elende Ding an. Es reichte ihm kaum bis zu den Knien, und die Ärmel gingen ihm nur bis zu den Ellbogen. So feierte er die Messe. Und während er sie feierte, sahen die Leute in der Kirche eine Feuerkugel über seinem Kopf leuchten.

Ein andermal sah er ein Schaf, das man eben geschoren hatte. Da sagte er scherzend zu seinen Schülern: „Seht, das hat das Gebot des Evangeliums befolgt! Es hatte zwei Gewänder und hat eines davon hergegeben. Macht es ihm nach!“

Auch Dämonen konnte er austreiben. Einmal sah er eine Kuh, die von einem bösen Geist besessen war und großen Schaden anrichtete. Er hob den Finger, und die Kuh musste stehen bleiben. Da entdeckte er den Dämon, der auf ihrem Rücken saß, und rief ihm zu: „Fort mit dir! Hör auf, dieses unschuldige Tier zu quälen!“ Sofort floh der Dämon. Die Kuh kniete vor dem Heiligen nieder und lief dann zu ihrer Herde zurück.

Martin erkannte die Dämonen in jeder Verkleidung, ob sie nun als Jupiter kamen oder als Merkur, als Venus oder als Minerva. Einmal erschien ihm der Teufel in seiner Zelle als König, in Purpur gekleidet, mit einer Krone auf dem Kopf und über und über mit Gold und Edelsteinen bedeckt. Sein Gesicht war ruhig, und er lächelte. Lange schwieg er. Dann sagte er: „Martin, erkenne den, den du anbetest! Ich bin Christus. Ich bin auf die Erde herabgestiegen, und dir wollte ich mich als Erstem zeigen.“

Martin antwortete nicht. Da sagte der Teufel noch einmal: „Martin, warum zögerst du zu glauben, wenn du mich doch siehst? Ich bin Christus!“

In einer kahlen Zelle sitzt der grauhaarige Martin auf einem Schemel, vor ihm steht lächelnd der Teufel als König in Purpur mit goldener Krone.

Endlich antwortete der Heilige: „Mein Herr Jesus würde sich nicht in Purpur kleiden und keine Krone tragen, wenn er auf die Erde zurückkehrt!“ Im selben Augenblick verschwand der Dämon, und in der Zelle blieb ein fürchterlicher Gestank zurück.

Lange im Voraus wusste Martin, wann er sterben würde, und er sagte es auch. Er war nach Candes gereist, um dort einen Streit zu schlichten, als er spürte, dass ihn die Kräfte verließen. Da sagte er seinen Schülern, dass seine Stunde nahe sei.

Die Schüler weinten. „Vater, warum verlässt du uns und lässt uns so traurig zurück? Reißende Wölfe werden über deine Herde herfallen!“

Ihre Tränen und Bitten rührten ihn, und er betete: „Herr, wenn dein Volk mich noch braucht, dann weigere ich mich nicht, weiterzuarbeiten. Dein Wille geschehe!“ Doch er wusste selbst nicht recht, was er sich mehr wünschte. Er wollte seine Herde nicht verlassen, und er wollte auch nicht länger warten, bis er vor Christus treten durfte.

Das Fieber schüttelte Martin. Seine Schüler baten, ihm wenigstens ein wenig Stroh unterlegen zu dürfen, doch er antwortete: „Nein, meine Kinder. Ein Christ soll nur auf Asche sterben.“

So lag er auf dem Rücken, die Augen und die Hände zum Himmel erhoben. Seine Priester rieten ihm, sich auf die Seite zu drehen, damit sein Körper ein wenig ausruhen könne. „Meine Brüder“, sagte er, „lasst mich lieber den Himmel ansehen als die Erde.“

Der alte Martin mit weißem Bart liegt im zerrissenen Bußgewand auf Asche und hebt die Arme zum Fenster, drei Mönche knien trauernd neben ihm.

Dann sah er, dass der Teufel ihn beobachtete. „Was tust du hier, du böses Tier? Du kannst mir nichts mehr anhaben, denn ich sehe schon Abraham, der mir die Arme öffnet!“

Mit diesen Worten starb Martin. Sein Gesicht leuchtete, als trüge er schon die Herrlichkeit des Himmels, und alle, die bei ihm waren, hörten den Chor der Engel, der ihn in den Himmel begleitete. Der Heilige war einundachtzig Jahre alt geworden. Es war um das Jahr 395, als die Kaiser Honorius und Arcadius regierten.

Zu seinem Begräbnis kamen die Leute aus dem Poitou und die Leute aus Tours, und zwischen ihnen entbrannte ein heftiger Streit. „Er war Mönch bei uns“, sagten die Leute aus dem Poitou. „Sein Leib gehört uns!“

„Gott hat ihn euch genommen, um ihn uns zu schenken!“, antworteten die Leute aus Tours.

In der Nacht, während die Leute aus dem Poitou schliefen, nahmen die Leute aus Tours den Leichnam, reichten ihn durch ein Fenster in ein Boot und brachten ihn auf der Loire hinunter bis in ihre Stadt.

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Nacherzählt von Talerie, Quelle: La Légende dorée (wird in einem neuen Fenster geöffnet) Gemeinfrei