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Ein hagerer Mann im Rock aus bunten Flicken kommt die Gasse herab und spielt auf einer Holzpfeife, hinter ihm eine Reihe Ratten, im Hintergrund die Brücke.

Der Rattenfänger von Hameln

Brüder Grimm

5 Min. Lesezeit ab 7 Jahren Bewertung der Leserinnen und Leser in allen Sprachen: 4,6 von 5 Sternen, 5 Stimmen. Wie hat dir dieses Märchen gefallen?

Im Jahr 1284 kommt ein Fremder im Rock aus bunten Tuchstücken nach Hameln, wo es von Ratten wimmelt. Mit seinem Pfeifchen lockt er sie alle in die Weser. Als die Bürger den Lohn nicht zahlen, geht der Rattenfänger ohne ein Wort zum Tor hinaus, mit einem Gesicht, bei dem keinem wohl ist.


Im Jahr 1284 kam ein fremder Mann nach Hameln. Sein Rock war aus lauter bunten Tuchstücken genäht, rot und gelb und grün, und weil er so bunt daherging, nannten ihn die Leute Bundting.

Die Stadt hatte damals eine schlimme Plage. In den Kellern, in den Speichern und in den Ställen wimmelte es von Ratten und Mäusen. Sie fraßen das Korn und nagten an allem, was sie fanden.

Nachts trippelte es über die Dielen bis in die Schlafkammern hinein. Keine Katze half, keine Falle half.

Der Fremde stellte sich mitten auf den Markt, wo alle ihn hören konnten.

„Ich bin ein Rattenfänger“, sagte er. „Für einen guten Lohn mache ich euch die Stadt frei. Am Abend ist keine einzige mehr darin.“

Die Bürger steckten die Köpfe zusammen. Sie nannten eine Summe, er war zufrieden, und man schlug ein.

Auf dem Marktplatz vor dem Fachwerkrathaus reicht der Mann im Flickenrock einem graubärtigen Bürger im roten Gewand die Hand, und alle ringsum schauen zu.

Da zog der Mann ein kleines Pfeifchen aus dem Rock und setzte es an die Lippen.

Kaum klang der erste Ton, da regte es sich in allen Häusern. Aus Löchern und Ritzen, aus Kellern und Kammern kamen die Ratten und Mäuse gekrochen und sammelten sich um seine Füße.

Der Pfeifer wartete, bis er meinte, es sei keine mehr zurückgeblieben. Dann ging er langsam zum Tor hinaus, und der ganze Haufen lief hinter ihm her.

So führte er sie hinunter an die Weser. Am Ufer raffte er seine Kleider und stieg in den Fluss. Alle Tiere stürzten ihm nach ins Wasser, und keines kam wieder heraus.

Als die Stadt still war, kein Trippeln mehr in den Speichern, kein Rascheln mehr im Stroh, da reute die Bürger das versprochene Geld.

Sie fanden Ausreden. Der Handel sei nicht richtig geschlossen worden, sagten sie. So viel sei nie gemeint gewesen. Und pfeifen, das könne am Ende jeder. So bekam er keinen Pfennig.

Der Rattenfänger hörte sich alles an und sagte kein Wort mehr. Er drehte sich um und ging zornig und verbittert aus dem Tor, und wer ihm dabei ins Gesicht sah, dem wurde nicht wohl.

Der Sommer kam. Am 26. Juni, am Tag der Heiligen Johannes und Paulus, war er wieder da, früh um sieben, und manche sagen, es sei erst Mittag gewesen.

Den bunten Rock trug er nicht mehr. Er kam als Jäger, mit schrecklichem Gesicht und einem roten, seltsamen Hut, und ging durch die Gassen und pfiff.

Diesmal kamen keine Ratten.

Es kamen die Kinder. Jungen und Mädchen, vom vierten Jahr an, liefen aus allen Türen und Höfen, und unter ihnen war auch die schon erwachsene Tochter des Bürgermeisters.

Der Pfeifer im grünen Rock unter dunklem Umhang und rotem Hut geht spielend aus der Stadt, hinter ihm strömen Kinder in grober Wolle durch das Tor.

Der ganze Schwarm lief hinter dem Pfeifer her, zum Tor hinaus und den Hügeln zu. Dort tat sich ein Berg auf, und der Pfeifer ging mit den Kindern hinein, und hinter ihnen schloss sich der Berg wieder.

Ein Kindermädchen war von fern mitgegangen, ein kleines Kind auf dem Arm. Sie hatte alles gesehen. Sie kehrte um und trug die Nachricht in die Stadt.

Da liefen die Eltern in Scharen vor die Tore. Sie riefen die Namen ihrer Kinder, sie suchten in den Feldern und an den Hecken, und die Mütter weinten laut.

Noch am selben Tag schickte die Stadt Boten aus, zu Wasser und zu Land, in jede Richtung. Sie fragten in allen Orten, ob jemand die Kinder gesehen habe oder auch nur eines davon. Es war alles umsonst.

Hundertdreißig Kinder waren fort.

Zwei, so wird erzählt, waren zurückgeblieben und kamen später wieder. Das eine konnte nicht sehen. Es wusste den Ort nicht zu zeigen, aber es konnte erzählen, wie sie alle dem Spielmann gefolgt waren.

Das andere konnte nicht sprechen. Es führte die Leute an die Stelle und stand davor und schwieg.

Und ein kleiner Junge war im Hemd mitgelaufen und dann umgekehrt, um seinen Rock zu holen. Als er zurückkam, waren die anderen schon in einer Grube am Hügel verschwunden, und die Stelle zeigt man noch heute. So entging er dem Unglück.

Der Berg bei Hameln, in dem die Kinder verschwanden, heißt seither der Poppenberg. Links und rechts hat man zwei Steine aufgerichtet, die stehen wie ein Kreuz.

Manche sagen, die Kinder seien durch eine Höhle gegangen und weit fort in Siebenbürgen wieder ans Licht gekommen. Genaues weiß niemand.

Die Straße aber, durch die sie zum Tor hinausgezogen waren, heißt seitdem die Bungelose, die Trommellose, die Stille. Nie wurde darin getanzt, und keine Saite wurde darin gerührt.

Selbst wenn eine Braut mit Musik zur Kirche geführt wurde, mussten die Spielleute schweigen, solange der Zug durch diese Gasse ging.

In blauer Dämmerung führen zwei Spielleute einen Brautzug durch die Gasse, Geige und Trommel gesenkt, links öffnet sich ein leerer dunkler Torbogen.

Die Bürger schrieben das Unglück in ihr Stadtbuch und zählten in ihren Urkunden die Jahre seit dem Verlust ihrer Kinder, und auch das neue Tor bekam eine Inschrift. Am Rathaus aber standen, in den Stein gehauen, diese Zeilen:

Im Jahr zwölfhundertvierundachtzig nach Christi Geburt hat man aus Hameln hinausgeführt hundertdreißig Kinder, hier geboren, durch einen Pfeifer im Berg verloren.

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Nacherzählt von Talerie, Quelle: Deutsche Sagen (wird in einem neuen Fenster geöffnet) Gemeinfrei

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14 Min. Lesezeit ab 6 Jahren

Über dieses Märchen

Die Sage vom Rattenfänger haben die Brüder Grimm 1816 in Berlin veröffentlicht, im ersten Band ihrer „Deutschen Sagen“ als Nr. 244 unter dem Titel „Die Kinder zu Hameln“. Zu den Kinder- und Hausmärchen gehört sie nicht. Die Brüder haben sie aus älteren Chroniken und Büchern zusammengetragen, die sie über dem Text aufzählen.

Schon 1814 hatte Friedrich Gottschalck dieselbe Geschichte gedruckt, mit dem Koppelberg statt des Poppenbergs. Unsere Nacherzählung folgt eng dem Text der Grimms von 1816. Anders als bei den Grimms öffnet sich bei uns der Berg und schließt sich hinter den Kindern, und der bunte Rock ist rot, gelb und grün.

Gottschalck 1814 und die Grimms 1816 im Vergleich

Gottschalck 1814Grimm 1816
Der Fremdewunderlich gekleidet, ohne Namenbunter Rock, daher „Bundting“ genannt
Die Rattenfremde Worte, bunter Stab, Sturz in die Weserer watet in die Weser, sie folgen ihm
Warum kein LohnAngst vor einem Hexenmeister oder dem Teufeldie Bürger reut der versprochene Lohn
Die Rückkehran einem Sonntag, während des Gottesdienstesum sieben oder mittags, als Jäger mit rotem Hut
Der BergKoppelberg, öffnet und schließt sichPoppenberg, der Fänger verschwindet darin
Zurückgebliebenandere Lesart: ein blindes und ein stummes Kindlaut einigen ebenso, dazu ein Junge im Hemd
Siebenbürgendurch die Lüfte dorthin getragen„Einige sagen“: durch eine Höhle
Deutungeine verlorene Schlacht von 1259keine, nur die Aufzeichnungen der Stadt
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Im Jahr zwölfhundertvierundachtzig nach Christi Geburt hat man aus Hameln hinausgeführt hundertdreißig Kinder, hier geboren, durch einen Pfeifer im Berg verloren.
Brüder Grimm, 1816: Im Jahr 1284 na Christi gebort / tho Hamel worden uthgevort / hundert und dreißig Kinder dasülvest geborn / dorch einen Piper under den Köppen verlorn.

Was unser Text erzählt

Ein Fremder im bunten Rock befreit Hameln mit seinem Pfeifchen von Ratten und Mäusen, die ihm in die Weser folgen und ertrinken. Die Bürger finden Ausreden und zahlen nicht. Am 26. Juni kommt er als Jäger mit rotem Hut wieder, und diesmal laufen ihm die Kinder nach, vom vierten Jahr an, dazu die erwachsene Tochter des Bürgermeisters. Ein Kindermädchen sieht von fern zu und bringt die Nachricht in die Stadt. Hundertdreißig Kinder bleiben verschwunden. Zwei sollen später zurückgekommen sein, ein blindes und ein stummes, und ein kleiner Junge entgeht dem Unglück, weil er im Hemd mitläuft und umkehrt, um seinen Rock zu holen. Zum Schluss geht es um die stille Straße, die Bungelose, um das Stadtbuch und um die Zeilen am Rathaus. Seyfrieds Angabe des 22. Juni, die Kirchenfenster von 1572 und die Münze stehen bei den Grimms, in unserem Text fehlen sie.

Die verschwundenen Kinder kommen nicht wieder, und wohin sie gegangen sind, bleibt offen. Niemand tut ihnen Gewalt an, sie folgen der Musik in den Berg. Es ist gut, wenn du diesen Schluss kennst, bevor du vorliest.

Verwandte Texte und eine Verwechslung

Den Jungen im Hemd gibt es bei Gottschalck nicht, das blinde und das stumme Kind nennt er als andere Lesart. In der Quellenliste der Grimms fehlt Gottschalck, deshalb stellen wir die beiden Drucke hier nur nebeneinander. Gottschalck erwähnt auch, dass Goethe den Stoff für ein Gedicht genutzt hat. Goethes „Der Rattenfänger“ erschien im „Taschenbuch auf das Jahr 1804“ und ist ein Lied, das der Fänger selbst singt: „Ich bin der wohlbekannte Sänger, / Der viel gereiste Rattenfänger“. Goethes Sänger spielt auf Saiten, nicht auf einer Pfeife, und Hameln wird nicht genannt. Gleich nach der Hamelner Sage drucken die Grimms als Nr. 245 eine andere, die sie mündlich aus Deutschböhmen haben: In einem Dorf legt ein Rattenfänger einen verzauberten Haselstock vor die Kirchentür, ein Müller nimmt den Stock mit, und die Ratten laufen ihm bis nach Hause nach.

Auch die „Bremer Stadtmusikanten“ nennen im Titel eine deutsche Stadt und handeln von Musik, erzählen aber eine ganz andere Geschichte, ohne Pfeifer und ohne Kinder.

Quellen

Historische Fassungen

Am 24. Oktober 2026 mit diesen Quellen abgeglichen.

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