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Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich

Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich

Brüder Grimm

8 Min. Lesezeit6–10 Jahre

Eine Königstochter verliert ihre goldene Kugel im Brunnen, und ein Frosch holt sie herauf — gegen das Versprechen, ihr Geselle sein zu dürfen. Als sie den Frosch schließlich zornig gegen die Wand wirft, verwandelt er sich zurück in einen Königssohn, und auch sein treuer Diener Heinrich wird erlöst.


In den alten Zeiten, als das Wünschen noch geholfen hat, lebte ein König, dessen Töchter alle schön waren. Doch die jüngste war so schön, dass sich sogar die Sonne, die doch schon so vieles gesehen hatte, jedes Mal verwunderte, wenn sie ihr ins Gesicht schien. Nahe beim Schloss des Königs lag ein großer, dunkler Wald, und in diesem Wald, unter einer alten Linde, gab es einen Brunnen. Wenn nun der Tag recht heiß war, ging das Königskind hinaus in den Wald und setzte sich an den Rand des kühlen Brunnens. Und wenn ihr langweilig wurde, nahm sie eine goldene Kugel, warf sie in die Höhe und fing sie wieder auf. Das war ihr liebstes Spiel.

Nun geschah es eines Tages, dass die goldene Kugel der Königstochter nicht wieder in ihr Händchen fiel, das sie in die Höhe gehalten hatte, sondern daneben auf die Erde schlug und geradewegs ins Wasser hineinrollte. Die Königstochter folgte ihr mit den Augen, aber die Kugel verschwand, und der Brunnen war tief, so tief, dass man keinen Grund sah. Da fing sie an zu weinen und weinte immer lauter und konnte sich gar nicht trösten. Und während sie so klagte, rief ihr jemand zu: „Was hast du nur, Königstochter? Du schreist ja, dass sich ein Stein erbarmen möchte.“ Sie sah sich um, woher die Stimme käme, und da erblickte sie einen Frosch, der seinen dicken, hässlichen Kopf aus dem Wasser streckte. „Ach, du bist es, alter Wasserpatscher“, sagte sie. „Ich weine über meine goldene Kugel, die mir in den Brunnen hinuntergefallen ist.“ „Sei still und weine nicht“, antwortete der Frosch. „Ich kann dir wohl helfen. Aber was gibst du mir, wenn ich dir dein Spielzeug wieder heraufhole?“ „Was du haben willst, lieber Frosch“, sagte sie. „Meine Kleider, meine Perlen und Edelsteine, sogar die goldene Krone, die ich trage.“ Der Frosch antwortete: „Deine Kleider, deine Perlen und Edelsteine und deine goldene Krone, die mag ich nicht. Aber wenn du mich lieb haben willst und ich dein Freund und Spielkamerad sein darf, an deinem Tischlein neben dir sitzen, von deinem goldenen Tellerlein essen, aus deinem Becherlein trinken und in deinem Bettlein schlafen darf — wenn du mir das versprichst, dann steige ich hinunter und hole dir die goldene Kugel wieder herauf.“ „Ach ja“, sagte sie, „ich verspreche dir alles, was du willst, wenn du mir nur die Kugel wiederbringst.“ Sie dachte aber: Was der einfältige Frosch daherredet! Der sitzt im Wasser bei seinesgleichen und quakt und kann doch niemals der Freund eines Menschen sein.

Als der Frosch die Zusage bekommen hatte, tauchte er seinen Kopf unter, sank hinab, und nach einer Weile kam er wieder heraufgerudert, hatte die Kugel im Maul und warf sie ins Gras. Die Königstochter war voller Freude, als sie ihr schönes Spielzeug wiedersah, hob es auf und sprang damit davon. „Warte, warte“, rief der Frosch, „nimm mich mit, ich kann nicht so schnell laufen wie du.“ Aber was half es ihm, dass er ihr sein Quak, quak so laut nachschrie, wie er nur konnte! Sie hörte gar nicht darauf, eilte nach Hause und hatte den armen Frosch bald vergessen, der wieder in seinen Brunnen hinuntersteigen musste.

Am nächsten Tag, als sie sich mit dem König und allen Hofleuten zur Tafel gesetzt hatte und von ihrem goldenen Tellerlein aß, da kam, plitsch platsch, plitsch platsch, etwas die Marmortreppe heraufgekrochen. Und als es oben angekommen war, klopfte es an die Tür und rief: „Königstochter, jüngste, mach mir auf.“ Sie lief hin und wollte sehen, wer draußen wäre; als sie aber öffnete, saß der Frosch davor. Da warf sie hastig die Tür wieder zu, setzte sich zurück an den Tisch, und ihr war ganz angst. Der König sah wohl, dass ihr das Herz heftig klopfte, und sprach: „Mein Kind, wovor fürchtest du dich? Steht etwa ein Riese vor der Tür und will dich holen?“ „Ach nein“, antwortete sie, „es ist kein Riese, sondern ein garstiger Frosch.“ „Was will der Frosch von dir?“ „Ach, lieber Vater, als ich gestern im Wald am Brunnen saß und spielte, da fiel mir die goldene Kugel ins Wasser. Und weil ich so weinte, hat sie der Frosch wieder heraufgeholt. Und weil er es unbedingt verlangte, versprach ich ihm, er solle mein Freund werden. Ich dachte aber niemals, dass er aus seinem Wasser herauskönnte. Nun ist er draußen und will zu mir herein.“ Da klopfte es zum zweiten Mal und rief:

„Königstochter, jüngste, mach mir auf, weißt du nicht, was gestern du zu mir gesagt bei dem kühlen Brunnenwasser? Königstochter, jüngste, mach mir auf.“

Da sagte der König: „Was du versprochen hast, das musst du auch halten. Geh nur und mach ihm auf.“ Sie ging und öffnete die Tür, da hüpfte der Frosch herein und folgte ihr immer auf dem Fuße bis zu ihrem Stuhl. Dort saß er und rief: „Heb mich herauf zu dir.“ Sie zögerte, bis es der König schließlich befahl. Kaum saß der Frosch auf dem Stuhl, wollte er auf den Tisch, und als er dort saß, sprach er: „Nun schieb mir dein goldenes Tellerlein näher, damit wir zusammen essen.“ Das tat sie zwar, aber man sah wohl, dass sie es nicht gern tat. Der Frosch ließ es sich gut schmecken, ihr aber blieb fast jeder Bissen im Hals stecken. Endlich sprach er: „Ich habe mich satt gegessen und bin müde. Nun trag mich in dein Kämmerlein und mach dein seidenes Bettlein zurecht, dann wollen wir uns schlafen legen.“ Die Königstochter fing an zu weinen und fürchtete sich vor dem kalten Frosch, den sie nicht anzurühren wagte und der nun in ihrem schönen, reinen Bettlein schlafen sollte. Der König aber wurde zornig und sprach: „Wer dir geholfen hat, als du in Not warst, den darfst du danach nicht verachten.“ Da packte sie ihn mit zwei Fingern, trug ihn hinauf und setzte ihn in eine Ecke. Als sie aber im Bett lag, kam er herangekrochen und sprach: „Ich bin müde, ich will schlafen, so gut wie du. Heb mich herauf, oder ich sage es deinem Vater.“ Da wurde sie erst richtig böse, holte ihn herauf und warf ihn mit aller Kraft gegen die Wand: „Nun wirst du wohl Ruhe geben, du garstiger Frosch.“

Als er aber herabfiel, war er kein Frosch mehr, sondern ein Königssohn mit schönen und freundlichen Augen. Der war nun nach dem Willen ihres Vaters ihr lieber Freund und Gemahl. Da erzählte er ihr, er sei von einer bösen Hexe verwünscht worden, und niemand hätte ihn aus dem Brunnen erlösen können als sie allein. Am nächsten Morgen wollten sie zusammen in sein Reich ziehen. Dann schliefen sie ein, und am anderen Morgen, als die Sonne sie weckte, kam ein Wagen herangefahren, bespannt mit acht weißen Pferden. Sie trugen weiße Straußenfedern auf dem Kopf und gingen in goldenen Ketten, und hinten stand der Diener des jungen Königs, das war der treue Heinrich. Der treue Heinrich hatte sich so betrübt, als sein Herr in einen Frosch verwandelt worden war, dass er sich drei eiserne Bänder um sein Herz hatte legen lassen, damit es ihm nicht vor Weh und Traurigkeit zerspränge. Der Wagen aber sollte den jungen König in sein Reich abholen. Der treue Heinrich hob beide hinein, stellte sich wieder hinten auf und war voller Freude über die Erlösung. Und als sie ein Stück Weges gefahren waren, hörte der Königssohn hinter sich ein Krachen, als wäre etwas zerbrochen. Da drehte er sich um und rief:

„Heinrich, der Wagen bricht.“ „Nein, Herr, der Wagen nicht, es ist ein Band von meinem Herzen, das da lag in großen Schmerzen, als ihr in dem Brunnen saßt, als ihr ein Frosch noch wart.“

Noch einmal und noch einmal krachte es auf dem Weg, und immer meinte der Königssohn, der Wagen bräche. Doch es waren nur die Bänder, die vom Herzen des treuen Heinrich absprangen, weil sein Herr erlöst und glücklich war.