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Ein brauner Hase setzt in vollem Sprung über ein kleines Bäumchen in einer verschneiten Lichtung, ringsum hohe dunkle Fichten und goldenes Abendlicht.

Der Tannenbaum

Hans Christian Andersen

9 Min. Lesezeitab 6 Jahren

Ein kleiner Tannenbaum im Wald will nur größer werden und beachtet weder Sonne noch Luft, bis man ihn zu Weihnachten fällt und in einem Saal mit Lichtern schmückt. Danach steht der Baum vergessen auf dem Dachboden, liegt im Hof zwischen Nesseln, und der Knecht hackt ihn in Stücke für das Feuer unter dem Braukessel.


Draußen im Wald stand ein kleiner Tannenbaum. Er hatte einen guten Platz: Sonne bekam er genug, Luft war reichlich da, und ringsum wuchsen größere Kameraden.

Aber er wünschte sich nichts so sehr, wie größer zu werden, und beachtete weder die warme Sonne noch die frische Luft.

Im Sommer kamen die Kinder, um Erdbeeren zu sammeln. Dann setzten sie sich neben ihn und sagten: „Sieh nur, wie niedlich klein der ist!“

Das mochte der Baum gar nicht hören.

„Wäre ich doch ein großer Baum wie die anderen“, seufzte er. „Dann könnte ich meine Zweige weit ausbreiten und in die Welt hinausschauen.“

Im Winter kam oft ein Hase und sprang mit einem Satz über ihn hinweg. Wie ihn das ärgerte!

Zwei Winter vergingen. Im dritten war das Bäumchen so groß, dass der Hase um es herumlaufen musste. Wachsen und groß werden, dachte der Baum, das ist doch das einzig Schöne auf der Welt.

Im Herbst fällten die Holzhauer die größten Bäume. Man hieb ihnen die Äste ab, und dann lagen sie nackt da, kaum noch zu erkennen.

Pferde zogen sie auf Wagen aus dem Wald hinaus. Wohin nur? Was stand ihnen bevor?

Zwei dunkle Pferde ziehen einen entasteten Stamm über den Waldweg, ein Fuhrmann wartet am Wagen, der junge Tannenbaum steht zwischen herbstlichen Birken.

Im Frühjahr fragte er die Schwalben und die Störche, wohin man die Bäume gebracht habe. Die Schwalben wussten nichts, der Storch aber nickte nachdenklich.

„Ich glaube schon“, sagte er. „Als ich aus Ägypten flog, begegneten mir viele neue Schiffe mit prächtigen Masten. Sie rochen nach Tanne. Herrlich stehen sie da!“

„Wäre ich nur groß genug, um über das Meer zu fahren!“, rief der Tannenbaum. „Wie sieht das Meer aus?“

„Das zu erklären, dauert zu lange“, sagte der Storch und flog davon.

„Freu dich deiner Jugend!“, sagten die Sonnenstrahlen. „Freu dich am jungen Leben in dir.“

Der Wind küsste den Baum, und der Tau weinte Tränen über ihn. Aber der Tannenbaum verstand das nicht.

Als es auf Weihnachten zuging, wurden ganz junge Bäume gefällt, manche kleiner als er. Gerade die allerschönsten behielten alle ihre Zweige, und Pferde zogen sie aus dem Wald hinaus.

„Wohin kommen die?“, fragte der Tannenbaum. „Warum behielten sie alle ihre Zweige?“

„Das wissen wir!“, zwitscherten die Sperlinge. „Unten in der Stadt haben wir durch die Fenster gesehen. Sie werden mitten in der warmen Stube aufgestellt und mit vergoldeten Äpfeln, Honigkuchen, Spielzeug und vielen Hundert Lichtern geschmückt.“

„Und dann?“, fragte der Tannenbaum und bebte in allen Zweigen. „Was geschieht dann?“

„Mehr haben wir nicht gesehen. Aber so schön war nichts je zuvor.“

„Das ist noch besser, als über das Meer zu fahren!“, jubelte der Baum. „Und dann kommt gewiss noch etwas Schöneres. Warum sonst würde man uns so schmücken?“

„Freu dich an uns!“, riefen die Luft und das Sonnenlicht wieder. Aber er freute sich nicht und wuchs und wuchs.

Die Leute sagten: „Das ist ein schöner Baum.“

Zur Weihnachtszeit wurde er als Allererster gefällt. Die Axt drang tief ins Mark, und der Baum sank mit einem Seufzer zu Boden.

Er spürte Schmerz und eine große Mattigkeit. Es tat ihm weh, den Fleck zu verlassen, auf dem er groß geworden war, und die alten Kameraden würde er nie wiedersehen.

Der gefällte Tannenbaum liegt der Länge nach im Schnee, am Stamm die helle Schnittfläche. Zwei Männer legen ein Seil um den Stamm, dahinter ein Schlitten.

In einem Hof wurde er abgeladen, und ein Mann sagte: „Der da ist prächtig. Den nehmen wir.“

Zwei Diener trugen ihn in einen großen Saal und stellten ihn in ein Gefäß voll Sand. Wie der Baum bebte!

Die Diener und die jungen Fräulein schmückten ihn: kleine Netze aus buntem Papier voll Zuckerwerk, vergoldete Äpfel und Nüsse und über hundert bunte Lichter.

Puppen, die aussahen wie leibhaftige Menschen, schwebten im Grün, und ganz oben auf der Spitze wurde ein Stern aus Flittergold befestigt.

„Heute Abend“, sagten alle, „heute Abend wird er strahlen!“

Wäre es doch schon Abend, dachte der Baum.

Dann wurden die Lichter angezündet. Welch ein Glanz, welch eine Pracht! Der Baum bebte so in allen Zweigen, dass eines der Lichter das Grün versengte.

Im getäfelten Saal steht der Baum in einem Bottich: brennende Kerzen, vergoldete Äpfel, Nüsse, Papiernetze, Spielzeug, an der Spitze ein goldener Stern.

„Um Himmels willen!“, riefen die Fräulein und löschten es rasch.

Nun durfte der Baum nicht einmal mehr beben, so bange war ihm, ein Stück von seinem Schmuck zu verlieren.

Da gingen die Flügeltüren auf, und die Kinder stürmten herein. Einen Augenblick standen sie still, dann jubelten sie und tanzten um den Baum herum.

Die Lichter brannten herunter, und dann durften die Kinder den Baum plündern. Sie stürzten so auf ihn los, dass es in allen Zweigen knackte; nur die Spitze und der Goldstern hielten ihn an der Decke fest.

Dann tanzten die Kinder mit ihrem Spielzeug davon, und niemand sah mehr nach dem Baum. Nur das alte Kindermädchen schaute zwischen die Zweige, ob nicht noch eine Feige vergessen war.

„Eine Geschichte!“, riefen die Kinder und zogen einen kleinen dicken Mann zum Baum.

„Ich erzähle nur eine einzige Geschichte“, sagte er. „Wollt ihr die von Ivede-Avede hören oder die von Klumpe-Dumpe, der die Treppe hinunterfiel und doch zu Ehren kam und die Prinzessin bekam?“

„Ivede-Avede!“, riefen die einen.

„Klumpe-Dumpe!“, riefen die anderen. Das war ein Rufen und Schreien.

Nur der Tannenbaum schwieg still. Bin ich denn gar nicht dabei? dachte er. Er hatte doch getan, was er sollte.

Und der Mann erzählte die Geschichte von Klumpe-Dumpe, und die Kinder klatschten in die Hände.

So etwas hatten die Vögel im Wald nie erzählt. Ja, so geht es in der Welt zu, dachte der Baum. Vielleicht falle auch ich die Treppe hinunter und bekomme eine Prinzessin.

Morgen werde ich wieder geschmückt, dachte er, und morgen höre ich wieder von Klumpe-Dumpe. Die ganze Nacht stand er still.

Am Morgen kamen die Diener herein. Nun geht das Schmücken von vorn los, dachte der Baum.

Aber sie schleppten ihn hinaus und die Treppe hinauf auf den Dachboden, in einen dunklen Winkel, wo kein Tageslicht hinkam.

Was soll ich hier? dachte er, lehnte sich an die Mauer und dachte und dachte.

Tage und Nächte vergingen, und niemand kam. Endlich stellte jemand große Kisten in den Winkel, und der Baum stand ganz versteckt.

Draußen ist nun Winter, dachte er. Die Erde ist hart und voller Schnee, da können die Menschen mich nicht pflanzen. Deshalb stellen sie mich hier unter. Wie gut sie doch sind!

Wenn es hier nur nicht so dunkel wäre und so schrecklich einsam. Nicht einmal ein kleiner Hase!

„Piep, piep!“, sagte da eine kleine Maus und huschte hervor, und dann kam noch eine. Sie schlüpften zwischen seine Zweige.

„Hier ist es furchtbar kalt“, sagten sie. „Wo kommst du her, du alter Tannenbaum? Erzähl uns vom schönsten Ort auf Erden!“

„Ich bin gar nicht alt“, sagte der Baum. „Aber ich kenne den Wald, wo die Sonne scheint und die Vögel singen.“

Und dann erzählte er von seiner Jugend und vom Weihnachtsabend, als er mit Kuchen und Lichtern geschmückt war.

„Wie glücklich du gewesen bist!“, sagten die kleinen Mäuse.

„Ich?“, sagte der Tannenbaum und dachte über seine eigenen Worte nach. „Ja, es waren im Grunde fröhliche Zeiten.“

In der nächsten Nacht brachten sie vier andere Mäuse mit, und je mehr er erzählte, desto deutlicher erinnerte er sich.

Auf dem dunklen Dachboden lehnt der Baum zwischen Kisten, die unteren Zweige gelbbraun. Am Fuß sitzen graue Mäuse aufgerichtet, ein Mondstrahl fällt herein.

„Wer ist Klumpe-Dumpe?“, fragten die Mäuse. Da erzählte der Baum das ganze Märchen, Wort für Wort, und die Mäuse sprangen vor Freude beinahe bis in die Spitze.

In der folgenden Nacht kamen noch mehr Mäuse und am Sonntag sogar zwei Ratten. Die aber fanden die Geschichte höchst jämmerlich.

„Wissen Sie keine vom Speck oder aus der Speisekammer?“, fragten sie.

„Nein“, sagte der Baum. „Ich kenne nur diese eine. Ich hörte sie an meinem glücklichsten Abend, und damals wusste ich gar nicht, wie glücklich ich war.“

„Dann verzichten wir“, sagten die Ratten und gingen. Das betrübte die kleinen Mäuse, denn nun hielten auch sie weniger davon, und zuletzt blieben sie weg.

„Es war doch schön, als sie um mich herumsaßen und zuhörten“, seufzte der Baum. „Aber ich will daran denken, mich zu freuen, wenn man mich wieder hervorholt.“

Eines Morgens räumten Leute den Dachboden auf, rückten die Kisten weg und schleppten den Baum die Treppe hinunter, wo der Tag leuchtete.

Nun beginnt das Leben wieder, dachte er, als er die frische Luft spürte. Dann war er draußen im Hof.

Der Hof stieß an einen Garten, wo alles blühte. Die Rosen dufteten über dem Gitter, und die Schwalben flogen umher.

„Nun werde ich leben!“, jubelte er und breitete seine Zweige weit aus. Aber ach, sie waren vertrocknet und gelb, und er lag im Winkel zwischen Unkraut und Nesseln.

Der Stern aus Goldpapier saß noch oben auf der Spitze und glänzte in der Sonne.

Im Hof spielten einige der Kinder, die zur Weihnachtszeit um ihn getanzt hatten. Das kleinste lief herbei und riss den Goldstern ab.

Der braune, dürre Baum liegt im Unkraut. Ein Kind in Lederstiefeln hebt den goldenen Stern auf, ein größeres Kind daneben, hinter dem Zaun blüht ein Garten.

„Sieh nur, was da noch an dem alten Tannenbaum hängt!“, sagte es und trat auf die Zweige, dass sie unter den Stiefeln knackten.

Der Baum sah sich selbst an und wünschte, er wäre in seinem dunklen Winkel liegen geblieben. Er dachte an seine Jugend im Wald, an den Weihnachtsabend und an die kleinen Mäuse.

„Vorbei! Vorbei!“, sagte der alte Baum. „Hätte ich mich doch gefreut, als ich es noch konnte! Vorbei! Vorbei!“

Dann kam der Knecht und hieb den Baum in Stücke, und hell flackerte es auf unter dem großen Braukessel.

Der Baum seufzte tief, und jeder Seufzer klang wie ein kleiner Schuss. Darum liefen die Kinder herbei, setzten sich vor das Feuer und riefen: „Piff! Piff!“

Auf der gemauerten Feuerstelle steht ein Kupferkessel mit aufgeklapptem Deckel, darunter brennt ein Feuer. Fünf Kinder sitzen davor, am Zaun blühen Rosen.

Bei jedem Knall aber dachte er an einen Sommertag im Wald, an eine Winternacht voller Sterne, an den Weihnachtsabend und an Klumpe-Dumpe, das einzige Märchen, das er kannte. Dann war der Baum verbrannt.

Die Jungen spielten im Garten, und der kleinste trug den Goldstern auf der Brust, den der Baum an seinem glücklichsten Abend getragen hatte. Nun war es mit dem Baum vorbei und mit der Geschichte auch. Vorbei, vorbei, und so geht es mit allen Geschichten.

Nacherzählt von Talerie, Quelle: Sämmtliche Märchen (wird in einem neuen Fenster geöffnet)

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