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Ein junger Fischer reitet auf dem Rücken einer großen Schildkröte durch grünes Meerwasser, unten Korallen und rote Meerbrassen, in der Ferne ein Palasttor.Original

Urashima Taro

Unbekannter Verfasser

22 Min. Lesezeitab 6 Jahren

Der Fischer Urashima Taro rettet eine Schildkröte, und sie trägt ihn zum Dank in den Palast des Meereskönigs, wo er dessen Tochter heiratet. Als Urashima heimkehrt, sind dreihundert Jahre vergangen; am Strand öffnet er ein verbotenes Kästchen, ein purpurnes Wölkchen steigt auf, und er wird alt und fällt tot nieder.


Vor langer, langer Zeit lebte in der Provinz Tango an der Küste Japans, in dem kleinen Fischerdorf Mizunoe, ein junger Fischer namens Urashima Taro. Schon sein Vater war Fischer gewesen, und dessen Geschick war doppelt und dreifach auf den Sohn übergegangen. Urashima war der beste Fischer weit und breit; an einem einzigen Tag fing er mehr Bonitos und Meerbrassen als seine Gefährten in einer ganzen Woche.

Doch im Dorf war er weniger für sein Geschick bekannt als für sein gutes Herz. Sein Leben lang hatte er keinem Geschöpf etwas zuleide getan, keinem großen und keinem kleinen. Schon als Junge hatten ihn die anderen Kinder ausgelacht, weil er nie mitmachte, wenn sie Tiere quälten. Im Gegenteil, er versuchte immer, sie von diesem grausamen Spiel abzuhalten.

An einem milden Sommerabend, als es schon dämmerte, kam er nach einem langen Tag auf dem Meer heim und traf auf eine Schar Kinder. Sie schrien und redeten alle durcheinander, so laut sie konnten, und schienen über irgendetwas furchtbar aufgeregt zu sein. Urashima ging hin, um nachzusehen, was los war, und sah, dass sie eine Schildkröte quälten.

Erst zerrte sie ein Junge hierhin, dann ein anderer dorthin, ein dritter schlug mit einem Stock auf sie ein, und der vierte hämmerte mit einem Stein auf ihren Panzer.

Urashima tat die arme Schildkröte von Herzen leid, und er beschloss, sie zu retten. Er sprach die Jungen an:

„Hört mal, ihr Jungen, ihr behandelt die arme Schildkröte so schlecht, dass sie bald sterben wird!“

Die Jungen waren alle in dem Alter, in dem Kinder Freude daran zu haben scheinen, Tiere zu quälen. Sie achteten nicht auf Urashimas sanften Tadel und machten weiter wie zuvor. Einer der älteren Jungen antwortete:

„Was kümmert es uns, ob sie lebt oder stirbt? Uns ist das egal. Los, Jungs, weiter, weiter!“

Und sie quälten die arme Schildkröte noch grausamer als vorher. Urashima wartete einen Augenblick und überlegte, wie er am besten mit den Jungen umgehen sollte. Er wollte versuchen, sie im Guten dazu zu bringen, ihm die Schildkröte zu überlassen. Er lächelte sie also an und sagte:

„Ich weiß genau, dass ihr alle gute, liebe Jungen seid! Wollt ihr mir die Schildkröte nicht geben? Ich hätte sie so gern!“

„Nein, die Schildkröte geben wir Euch nicht“, sagte einer der Jungen. „Warum sollten wir? Wir haben sie selbst gefangen.“

„Da hast du recht“, sagte Urashima, „aber ich verlange ja nicht, dass ihr sie mir umsonst gebt. Ich gebe euch Geld dafür, der Onkel kauft sie euch also ab. Ist euch das recht, Jungen?“

Er hielt ihnen das Geld hin. Die Münzen waren auf eine Schnur gefädelt, die durch das Loch in der Mitte jeder Münze lief. „Seht her, Jungen, mit diesem Geld könnt ihr euch kaufen, was ihr wollt. Damit könnt ihr viel mehr anfangen als mit der armen Schildkröte. Wie brav ihr seid, dass ihr auf mich hört!“

Am Strand bei Sonnenuntergang hockt der junge Fischer vor vier lachenden Jungen und hält ihnen Münzen an einer Schnur hin, die Schildkröte liegt im Sand.

Böse waren die Jungen eigentlich gar nicht, nur übermütig. Während Urashima redete, gewannen sein freundliches Lächeln und seine sanften Worte sie für ihn, und sie wurden, wie man in Japan sagt, eines Sinnes mit ihm. Nach und nach kamen sie alle zu ihm heran, und der Anführer der kleinen Bande hielt ihm die Schildkröte hin.

„Na gut, Onkel, wir geben Euch die Schildkröte, wenn Ihr uns das Geld gebt!“

Urashima nahm die Schildkröte und gab den Jungen das Geld. Die riefen einander etwas zu, rannten davon und waren bald nicht mehr zu sehen.

Dann strich Urashima der Schildkröte über den Rücken und sagte dabei:

„Ach, du armes Ding, du armes Ding! Schon gut, schon gut, jetzt bist du in Sicherheit! Man sagt, ein Storch lebe tausend Jahre, eine Schildkröte aber zehntausend. Du hast das längste Leben von allen Geschöpfen auf dieser Welt, und beinahe hätten dir diese grausamen Jungen dieses kostbare Leben genommen. Zum Glück kam ich gerade vorbei und habe dich gerettet, und so gehört dein Leben noch dir. Jetzt bringe ich dich sofort zurück nach Hause, ins Meer. Lass dich nicht noch einmal fangen, denn das nächste Mal ist vielleicht niemand da, der dich rettet!“

Während der gute Fischer so redete, ging er mit schnellen Schritten zum Strand hinunter und hinaus auf die Felsen. Dort setzte er die Schildkröte ins Wasser, sah zu, wie sie verschwand, und machte sich dann selbst auf den Heimweg, denn er war müde, und die Sonne war schon untergegangen.

Am nächsten Morgen fuhr Urashima wie immer mit seinem Boot hinaus. Das Wetter war schön, Meer und Himmel lagen blau und sanft im zarten Dunst des Sommermorgens. Wie im Traum stieß er sein Boot vom Ufer ab und warf dabei schon die Angel aus. Bald lagen die anderen Fischerboote weit hinter ihm und verschwanden in der Ferne, und sein Boot trieb weiter und weiter hinaus auf das blaue Wasser.

Ohne zu wissen, warum, war er an diesem Morgen ungewöhnlich glücklich. Und immer wieder musste er daran denken, wie schön es wäre, wenn er wie die Schildkröte, die er am Tag zuvor freigelassen hatte, Tausende von Jahren leben könnte statt der kurzen Spanne eines Menschenlebens.

Plötzlich wurde er aus seinen Träumen gerissen, denn jemand rief seinen Namen:

„Urashima, Urashima!“

Hell wie eine Glocke und sanft wie der Sommerwind schwebte der Name über das Meer.

Urashima stand auf und schaute nach allen Seiten. Er dachte, eines der anderen Boote habe ihn eingeholt. Doch so weit er auch über das Wasser blickte, nirgends war ein Boot zu sehen. Die Stimme konnte also von keinem Menschen kommen.

Erschrocken fragte er sich, wer oder was ihn so deutlich gerufen hatte, und blickte noch einmal rings um sich. Da entdeckte er eine Schildkröte, die unbemerkt bis an sein Boot herangeschwommen war. Zu seinem Erstaunen erkannte er, dass es genau die Schildkröte war, die er am Tag zuvor gerettet hatte.

Der junge Fischer steht in seinem Holzboot auf dem stillen, dunstigen Meer und blickt erstaunt auf die Schildkröte, die neben dem Boot den Kopf hebt.

„Sieh an, Frau Schildkröte“, sagte Urashima, „hast du eben meinen Namen gerufen?“

Die Schildkröte nickte mehrmals mit dem Kopf und sagte:

„Ja, das war ich. Gestern hast du mir in deiner Güte das Leben gerettet, und nun komme ich, um dir zu danken und dir zu sagen, wie viel mir deine Freundlichkeit bedeutet.“

„So etwas“, sagte Urashima, „das ist sehr lieb von dir. Komm doch herauf ins Boot. Eine Pfeife könnte ich dir anbieten, aber eine Schildkröte raucht wohl nicht.“ Und der Fischer lachte über seinen eigenen Scherz.

„Hihihi!“, lachte die Schildkröte. „Reiswein trinke ich am allerliebsten, aber aus Tabak mache ich mir nichts.“

„Wie schade“, sagte Urashima, „dass ich keinen Reiswein im Boot habe, den ich dir anbieten könnte. Aber komm herauf und trockne dir den Rücken in der Sonne. Das haben Schildkröten doch so gern.“

So kletterte die Schildkröte ins Boot, und der Fischer half ihr dabei. Eine Weile tauschten die beiden höfliche Worte miteinander, dann fragte die Schildkröte:

„Hast du schon einmal Rin Gin gesehen, den Palast des Drachenkönigs des Meeres, Urashima?“

Der Fischer schüttelte den Kopf und antwortete: „Nein. Jahr für Jahr ist das Meer mein Zuhause, und ich habe oft vom Reich des Drachenkönigs unter dem Meer gehört, aber diesen wunderbaren Ort habe ich noch nie mit eigenen Augen gesehen. Er muss sehr weit weg sein, wenn es ihn überhaupt gibt!“

„Wirklich nicht? Du hast den Palast des Meereskönigs noch nie gesehen? Dann ist dir eines der größten Wunder der ganzen Welt entgangen. Er liegt weit weg auf dem Grund des Meeres, aber wenn ich dich hinbringe, sind wir bald dort. Wenn du das Land des Meereskönigs sehen möchtest, führe ich dich hin.“

„Ich käme sehr gern mit, und es ist freundlich von dir, dass du mich mitnehmen willst. Aber du musst bedenken, dass ich nur ein armer Sterblicher bin und nicht schwimmen kann wie du und die anderen Tiere des Meeres …“

Bevor der Fischer weitersprechen konnte, unterbrach ihn die Schildkröte:

„Wie bitte? Du brauchst doch gar nicht selbst zu schwimmen. Wenn du dich auf meinen Rücken setzt, trage ich dich hin, ganz ohne Mühe für dich.“

„Aber wie soll ich denn auf deinem kleinen Rücken reiten?“, fragte Urashima.

„Es mag dir unsinnig vorkommen, aber ich versichere dir, dass es geht. Versuch es gleich! Komm nur und steig auf meinen Rücken, dann siehst du, ob es so unmöglich ist, wie du glaubst!“

Als die Schildkröte ausgesprochen hatte, betrachtete Urashima ihren Panzer, und wie seltsam: Das Tier war auf einmal so groß geworden, dass ein Mann bequem auf seinem Rücken sitzen konnte.

„Das ist wirklich seltsam!“, sagte Urashima. „Nun, Frau Schildkröte, wenn du erlaubst, steige ich auf deinen Rücken. Hopp!“, rief er und sprang hinauf.

Die Schildkröte verzog keine Miene, als wäre das alles das Gewöhnlichste von der Welt, und sagte:

„Nun wollen wir in aller Ruhe aufbrechen.“ Mit diesen Worten sprang sie mit Urashima auf dem Rücken ins Meer und tauchte hinab in die Tiefe.

Lange zogen die beiden seltsamen Gefährten durch das Meer. Urashima wurde nie müde, und seine Kleider wurden vom Wasser nicht einmal feucht. Endlich erschien weit in der Ferne ein prächtiges Tor, und dahinter zeichneten sich am Horizont die langen, weit herabgezogenen Dächer eines Palastes ab.

„Oh!“, rief Urashima. „Da taucht ja das Tor eines großen Palastes auf! Frau Schildkröte, kannst du mir sagen, was das dort drüben ist?“

„Das ist das große Tor des Palastes Rin Gin. Das große Dach, das du hinter dem Tor siehst, ist der Palast des Meereskönigs selbst.“

„Dann sind wir also endlich im Reich des Meereskönigs und an seinem Palast angekommen“, sagte Urashima.

„Ja, so ist es“, antwortete die Schildkröte. „Und findest du nicht, dass wir sehr schnell hergekommen sind?“ Während sie das sagte, war sie schon am Tor angelangt. „Da wären wir. Von hier aus musst du bitte zu Fuß gehen.“

Nun ging die Schildkröte voran, sprach den Torwächter an und sagte:

„Das ist Urashima Taro aus Japan. Ich hatte die Ehre, ihn als Gast in dieses Reich zu bringen. Bitte zeig ihm den Weg.“

Der Torwächter, der ein Fisch war, führte sie sogleich durch das Tor.

Die Meerbrasse, die Flunder, die Seezunge, der Tintenfisch und all die anderen vornehmen Gefolgsleute des Drachenkönigs des Meeres kamen nun heraus und begrüßten den Fremden mit höfischen Verbeugungen.

„Herr Urashima, Herr Urashima! Willkommen im Meerespalast, dem Haus des Drachenkönigs des Meeres. Seid dreimal willkommen, denn Ihr kommt aus einem so fernen Land. Und Euch, Frau Schildkröte, danken wir von Herzen für all die Mühe, mit der Ihr Herrn Urashima hergebracht habt.“ Dann wandten sie sich wieder an Urashima und sagten: „Bitte folgt uns hier entlang.“ Von da an führte ihn die ganze Schar der Fische.

Urashima war nur ein armer Fischerjunge und wusste nicht, wie man sich in einem Palast benimmt. Aber so fremd ihm alles war, er schämte sich nicht und war auch nicht verlegen, sondern folgte seinen freundlichen Begleitern ganz ruhig bis in den inneren Palast.

Als er an die Pforte kam, trat ihm eine wunderschöne Prinzessin mit ihren Dienerinnen entgegen, um ihn zu begrüßen. Sie war schöner als jeder Mensch und trug weite, fließende Gewänder in Rot und in einem zarten Grün wie die Unterseite einer Welle, und in den Falten ihres Kleides schimmerten goldene Fäden. Ihr langes schwarzes Haar fiel ihr über die Schultern, wie es die Königstöchter vor vielen hundert Jahren getragen hatten, und wenn sie sprach, klang ihre Stimme wie Musik über dem Wasser.

Die Prinzessin in roten und grünen Gewändern tritt mit zwei Dienerinnen aus einer roten Pforte, unten an der Treppe steht der Fischer bei Korallen.

Urashima war ganz in ihren Anblick versunken und brachte kein Wort heraus. Dann fiel ihm ein, dass er sich verneigen sollte. Doch noch ehe er sich tief verbeugen konnte, nahm ihn die Prinzessin bei der Hand, führte ihn in eine prächtige Halle an den Ehrenplatz am oberen Ende und bat ihn, sich zu setzen.

„Urashima Taro, es ist mir eine große Freude, dich im Reich meines Vaters willkommen zu heißen“, sagte die Prinzessin. „Gestern hast du eine Schildkröte freigelassen, und ich habe dich selbst hierhergeholt, um dir dafür zu danken, dass du mir das Leben gerettet hast. Denn diese Schildkröte war ich. Wenn du möchtest, sollst du nun für immer hier leben, im Land der ewigen Jugend, wo der Sommer nie vergeht und wohin kein Kummer kommt. Und wenn du willst, werde ich deine Braut, und wir leben glücklich miteinander bis in alle Ewigkeit!“

Als Urashima ihre lieblichen Worte hörte und in ihr schönes Gesicht sah, erfüllten großes Staunen und große Freude sein Herz. Er fragte sich, ob das alles nicht nur ein Traum sei, und antwortete:

„Tausend Dank für deine freundlichen Worte. Nichts könnte ich mir mehr wünschen, als hier bei dir zu bleiben, in diesem schönen Land, von dem ich so oft gehört und das ich doch bis heute nie gesehen habe. Es ist der wunderbarste Ort, den ich je erblickt habe, schöner, als ich es mit Worten sagen kann.“

Während er noch sprach, erschien ein Zug von Fischen, alle in feierlichen Gewändern mit langen Schleppen. Einer nach dem anderen schritten sie still und würdevoll in die Halle und trugen auf Korallentabletts Köstlichkeiten aus Fisch und Seetang, wie sie sich niemand erträumen kann. Dieses herrliche Festmahl wurde vor Braut und Bräutigam aufgetragen.

Die Hochzeit wurde mit blendender Pracht gefeiert, und im ganzen Reich des Meereskönigs herrschte große Freude. Sobald das junge Paar einander mit dem Hochzeitsbecher zugetrunken hatte, dreimal drei Schlucke Reiswein, erklang Musik, Lieder wurden gesungen, und Fische mit silbernen Schuppen und goldenen Schwänzen kamen aus den Wellen herein und tanzten. Urashima freute sich von ganzem Herzen. Noch nie in seinem Leben hatte er an einem so prächtigen Festmahl gesessen.

Nach dem Fest fragte die Prinzessin den Bräutigam, ob er durch den Palast gehen und alles ansehen wolle, was es dort zu sehen gab. Da folgte der glückliche Fischer seiner Braut, der Tochter des Meereskönigs, und sie zeigte ihm alle Wunder dieses verzauberten Landes, in dem Jugend und Freude Hand in Hand gingen und weder Zeit noch Alter ihnen etwas anhaben konnten.

Der Palast war aus Korallen gebaut und mit Perlen geschmückt, und seine Schönheit und seine Wunder waren so groß, dass sie sich mit Worten nicht beschreiben lassen.

Noch wunderbarer als der Palast aber war für Urashima der Garten, der ihn umgab. Dort sah man alle vier Jahreszeiten zugleich: Die Schönheit des Sommers und des Winters, des Frühlings und des Herbstes zeigte sich dem staunenden Gast auf einmal.

Als er zuerst nach Osten blickte, standen die Pflaumen- und Kirschbäume in voller Blüte, Nachtigallen sangen in den rosa Alleen, und Schmetterlinge flatterten von Blume zu Blume.

Im Süden standen alle Bäume im vollen Grün des Sommers, und laut zirpten die Zikaden am Tag und die Grillen in der Nacht.

Im Westen glühte das Herbstlaub der Ahornbäume wie der Himmel bei Sonnenuntergang, und die Chrysanthemen standen in ihrer schönsten Pracht.

Als er aber nach Norden blickte, fuhr Urashima zusammen, so anders war es dort: Der Boden lag silberweiß unter Schnee, Bäume und Bambus waren verschneit, und auf dem Teich lag dickes Eis.

Der Fischer steht erschrocken auf einer Steinbrücke: links verschneiter Bambus und ein vereister Teich, dahinter blühende Kirschbäume, rechts roter Ahorn.

Jeden Tag gab es für Urashima neue Freuden und neue Wunder, und er war so glücklich, dass er alles vergaß, sogar das Zuhause, das er verlassen hatte, seine Eltern und sein eigenes Land. Drei Tage vergingen, ohne dass er auch nur einmal an all das dachte, was er zurückgelassen hatte.

Dann kam er wieder zu sich. Er erinnerte sich, wer er war und dass er nicht in dieses wunderbare Land und nicht in den Palast des Meereskönigs gehörte, und er sagte zu sich selbst:

„Ach, ich darf nicht länger hierbleiben, denn zu Hause habe ich einen alten Vater und eine alte Mutter. Was mag ihnen in all der Zeit geschehen sein? Wie sehr müssen sie sich in diesen Tagen gesorgt haben, als ich nicht wie sonst heimkam! Ich muss sofort zurück, ohne noch einen einzigen Tag verstreichen zu lassen.“ Und in großer Eile begann er, sich für die Reise bereitzumachen.

Nun ging er zu seiner schönen Frau, der Prinzessin, die Otohime hieß, verneigte sich tief vor ihr und sagte:

„Ich war wirklich lange sehr glücklich bei dir, Prinzessin Otohime, und du warst so gütig zu mir, dass ich es gar nicht sagen kann. Aber jetzt muss ich Abschied nehmen. Ich muss zurück zu meinen alten Eltern.“

Da fing Prinzessin Otohime an zu weinen und sagte leise und traurig:

„Geht es dir denn nicht gut hier, Urashima, dass du mich so bald verlassen willst? Warum diese Eile? Bleib doch wenigstens noch einen einzigen Tag bei mir!“

Aber Urashima hatte sich an seine alten Eltern erinnert, und in Japan steht die Pflicht gegenüber den Eltern über allem anderen, sogar über Vergnügen und Liebe. Er ließ sich nicht umstimmen und antwortete:

„Ich muss wirklich gehen. Glaub nicht, dass ich dich verlassen will. Das ist es nicht. Ich muss heim und nach meinen alten Eltern sehen. Lass mich für einen Tag gehen, dann komme ich zu dir zurück.“

„Dann“, sagte die Prinzessin traurig, „ist nichts zu machen. Ich schicke dich noch heute zurück zu deinem Vater und deiner Mutter. Und statt zu versuchen, dich noch einen Tag hierzubehalten, gebe ich dir dies als Zeichen unserer Liebe. Bitte nimm es mit.“ Und sie brachte ihm eine schöne Lackschatulle, mit einer roten Seidenschnur umwunden und mit Quasten aus roter Seide geschmückt.

Die Prinzessin reicht dem Fischer unter Tränen ein schwarzes Kästchen aus Lack, mit roter Seidenschnur umwunden, hinter der Veranda leuchten Korallen.

Urashima hatte von der Prinzessin schon so viel bekommen, dass er Bedenken hatte, das Geschenk anzunehmen. Er sagte:

„Es scheint mir nicht recht, nach all der Güte, die ich von dir erfahren habe, noch ein Geschenk von dir anzunehmen. Aber weil es dein Wunsch ist, will ich es tun.“ Dann fügte er hinzu: „Sag mir, was ist das für ein Kästchen?“

„Das“, antwortete die Prinzessin, „ist das Tamatebako, das Kästchen der Juwelenhand, und es enthält etwas sehr Kostbares. Dieses Kästchen darfst du nicht öffnen, was auch geschieht! Wenn du es öffnest, wird dir etwas Schreckliches zustoßen! Versprich mir jetzt, dass du dieses Kästchen niemals öffnen wirst!“

Und Urashima versprach, dass er das Kästchen niemals, niemals öffnen würde, was auch geschähe.

Dann nahm er Abschied von Prinzessin Otohime und ging hinunter ans Ufer. Die Prinzessin und ihre Dienerinnen folgten ihm, und dort wartete eine große Schildkröte auf ihn.

Schnell stieg er der Schildkröte auf den Rücken, und sie trug ihn über das glänzende Meer nach Osten davon. Er schaute zurück und winkte Prinzessin Otohime zu, bis er sie endlich nicht mehr sehen konnte und das Land des Meereskönigs und die Dächer des wunderbaren Palastes in weiter, weiter Ferne verschwunden waren. Dann wandte er das Gesicht voller Ungeduld seiner Heimat zu und hielt Ausschau, ob vor ihm am Horizont schon die blauen Hügel auftauchten.

Endlich trug ihn die Schildkröte in die Bucht, die er so gut kannte, an den Strand, von dem er aufgebrochen war. Er stieg ans Ufer und sah sich um, während die Schildkröte zurück ins Reich des Meereskönigs schwamm.

Aber was war das für eine seltsame Angst, die Urashima ergriff, als er dastand und um sich blickte? Warum starrte er die Leute, die an ihm vorbeigingen, so unverwandt an, und warum blieben sie stehen und sahen ihn an? Der Strand war derselbe, und die Hügel waren dieselben, aber die Menschen hatten ganz andere Gesichter als die, die er früher so gut gekannt hatte.

Er fragte sich, was das bedeuten mochte, und ging schnell zu seinem alten Elternhaus. Auch das sah anders aus, doch an derselben Stelle stand ein Haus, und er rief:

„Vater, ich bin wieder da!“

Urashima wollte gerade hineingehen, als ein fremder Mann herauskam.

„Vielleicht sind meine Eltern umgezogen, während ich fort war, und wohnen jetzt woanders“, dachte der Fischer. Doch ohne zu wissen, warum, wurde ihm seltsam bang ums Herz.

„Verzeiht“, sagte er zu dem Mann, der ihn anstarrte, „aber bis vor wenigen Tagen habe ich in diesem Haus gewohnt. Mein Name ist Urashima Taro. Wohin sind meine Eltern gegangen, die ich hier zurückgelassen habe?“

Der Mann machte ein ganz verwirrtes Gesicht, sah Urashima weiter unverwandt an und sagte:

„Was? Ihr seid Urashima Taro?“

„Ja“, sagte der Fischer, „ich bin Urashima Taro!“

„Ha, ha!“, lachte der Mann. „Mit solchen Dingen solltet Ihr nicht scherzen. Es stimmt zwar, dass einmal ein Mann namens Urashima Taro in diesem Dorf gelebt hat, aber das ist dreihundert Jahre her. Der kann unmöglich noch am Leben sein!“

Als Urashima diese seltsamen Worte hörte, erschrak er und sagte:

„Bitte, bitte, treibt keinen Scherz mit mir, ich bin ganz durcheinander. Ich bin wirklich Urashima Taro, und dreihundert Jahre habe ich ganz bestimmt nicht gelebt. Bis vor vier oder fünf Tagen habe ich genau hier gewohnt. Sagt mir bitte, was ich wissen will, und scherzt nicht länger.“

Doch das Gesicht des Mannes wurde immer ernster, und er antwortete:

„Ob Ihr Urashima Taro seid oder nicht, weiß ich nicht. Aber der Urashima Taro, von dem ich gehört habe, ist ein Mann, der vor dreihundert Jahren gelebt hat. Vielleicht seid Ihr sein Geist und besucht Euer altes Zuhause?“

„Warum verspottet Ihr mich?“, sagte Urashima. „Ich bin kein Geist! Ich bin ein lebendiger Mensch. Seht Ihr denn nicht meine Füße?“ Und bum, bum stampfte er auf den Boden, erst mit dem einen Fuß, dann mit dem anderen, um es dem Mann zu zeigen. In Japan haben Geister nämlich keine Füße.

Der Fischer stampft mit dem Fuß auf den Weg, das Kästchen unterm Arm. Aus der Tür eines Hauses sieht ihn ein Mann im grauen Kimono an, einen Besen in der Hand.

„Aber Urashima Taro hat vor dreihundert Jahren gelebt, mehr weiß ich nicht. So steht es in der Chronik des Dorfes“, beharrte der Mann, der dem Fischer nicht glauben konnte.

Urashima war ganz verstört und voller Kummer. Ratlos stand er da und sah sich um. Und wirklich, alles sah irgendwie anders aus, als er es in Erinnerung hatte, und eine furchtbare Ahnung beschlich ihn, dass der Mann vielleicht die Wahrheit sagte. Ihm war, als wäre er in einem seltsamen Traum.

Die wenigen Tage, die er im Palast des Meereskönigs jenseits des Meeres verbracht hatte, waren gar keine Tage gewesen. Es waren Hunderte von Jahren gewesen, und in dieser Zeit waren seine Eltern gestorben und alle Menschen, die er je gekannt hatte, und seine eigene Geschichte stand längst in der Chronik des Dorfes. Es hatte keinen Sinn, noch länger hierzubleiben. Er musste zurück zu seiner schönen Frau jenseits des Meeres.

Er ging zum Strand zurück, in der Hand das Kästchen, das ihm die Prinzessin geschenkt hatte. Aber welcher Weg führte zurück? Allein konnte er ihn nicht finden! Da dachte er plötzlich an das Kästchen in seiner Hand.

„Als die Prinzessin mir das Kästchen gab, hat sie gesagt, dass ich es niemals öffnen darf, weil etwas sehr Kostbares darin ist. Aber jetzt habe ich kein Zuhause mehr. Ich habe alles verloren, was mir hier lieb war, und vergehe fast vor Kummer. Wenn ich das Kästchen jetzt öffne, finde ich darin bestimmt etwas, das mir hilft, etwas, das mir den Weg zurück zu meiner schönen Prinzessin jenseits des Meeres zeigt. Mir bleibt nichts anderes übrig. Ja, ja, ich öffne das Kästchen und schaue hinein!“

So gab sein Herz dem Ungehorsam nach, und er redete sich ein, es sei recht, sein Versprechen zu brechen.

Langsam, ganz langsam knüpfte er die rote Seidenschnur auf, langsam und voller Erwartung hob er den Deckel des kostbaren Kästchens. Und was fand er? Wie seltsam: Nur ein schönes kleines purpurnes Wölkchen stieg in drei sanften Schwaden aus dem Kästchen auf. Für einen Atemzug hüllte das Wölkchen sein Gesicht ein und schwebte über ihm, als wollte es nicht fortgehen. Dann zog es wie Dunst über das Meer davon.

Der Fischer kniet am grauen Strand und hebt den Deckel vom schwarzen Kästchen, die rote Seidenschnur liegt im Sand, ein purpurnes Wölkchen steigt auf.

Urashima, der bis zu diesem Augenblick wie ein starker, schöner junger Mann von vierundzwanzig Jahren ausgesehen hatte, wurde plötzlich sehr, sehr alt. Sein Rücken krümmte sich vor Alter, sein Haar wurde schneeweiß, sein Gesicht faltig, und er fiel tot am Strand nieder.

Armer Urashima! Weil er ungehorsam gewesen war, konnte er nie mehr ins Reich des Meereskönigs zurückkehren, nie mehr zu der lieblichen Prinzessin jenseits des Meeres.

Ihr lieben Kinder, seid denen, die klüger sind als ihr, niemals ungehorsam, denn mit dem Ungehorsam fing alles Elend und aller Kummer des Lebens an.

Nacherzählt von Talerie, Quelle: Japanese Fairy Tales (wird in einem neuen Fenster geöffnet)Lizenz: Gemeinfrei