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Ein junger Mann mit dunklem Bart hält nachts einen Klumpen Gold in einem weißen Tuch an ein offenes Fenster, den Finger am Mund. Drinnen schläft die Familie.Original

Die Legende vom heiligen Nikolaus

Jacobus de Voragine

12 Min. Lesezeitab 8 Jahren

Nikolaus wirft einem verarmten Nachbarn nachts heimlich Gold ins Haus, wird Bischof der Stadt Myra und rettet Seeleute im Sturm und drei unschuldige Soldaten. Nach seinem Tod fließt aus seinem Grab heiliges Öl, und im Jahr 1087 bringen Soldaten aus Bari seine Gebeine aus dem zerstörten Myra in ihre Stadt.


Nikolaus stammte aus der Stadt Patara und war der Sohn reicher und frommer Eltern. Sein Vater hieß Epiphanius, seine Mutter Johanna. Sie hatten ihn bekommen, als sie noch jung waren, und danach kein Kind mehr. Schon am Tag seiner Geburt geschah etwas Seltsames: Als man ihn badete, richtete sich das Neugeborene auf und stand aufrecht in der Wanne. Und solange er ein kleines Kind war, trank er nur zweimal in der Woche an der Brust seiner Mutter, mittwochs und freitags.

Als er heranwuchs, machte er bei den wilden Vergnügungen der anderen jungen Leute nicht mit. Lieber ging er in die Kirche, und alles, was er dort aus der Heiligen Schrift hörte, behielt er im Gedächtnis.

Dann starben seine Eltern, und Nikolaus war auf einmal ein sehr reicher Mann. Lange überlegte er, was er mit all dem Geld anfangen sollte. Eines war ihm klar: Er wollte es nicht ausgeben, damit die Menschen ihn lobten, sondern zur Ehre Gottes.

Nun wohnte neben ihm ein Mann aus guter, angesehener Familie, der völlig verarmt war. Er wusste nicht mehr, wovon er leben sollte, und so wollte er seine drei Töchter zu Dirnen machen und von dem Geld leben, das sie mit ihrem Körper verdienten. Als Nikolaus davon hörte, packte ihn das Entsetzen über eine so schlimme Tat.

In der Nacht wickelte er einen Klumpen Gold in ein Tuch, warf ihn durch das Fenster ins Haus des Nachbarn und lief davon, ohne dass ihn jemand sah. Am Morgen stand der Mann auf und fand das Gold. Er dankte Gott und begann gleich, die Hochzeit seiner ältesten Tochter vorzubereiten.

Einige Zeit später schenkte Nikolaus ihm auf dieselbe Weise einen zweiten Klumpen Gold. Als der Nachbar ihn fand, lobte und pries er Gott mit lauter Stimme. Und er nahm sich vor, von nun an nachts wach zu bleiben, denn er wollte endlich wissen, wer ihm in seiner Not so half.

Wenige Tage danach flog wieder ein Klumpen Gold ins Haus, diesmal doppelt so groß wie die beiden ersten. Der Nachbar hörte ihn auf den Boden schlagen, sprang sofort auf und rannte Nikolaus nach, der schon davonlief. „Bleibt doch stehen“, rief er ihm hinterher, „damit ich Euer Gesicht sehen kann!“ Er lief so schnell, dass er den jungen Mann schließlich einholte, und nun erkannte er ihn.

Der Nachbar warf sich vor ihm zu Boden und wollte ihm die Füße küssen. Doch Nikolaus wollte keinen Dank.

In einer nächtlichen Gasse kniet der arme, graubärtige Nachbar in geflickter Tunika und hält Nikolaus’ Hand, während Nikolaus die andere Hand abwehrend hebt.

„Steht auf“, sagte er. „Und versprecht mir eines: Euer Leben lang erzählt Ihr keinem Menschen, was ich für Euch getan habe.“

Und der Mann musste es ihm versprechen.

Einige Zeit später starb der Bischof der Stadt Myra. Da kamen alle Bischöfe der Gegend zusammen, um einen Nachfolger zu wählen. Unter ihnen war ein alter Bischof, dessen Wort großes Gewicht hatte; was er für richtig hielt, dem stimmten die anderen zu. Er hatte alle aufgefordert, zu fasten und zu beten. In der Nacht hörte er eine Stimme, die zu ihm sagte: „Stell dich morgen früh an die Tür der Kirche. Der erste Mann, der hineingeht, den sollst du zum Bischof weihen.“

Gleich erzählte der alte Bischof den anderen davon und ging hinaus vor die Kirchentür. Und durch Gottes Fügung kam Nikolaus noch vor dem Morgengrauen zur Kirche und trat als Erster ein.

Der alte Bischof ging auf ihn zu und fragte: „Wie heißt du?“

Nikolaus war schlicht und arglos wie eine Taube. Er senkte den Kopf und antwortete: „Nikolaus, der Diener Eurer Heiligkeit.“

In der offenen Kirchentür senkt Nikolaus im Mantel den Kopf vor einem alten, weißbärtigen Bischof, der die Hand hebt; dahinter weitere Bischöfe und Öllampen.

Da legten ihm die Bischöfe prächtige Gewänder an und setzten ihn auf den Bischofsstuhl. Doch auch als Bischof blieb Nikolaus so demütig und ernst wie zuvor. Er verbrachte die Nächte im Gebet, war hart gegen sich selbst und hielt sich von Frauen fern. Wer zu ihm kam, den empfing er ohne jeden Hochmut. Seine Worte gingen zu Herzen, seine Ratschläge halfen, und wenn er tadeln musste, tat er es streng. Eine alte Chronik berichtet auch, dass er an dem großen Konzil von Nizäa teilnahm.

Eines Tages gerieten Seeleute in einen schweren Sturm. Weinend beteten sie: „Nikolaus, du Diener Gottes, wenn wahr ist, was man uns von dir erzählt hat, dann lass es uns jetzt erfahren!“

Im selben Augenblick stand jemand vor ihnen, der das Gesicht des Heiligen hatte, und sagte: „Ihr habt mich gerufen, hier bin ich!“

Er packte mit an, bei den Segeln, bei den Tauen und bei allem anderen, was auf dem Schiff zu tun war. Und auf der Stelle legte sich der Sturm.

Im Sturm zieht der graubärtige Bischof Nikolaus an einem Tau, drei der bärtigen Seeleute an den Tauen schauen zu ihm auf, hohe Wellen rollen heran.

So kamen die Seeleute mit dem Leben davon. Als sie wieder an Land waren, gingen sie in die Kirche, in der Nikolaus war, und erkannten ihn sofort, obwohl sie ihn nie zuvor gesehen hatten. Sie dankten ihm für ihre Rettung. Er aber sagte: „Dankt nicht mir, sondern Gott. Seine Barmherzigkeit und euer eigener Glaube haben euch gerettet.“

Zu einer anderen Zeit brach in der ganzen Gegend, in der Nikolaus Bischof war, eine schreckliche Hungersnot aus. Niemand hatte mehr etwas zu essen. Da hörte Nikolaus, dass im Hafen Schiffe lagen, die mit Getreide beladen waren. Sofort ging er hin und bat die Schiffsleute, den Hungernden zu helfen und ihnen wenigstens hundert Scheffel Getreide von jedem Schiff zu überlassen.

„Vater, das wagen wir nicht“, antworteten sie. „Unsere Ladung ist in Alexandria abgemessen worden, und wir müssen sie vollständig in den Kornspeichern des Kaisers abliefern.“

„Tut trotzdem, was ich euch sage“, erwiderte Nikolaus. „Ich verspreche euch im Namen Gottes: Die Zöllner des Kaisers werden in eurer Ladung nicht ein Korn zu wenig finden.“

Die Schiffsleute taten es. Und als sie an ihrem Ziel ankamen, lieferten sie in den Kornspeichern des Kaisers genauso viel Getreide ab, wie in Alexandria abgemessen worden war. Sie sahen das Wunder, erzählten es überall weiter und priesen Gott, der durch seinen Diener so Großes getan hatte.

Das Getreide aber, das sie dagelassen hatten, verteilte Nikolaus an alle, an jeden so viel, wie er brauchte. Auf wunderbare Weise reichte es für die ganze Gegend zwei Jahre lang, und es blieb sogar noch genug übrig, um die Felder reichlich damit zu besäen.

Früher hatten die Menschen in dieser Gegend Götzen angebetet. Und noch zur Zeit des heiligen Nikolaus hielten einige Bauern an alten heidnischen Bräuchen fest, die sie unter einem Baum feierten, der der Göttin Diana geweiht war. Um damit ein Ende zu machen, ließ Nikolaus den Baum fällen.

Darüber geriet der böse Geist in Wut. Er braute ein unheimliches Öl, das sogar auf dem Wasser und auf Steinen brannte. Dann nahm er die Gestalt einer Nonne an, stieg in ein Boot und fuhr einem Schiff mit Pilgern entgegen, die zum heiligen Nikolaus unterwegs waren.

„Wie schade, dass ich nicht mit euch zu dem heiligen Mann fahren kann“, sagte die Nonne. „Tut mir wenigstens einen Gefallen und denkt dabei an mich: Bestreicht mit diesem Öl die Wände seiner Kirche und seines Hauses.“

Kaum war ihr Boot davongefahren, sahen die Pilger ein anderes Boot auf sich zukommen, und darin saß Nikolaus.

„Diese Frau“, sagte er, „was hat sie euch gesagt, und was hat sie euch gegeben?“

Die Pilger erzählten ihm alles, was geschehen war.

„Diese Frau ist keine Nonne“, sagte er, „sondern die schamlose Diana selbst. Wenn ihr einen Beweis wollt, dann werft das Öl ins Meer!“

Kaum hatten sie es ins Wasser geworfen, da fing es Feuer und brannte auf den Wellen. Da begriffen sie, dass dieses Öl ein Werk des Bösen war. Dann verschwand auch das zweite Boot. Doch als die Pilger später die Kirche des heiligen Nikolaus betraten, erkannten sie in ihm den Mann, der in dem Boot gesessen hatte.

Einmal hatte sich ein Volk gegen das Römische Reich erhoben. Der Kaiser schickte drei Feldherren gegen die Aufständischen: Nepotian, Ursus und Apilion. Unterwegs hielt sie ein Gegenwind auf, und sie mussten in einem Hafen anlegen, der zum Bistum des heiligen Nikolaus gehörte. Nikolaus lud sie zum Essen in sein Haus ein, denn er wollte verhindern, dass ihre Soldaten sein Volk ausplünderten.

Während der Heilige fort gewesen war, hatte sich der Konsul mit Geld bestechen lassen und drei unschuldige Soldaten zum Tod verurteilt. Sobald Nikolaus davon erfuhr, bat er seine Gäste, mit ihm zu kommen, und eilte mit ihnen zu dem Platz, an dem die Hinrichtung stattfinden sollte. Dort knieten die drei Soldaten schon, das Gesicht verhüllt, und der Henker schwang bereits das Schwert über ihren Köpfen.

Da stürzte sich Nikolaus voller Eifer und ohne Furcht auf den Henker, riss ihm das Schwert aus den Händen, band die drei Unschuldigen los und nahm sie heil und unversehrt mit sich. Dann lief er zum Amtshaus des Konsuls und brach die verschlossene Tür auf.

Auf einem sonnigen Platz löst Nikolaus, den Bischofsstab in der Hand, drei knienden Soldaten die Fesseln; links der Henker, rechts drei Feldherren.

Der Konsul kam ihm eilig entgegen, um ihn zu begrüßen. Doch Nikolaus stieß ihn zurück.

„Du Feind Gottes, du Verräter am Gesetz!“, rief er. „Wie kannst du es wagen, uns ins Gesicht zu sehen, wo du doch ein so furchtbares Verbrechen auf dem Gewissen hast?“

Lange und hart hielt er ihm seine Schuld vor. Aber die Feldherren baten für den Konsul, und weil der Mann seine Tat bereute, verzieh Nikolaus ihm schließlich. Danach empfingen die Feldherren den Segen des Heiligen und zogen weiter. Sie schlugen den Aufstand nieder, ohne dass Blut floss, und kehrten zum Kaiser zurück, der sie mit großen Ehren empfing.

Doch einige Leute am Hof waren neidisch auf die Gunst, in der die drei standen. Sie bestachen den Präfekten des Kaisers, und der klagte die Feldherren vor seinem Herrn des Hochverrats an. Da geriet der Kaiser in furchtbaren Zorn. Er ließ sie ins Gefängnis werfen und befahl, sie in der Nacht zu töten, ohne sie auch nur anzuhören.

Ihr Wächter verriet den dreien, was ihnen bevorstand. Sie zerrissen ihre Kleider und klagten bitterlich. Doch plötzlich erinnerte sich Nepotian daran, dass der heilige Nikolaus vor ihren Augen drei Unschuldige vor dem Tod gerettet hatte. Er sprach seinen Gefährten Mut zu, und sie riefen Nikolaus gemeinsam um Hilfe an.

In derselben Nacht erschien der heilige Nikolaus Kaiser Konstantin im Traum.

„Warum hast du diese Feldherren zu Unrecht verhaften lassen?“, sagte er. „Warum hast du sie zum Tod verurteilt, obwohl sie unschuldig sind? Steh schnell auf und lass sie sofort frei! Sonst bitte ich Gott, einen Krieg über dich zu schicken, in dem du untergehst und den wilden Tieren zum Fraß vorgeworfen wirst.“

„Wer bist du“, fragte der Kaiser, „dass du nachts in meinen Palast kommst und so mit mir zu reden wagst?“

„Ich bin Nikolaus, der Bischof der Stadt Myra.“

Auf dieselbe Weise erschien der Heilige auch dem Präfekten und jagte ihm einen gewaltigen Schrecken ein. „Du Narr“, sagte er, „warum hast du zugelassen, dass drei Unschuldige getötet werden sollen? Geh schnell und sorg dafür, dass man sie freilässt! Sonst wird dein Leib von Würmern zerfressen, und dein Haus wird auf der Stelle zerstört.“

„Wer bist du, dass du mir so drohst?“, fragte der Präfekt.

„Du sollst wissen: Ich bin Nikolaus, der Bischof der Stadt Myra!“

Als der Kaiser und der Präfekt aufwachten, erzählten sie einander ihren Traum und ließen die drei Gefangenen eilig holen.

„Seid ihr Zauberer“, fragte der Kaiser, „dass ihr uns mit solchen Traumbildern täuscht?“

Die Feldherren antworteten, sie seien keine Zauberer und an dem Verbrechen, das man ihnen vorwerfe, unschuldig.

„Kennt ihr einen Mann namens Nikolaus?“, fragte der Kaiser.

Als sie diesen Namen hörten, hoben sie die Hände zum Himmel und baten Gott, er möge sie um der Verdienste des heiligen Nikolaus willen aus ihrer Not retten. Dann erzählten sie dem Kaiser vom Leben des Heiligen und von seinen Wundern.

Da sagte der Kaiser: „Geht und dankt Gott, der euch auf die Bitte dieses Nikolaus gerettet hat! Aber berichtet ihm auch, was ich getan habe, und bringt ihm Geschenke von mir. Und bittet ihn, mir nicht mehr zu drohen, sondern für mich und mein Reich zu Gott zu beten!“

Einige Tage später kamen die Feldherren zu Nikolaus. Sie warfen sich vor ihm nieder, nannten ihn den wahren Diener Gottes und erzählten ihm alles, was geschehen war. Nikolaus hob die Hände zum Himmel und lobte Gott. Dann unterwies er die drei gründlich im Glauben und schickte sie nach Hause.

Als Gott den heiligen Nikolaus zu sich rufen wollte, bat Nikolaus ihn, seine Engel zu schicken. Und als er die Engel kommen sah, senkte er den Kopf und betete den Psalm: „Auf dich, Herr, vertraue ich.“ Dann starb er, und vom Himmel her erklang Musik. Das geschah im Jahr 343.

Man begrub ihn in einem Grab aus Marmor. Bald quoll am Kopf des Heiligen Öl hervor und an seinen Füßen Wasser. Noch heute fließt aus seinen Gebeinen ein heiliges Öl, das viele Kranke gesund macht. Nur ein einziges Mal versiegte es: als neidische Leute den Nachfolger des heiligen Nikolaus, einen sehr guten Mann, von seinem Bischofsstuhl vertrieben. Doch sobald der Bischof wieder in sein Amt eingesetzt war, floss das Öl sofort wieder.

Lange Zeit danach zerstörten die Türken die Stadt Myra. Da kamen siebenundvierzig Soldaten aus der Stadt Bari dorthin, und vier Mönche öffneten ihnen das Grab des heiligen Nikolaus. Die Soldaten nahmen seine Gebeine, die im Öl lagen, und brachten sie im Jahr 1087 nach Bari.

Nacherzählt von Talerie, Quelle: La Légende dorée (wird in einem neuen Fenster geöffnet)Lizenz: Gemeinfrei